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Thomas Mullens Roman "Weißes Feuer" über die ersten schwarzen Polizisten in Atlanta

PlayArchivbild in schwarz-weiß zeigt drei schwarze amerikanische Polizisten
Thomas Mullens Roman "Weißes Feuer" über die ersten schwarzen Polizisten in Atlanta | Video verfügbar bis 19.01.2021 | Bild: dpa

Mit dem Tageslicht verblasst die Ohnmacht. Mit der Nacht kommt der Stolz. Gerechtigkeit. Die Erfüllung einer Sehnsucht. Waffe im Halfter. Abzeichen auf der Brust. Sie waren die Ersten: acht schwarze Polizisten. "Für uns waren diese Polizisten Helden", sagt Jackson Smith, Weggefährte von Martin Luther King. 

Die Skyline von Atlanta
Die Skyline von Atlanta | Bild: BR

Atlanta, Georgia. 1948. Sie vertreten das Gesetz. Um sie herum die Südstaatenhölle. "Sie sind Bürger zweiter Klasse – und gleichzeitig Autoritätsfiguren. Ein enormer Konflikt", sagt Schriftsteller Thomas Mullen. Ihre Existenz ist eine Provokation. Für jene fernab der Moral. Jeder Tag kann der letzte sein. "Man hat mehrfach versucht, sie zu überfahren", sagt Tonya Austin vom Atlanta Police Department.

 Ihr Polizeirevier war ein Keller

Atlanta, 70 Jahre später. Amerikas glühender Süden. Martin Luther Kings Heimat. Keimzelle des Widerstands. Thomas Mullen hat über die ersten afroamerikanischen Polizisten der Stadt zwei Kriminalromane geschrieben. In diesem Haus waren die schwarzen Beamten untergebracht – im Keller. Das Polizeirevier ihrer weißen Kollegen durften sie nicht betreten. 

Ein amerikanisches Backsteinhaus mit vernagelten Fenstern
Das ehemalige Polizeiquartier  | Bild: BR

"Das war die ultimative Demütigung für sie – und doch: für die weißen Befürworter der Rassentrennung damals ganz normal", sagt Mullen. "Ich habe mich gewundert, wie die schwarzen Cops das ausgehalten haben, was für einen Effekt das auf ihre Psyche gehabt haben muss."

 Sie durften keine Weißen kontrollieren

Mullen geht der Frage in seinen Büchern nach. Kontrollieren dürfen die Polizisten nur andere Schwarze – nicht die Weißen. Arbeiten dürfen sie nur nach Sonnenuntergang und nur zu Fuß. Jede Nacht patrouillieren sie im Viertel, in dem wenig später Martin Luther King Pfarrer wird. In den Romanen taucht sein Vater, ebenfalls Pastor, als Randfigur auf. 

Ein afroamerikanischer Mann mit Brille im Rentenalter
Jackson Smith | Bild: BR

Jackson Smith saß damals als kleiner Junge in den Kirchenbänken – und tut es noch heute. Ein Nachbar und Freund der Kings. "In den 40ern hieß es, Schwarze und Weiße wären ‘separate but equal’ – getrennt aber gleichwertig. Von wegen! Getrennt ja, aber gleich waren wir nicht! Wir durften im Bus nur hinten sitzen, durften in viele Restaurants nicht gehen. Und: Die Polizei hat uns unterdrückt. Das ist ja heute noch immer an vielen Orten so, aber damals war es völlig ungeniert. Jeder dritte Polizist war Mitglied des Ku-Klux-Klan!" 

Viele hatten gegen den Faschismus gekämpft

Doch etwas beginnt sich zu ändern. Gerade hatten viele Afroamerikaner im Zweiten Weltkrieg für ihr Land gekämpft. Das musste doch etwas verändert haben, für sie, in Amerika. "Für die schwarze Bevölkerung damals war klar: Wenn wir den Faschismus in Europa bekämpfen, dann müssen wir das jetzt auch zu Hause tun", sagt Mullen. "Als der Krieg vorbei war, kamen viele mit großen Erwartungen zurück. 

Ein mittelalter weißer Mann wird interviewt
Autor Thomas Mullen | Bild: BR

Seine Romane spiegeln amerikanische Geschichte. Mitte der 40er: Der Supreme Court erlaubt Afroamerikanern die Teilnahme an Vorwahlen. Plötzlich wollen Politiker ihre Stimmen. Die ersten schwarzen Polizisten werden vereidigt. Ein Wort hatte die Stadtverwaltung noch schnell in ihre Ernennungs-Urkunden setzen lassen: Negro.

Kritik aus der eigenen Community

"Wir waren so stolz auf sie! Sie trugen ihre Uniform, hatten Autorität – und wir wussten: sie behandeln uns fair", erinnert sich Jackson Smith. "Für uns war das damals der Beginn einer neuen Ära." 

Doch, – das zeigen die Bücher – ihr Leben war ein Widerspruch. Jede Nacht das Gesetz verteidigen, das sie selbst fundamental diskriminierte. Tonya Austin ist heute eine ihrer Nachfolgerinnen. "Ich war mir lange gar nicht bewusst, wie groß die Opfer waren, die sie bringen mussten", sagt Austin. "Sie mussten enorm auf der Hut sein, jeden Tag. In ihrer eigenen Community wurden sie verspottet: dafür, dass ihre Möglichkeiten so begrenzt waren. Die Kritik an ihnen wuchs."

Eine afroamerikanische Polizistin in blauer Uniform
Sergeant Tonya Austin von der Atlanta Police Foundation | Bild: BR

 "Indem sie Teil des Systems wurden, wurden sie für viele auch zu Gegnern", sagt Mullen. "Auch wir stellen uns gerade in den USA wieder diese Frage: Wie kann man ein System verbessern? Indem man versucht, es von innen heraus zu verändern? Oder glauben wir, dass das System uns dann sofort korrumpiert – und wir ihm generell fernbleiben sollten?" 

Die Umwege der Moral sind lang

Und heute? Noch immer sind schwarze Amerikaner deutlich gefährdeter, von weißen Polizisten erschossen zu werden, als weiße. "Ich bin wahnsinnig enttäuscht, dass wir als Nation nicht schon viel weiter sind", sagt Smith. "Das ist Amerika. Das ist doch eine rechtschaffene Welt!" 

"Als Obama Präsident wurde, hat er Martin Luther King zitiert: 'Die Umwege der Moral sind lang, aber sie führen zur Gerechtigkeit.'", sagt Thomas Mullen. Seine Romane sind ein komplexes Abbild amerikanischer Zeitgeschichte. In all ihren Widersprüchen. Amerika, das war schon immer ein Versprechen. Der Blick nach vorne. Nie zurück. Ein Risiko. 

BUCH-TIPPS
Thomas Mullen: "Weißes Feuer" und "Darktown", Dumont Verlag

Autorin: Ronja Mira Dittrich

Stand: 19.01.2020 23:35 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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