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"Land of Dreams" von Shirin Neshat

PlayFilmausschnitt: Eine Frau zeichnet in der Wüste Bilder in den Sand
"Land of Dreams" von Shirin Neshat | Video verfügbar bis 12.09.2022 | Bild: Bon Voyage Films/Palodeon Pictures/Ghasem Ebrahimian

 

Wenn Du einem nahe kommst, einem Menschen und seinem Verhalten, sei bereit für Verwirrung, Unordnung und Leid. Simin befragt Menschen. Besonders die Träume sollen für den Staat aufgezeichnet werden. 

Eine mittelalte Frau mit schwarzen Haaren gibt ein Fernsehinterview
Regisseurin Shirin Neshat | Bild: BR

"Für mich ist die Hauptdarstellerin im Film eine Künstlerin – das kommt aus meinem eigenen Leben", sagt die Regisseurin Shirin Neshat. "Wenn man sich die Szene mit den Fotos auf dem Boden anschaut, für mich ist das wie eine Verbeugung vor Land Art und die Darstellerin wie eine Verkörperung von Cindy Sherman. Die Malerin wäre dann so wie Kara Walker oder die Fotografin bin ich.

Es ist so, als ob die Obsession für Kunst eine Möglichkeit der Heilung in sich bergen würde, eine Möglichkeit für Simin, mit der Vergangenheit, die sie permanent jagt, klar zu kommen. Und auch mit der Gegenwart, zu der sie keine rechte Bindung findet. Letztlich ist das, was sie privat macht aus ihrer Arbeit, nämlich Kunst, dasjenige, das ihr hilft Frieden zu finden in der Realität. Und das ist exakt das, was ich auch mache."

Aufmerksamkeit fürs Untbewusste

"Ich bin seit langer Zeit besessen von allem, was nicht Realismus bedeutet. Mich interessieren magischer Realismus, Surrealismus und Träume. Wir verbringen viele Stunden eines Tages schlafend und viele Stunden wach, aber für uns zählen meist nur die wachen Stunden und nicht dasjenige, was mit uns passiert, während wir schlafen. Aber wir sind dann in einem anderen Universum. Wir sehen Dinge, die wir in der Wirklichkeit nie sehen würden. Ich halte es für wirklich wichtig, unserem Unbewussten einige Aufmerksamkeit zu widmen."

Eine blaue Spirale
Filmausschnitt aus "Land of Dreams" | Bild: Bon Voyage Films/Palodeon Pictures/Ghasem Ebrahimian

Mama? Papa? Selbst wenn sie uns lange verlassen haben, sind sie da, die Toten, die Abwesenden, seltsam präsent für immer. Womöglich verstärkt ihre Abwesenheit die Präsenz. Zumindest im Unbewussten. Simin hat ihren Vater bei der islamistischen Revolution im Iran verloren. Sie ist jetzt nach der Flucht US-Bürgerin – so wie Shirin Neshat selbst.

Ein Amt, das die Träume der Bürger sammelt

"Ich war seit 1969 nicht mehr im Iran", sagt Shirin Neshat. "Aber ich träume sehr oft von meinem Heimatland. Und ich träume von meiner Mutter, ein wiederkehrender Traum, ich sehe sie in verschiedenen Situationen. Und ich denke, meine Mutter ist wie: das Mutterland. Ja, Erinnerungen sind sehr mächtig, egal wie alt du bist, sie lassen dich nie los. Bestimmte Erinnerungen sind einfach zu lebendig."

Filmausschnitt: Zwei Frauen in der Wüste
Ein Blick auf die Nachtseite unseres Daseins | Bild: Bon Voyage Films/Palodeon Pictures/Ghasem Ebrahimian

Diesen Film zu schauen, ist wirklich wie in einem Traum zu sein. Genauer gesagt, eher wie in einem Alptraum. Das Amt für Volkszählung sammelt Daten der Bürger, inklusive deren Träume.

Kritik an der US-Regierung

"Alles was ich je gemacht habe, kommt immer aus dem Persönlichen, ist sehr konzeptionelle, visuelle Kunst", sagt Shirin Neshat. "Und zugleich ist alles politisch aufgeladen." Shirin Neshat hat eine klare Haltung, auch zu ihrem zweiten Heimatland, den USA. Und deren Außenpolitik im mittleren Osten, wie gerade wieder in Afghanistan.

Eine Gruppe Menschen Versammelt am Esstisch
Versammelt am Esstisch | Bild: Bon Voyage Films/Palodeon Pictures/Ghasem Ebrahimian

"Die USA marschieren ein, greifen ein in unschuldigen anderen Ländern, um der eigenen Bevölkerung zu zeigen, dass sie die Täter von 9/11 ergreifen können. In Wirklichkeit verursachen sie Chaos und Bürgerkrieg, lassen die Menschen zurück. Sie schützen nur ihre eigenen Soldaten. Sie trauern nur über die eigenen Opfer. Sie geben nicht das Geringste auf die Leute vor Ort, die Einheimischen. Und dafür, als Amerikanerin, als Iranerin, als jemand aus dem mittleren Osten verachte ich dieses Auftreten. Und ich verurteile die amerikanische Regierung sich in so imperialer Weise aufzuführen."

Wer soll den Taliban glauben?

Und die Taliban? Der Westen fragt sich jetzt, ob man mit denen verhandeln kann. Shirin Neshat ist auch hier klar und scharf wie Diamant. "Schauen Sie an, was mit uns im Iran passiert ist. Seit der islamistischen Revolution wird uns erzählt, die Taliban haben versprochen jetzt moderater zu sein, freundlich zu Frauen, sie würden womöglich Demokratie zulassen, gute Erziehung für die Kinder – wer soll das glauben?

Eine blaue Spirale
Ausschnitt "Land of Dreams" | Bild: Bon Voyage Films/Palodeon Pictures/Ghasem Ebrahimian

Schauen Sie auf mein Land: als die Islamisten kamen, haben sie erst mal alle ermordet, die gegen sie waren. Sie haben die Frauen gezwungen sich zu verschleiern. Die politische Unterdrückung, das Einsperren der Künstler und Aktivisten. Frei zu sprechen ist absolut unmöglich. Und das seit 1979. Also bitte, wer soll den Taliban denn glauben? Das sind Warlords, die sogar noch rückständiger sind als die Islamisten im Iran oder sonst wo und ausgerechnet sie sollen eine demokratisch legitimierte Regierung zulassen – das ist absolut ausgeschlossen."

Sheila Vand, Matt Dillon und Isabella Rossellini spielen in diesem Satyr-Stück über die Bedingung der Möglichkeit im zweifachen Land der Träume, im unbewussten und im realen Amerika zu leben.

Stand: 12.09.2021 19:21 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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