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Hier wird Brasiliens Wahl entschieden:

Ortsbesuch in den Favelas mit dem Rapper Macarrão

PlayFrauen zeigen eine Fahne mit dem Bild des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Luiz Inacio "Lula" da Silva, der für das Präsidentenamt kandidiert.
Brasiliens Wahl - Ortsbesuch mit dem Rapper Macarrão | Video verfügbar bis 25.09.2023 | Bild: picture alliance/dpa/AP | Silvia Izquierdo

Alexandre Magalhães, 54 Jahre, ist Wachmann auf einem Supermarkt-Parkplatz. In Rios Underground Rap Szene ist er bekannt als "MC Macarrão", Stimme des Alltäglichen. Seine Raps sind scharf, die Texte analytisch, und die Themen findet er in seinem direkten Umfeld, dem kulturellen Underground der Favelas in Rio. Gemeinsam mit dem Rapper taucht ttt tief in diese Armenviertel ein – hier werden am 2. Oktober die nächsten Wahlen Brasiliens entschieden. Macarrão spricht aus, was viele hier von der Politik halten:

"Wir denken nicht darüber nach, was ist links, was ist rechts? Niemanden interessiert das hier," erklärt der Rapper. "Hier gehts darum: Hab ich Arbeit? Wie komm‘ ich an Geld fürs Essen? Und: Gibt’s Schulen für meine Kinder? So ist unser Leben. Wer in der Regierung sitzt, ist doch egal und ganz weit weg von uns." Macarrão nimmt uns mit – in seine Favela. Hier findet er die Themen für seine Texte. Wir erfahren, wie über die bevorstehende Wahl gedacht wird. Nicht nur er, sondern auch sein Kumpel Bola kämpfen täglich darum, ihre Familien zu ernähren.

Viele der Bewohner für Bolsonaro

Rapper Macarrão schaut in die Kamera.
Gemeinsam mit dem Rapper Macarrão taucht ttt tief in die Favelas ein. | Bild: Andreas Weiser

"Es bringt nichts, dass sie dir eine Masse von beschissen Jobs anbieten. Ich arbeite bis zu 13 Stunden am Tag für 200 Euro im Monat. So kann man nicht überleben. Da geht es nicht darum, welcher Kandidat mehr oder weniger korrupt ist," meint Macarrão. "Es gibt schon welche, die bewusst wählen. Das ist eine Frage deiner Erfahrung: Du hast gelitten. Willst Du noch mehr leiden," erwiedert Bola. Zwar liegt in den letzten Umfragen Ex-Staatschef Lula da Silva vorn. Doch noch immer unterstützen viele Bewohner der Favaelas den aktuellen, rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, auch wenn er sie kriminalisiert und mit brutaler Polizeigewalt gegen sie vorgeht.

Marcos, ein Nachbar und ehemaliger Militär, betreibt um die Ecke eine kleine Bar. "Wir Brasilianer sind alle korrupt. Das ist kulturell bedingt – und reicht in die Anfänge der Kolonialzeit zurück," sagt er. "Brasilien ist korrupt. Wir missachten die Verkehrsregeln, fahren über rote Ampeln und parken sogar auf dem Parkplatz eines Behinderten." Marcos wird für Bolsonaro stimmen. Damit ist er hier alles andere als allein.

Die vielen Gesichter der Favela

In Macarrãos Favela beherrschen jugendliche Drogendealer mit halbautomatischen Kriegswaffen die Straßen. Filmen dürfen wir sie nicht. In der Nachbarfavela dagegen, wo Macarrãos Kollege Snoopy Creolo lebt, sind kriminelle Ex-Polizisten die Bosse. Snoopy Creolo hat hier ein kleines Studio eingerichtet, in dem er mit Macarrão die Grooves zu ihren Raps entwickelt. "Warum wird nur getrauert, wenn Reiche sterben? Stirbt einer von uns, trauert niemand. Mein Bruder, du musst wissen wer du bist, und wo du herkommst," sagt Macarrão.

"Es gibt keine Hoffnung.
Mach dir klar, wer unseren Kindern die Schule verweigert.
Wer sie stattdessen erschießt.
In der Stadt der zwei Realitäten.
Wo die einen ums Überleben kämpfen,
beherrscht von den anderen,
die vollgekokst ihre Partys feiern."
- Bola

"Die Art von Rap, die wir machen, steht konträr zu dem, was im Rap gerade angesagt ist," erklärt Macarrão. "Dort gehts nur um Erfolg, um Drogenkonsum, um Frauen und Geld. Wir aber sprechen über die Probleme, mit denen wir täglich zu kämpfen haben und die unser Leben bedrohen." Die Favela hat viele Gesichter. Auf unserem Rundgang mit Macarrão und Bola kommen wir zu einer kleinen Sambaschule. Auf dem Übungsplatz treffen wir zufällig Natalia Primo, Präsidentin der örtlichen Anwohnervereinigung. Eine Gegnerin Bolsonaros.

"Bolsonaro ist frauenfeindlich"

"Bolsonaro ist frauenfeindlich. Er behauptet zwar, er täte viel für die Frauen. Aber ein Typ, der öffentlich vulgäre Sachen sagt wie: 'Ich krieg‘ immer einen hoch', für den sind Frauen doch nur zur Fortpflanzung da. Und ansonsten wertlos," sagt sie. "Tatsächlich sind viele Bolsonaro-Wählerinnen überzeugt, dass sich die Frau dem Mann unterzuordnen hat. Die meisten von ihnen sind in den evangelikalen Kirchen. Genau das wird dort gepredigt."

"Mein Reim ist Frucht des täglichen Kampfes.
Ich erzähle nicht von mir,
sondern von der Realität der Mehrheit.
Bruder, wir sind das, was wir sind.
Wenn wir das negieren,
wer sind wir dann noch?"
- Macarrão

Ein Ortsbesuch, der die Zerissenheit des Landes zeigt, musikalisch kommentiert mit einem eigens für ttt geschriebenen Rap.

(Beitrag: Andreas Weiser)

Stand: 25.09.2022 18:24 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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