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Gamifizierter Terrorismus

Ein Computerbildschirm zeigt einen als orthodoxen Juden kenntlich gemachten Mann, auf dem in einem Computerspiel geschossen wird
Antisemitische Szene im Ego-Shooter | Bild: BR

Es sind schwer erträgliche Bilder. Man kann Minderheiten abschlachten, einen Völkermord begehen, oder eine Synagoge stürmen und alle Betenden erschießen. Rechtsradikale Gamer teilen auf Imageboards Spiele wie "Hatred" oder "Stormer Doom" und immer mehr setzen ihre Fantasien auch in reale Taten um.

Das Attentat auf die Synagoge in Halle im Oktober war weltweit bereits der vierte einer neuen Art von Terroranschlägen, die wie Egoshooter-Spiele inszeniert waren. Wie seine Vorgänger montierte der Täter von Halle eine Kamera an seinen Helm und streamte live ins Netz, wie er zwei Menschen erschoss und wie er vergeblich versuchte die Tür zur Synagoge aufzuschießen.

Morden für den Highscore

Eine junge Frau gibt ein Skype-Interview
Extremismusforscherin Julia Ebner | Bild: BR

"Was mich am meisten schockiert hat – gerade auch beim Halle-Attentäter – war diese Idee die letzten 'Spieler' toppen zu müssen, also einen besseren Score erreichen zu müssen, um kein Verlierer zu sein", sagt Julia Ebner vom Institute for Strategic Dialogue, London. "Und in Wirklichkeit geht es hier um ermordete Menschen. Es geht darum mehr Menschen zu ermorden als der vorige Attentäter, um glorifiziert zu werden in dieser Gaming Community."

Julia Ebner hat mehrere Jahre lang undercover in rechtsradikalen Netzwerken recherchiert. Es gibt im Internet eine rassistische Parallelwelt mit eigener Wikipedia, eigenem Facebook, eigenem Youtube. Eine gut verlinkte Filterblase, die dem User suggeriert, dass die weiße Rasse bedroht sei, dass der bewaffnete Kampf endlich beginnen müsse. 

 Gegen die Theorie vom Einzeltäter

"Die große Gefahr ist das Problem nicht als das zu erkennen, was es ist, indem man eben von einzelnen Wölfen oder von Einzeltätern spricht", sagt Ebner. "Es ist de facto so, dass es sich um einen Community handelt, die dieselben Verschwörungstheorien teilt, dieselben Ideologien und auch diese Gewaltbereitschaft."

Der mutmaßliche Attentäter von Halle lebte isoliert bei seiner Mutter. Seine Waffen und Bomben soll er in einem Schuppen seines Vaters gebaut haben. Er war intelligent, hatte Chemie studiert. Er hasste Frauen und Juden. Und er verbrachte Tage auf rechtsradikalen Imageboards und mit Online-Computerspielen.

"Welche Minderheit willst du auslöschen?"

Ein animierter Mann mit Waffe hält eine Pistole in die Kamera
Die Waffe im Anschlag | Bild: BR

In Spielen wie "Ethnic Cleansing" kann man einstellen, welche Minderheit man auslöschen will. Schwarze, Mexikaner, Juden. Und nach jedem live gestreamten Attentat tauchen Modifikationen der Tätervideos als Computergame auf, so dass man die Taten nachspielen kann und für jeden ermordeten Menschen Punkte bekommt.

"Besonders auffällig bei den Terroristen, die wir im letzten Jahr – 2019 – gesehen haben, ist, dass alle eine Art Weg zurückgelegt haben von schon Radikalisierung auf ideologischer Ebene, aber einhergehend mit eigentlich fast einem Verschmelzen ihrer Identität mit der Gruppen-Identität dieser Online Communities", sagt Ebner. "Sie denken auch, dass sie die Helden und die Märtyrer sind, die sich für die gesamte weiße europäische Bevölkerung opfern."

Keine Unterscheidung zwischen Spiel und Terror

Der einflussreichste Anschlag war der von Christchurch in Neuseeland, bei dem in zwei Moscheen 49 Menschen starben. Schon damals wurde in der Community darauf gewettet, diese Zahl, diesen "High score", zu übertreffen. Auch der Täter von Halle berief sich auf Tarrant, der auf der Plattform 8chan angekündigt hatte: "Es ist Zeit, mit dem Shit-Posten aufzuhören und einen Post im echten Leben abzusetzen."

 "Mir ist immer wieder aufgefallen bei meinen Recherchen, dass für sehr viele der Mitglieder in diesen Online-Räumen nicht mehr klar zu unterscheiden ist, was jetzt noch ein Spiel und was tatsächlich schon Terror ist", sagt Julia Ebner vom Institute for Strategic Dialogue in London. "Das heißt, diese Grenzen sind sehr stark verschwommen. Das hat man auch bei den Anschlägen gemerkt, dass zum Beispiel die erste Reaktion auf das Christchurch-Attentat war: 'Ist das ein LARP – ein Live Action Rollenspiel?' Das heißt, es war also nicht ganz klar für die Zuschauer, ob das jetzt nur ein Spiel ist oder ob es sich wirklich um eine reale Tat handelt."

Ideolologie ist wie ein Tunnel

Natürlich ist nicht jeder, der sich für Egoshooter begeistert, ein potenzieller Attentäter. Aber es gibt Spiele, die eindeutig rassistisch und antisemitisch sind. Und es gibt eine spezielle Gaming Community, in der man seinen Score erhöht, wenn man in solchen Spielen möglichst viele nicht-weiße Menschen umbringt. Für manche wirkt diese gegenseitige Verstärkung von Spiel und Ideologie wie ein Tunnel, an dessen Ende der reale Mord steht.

Autor: Joachim Gaertner

Stand: 13.07.2020 15:43 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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