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Kahlschlag befürchtet

Musikfestivals warnen vor Folgen der Corona-Krise

PlayEin Mikrofon auf einer Bühne mit Beleuchtung.
Kahlschlag befürchtet | Video verfügbar bis 17.05.2021 | Bild: picture-alliance

Musikfestivals waren mit anderen Großveranstaltungen als Erstes von der Corona-Pandemie betroffen und sie werden wohl die Letzten sein, die wieder zur Normalität zurückkehren können. Bis Ende August sind alle Großveranstaltungen verboten, der Festivalsommer fällt damit aus. Mehr als 600 Musikfestivals in Deutschland sind betroffen, der Branche droht ein Kahlschlag. Über 80 Klassikfestival-Veranstalter haben die Politik mit einem Aufruf um Hilfe gebeten und auf die existenzielle Not der Künstler und Künstlerinnen hingewiesen. Es ist offen, wann und vor allem auch wie wieder Konzerte aufgeführt werden können. Die Festivals stecken in einer tiefen Krise, aber es entstehen auch kreative Ideen rund um Bach und Beethoven, um das Beste daraus zu machen.

Vollbremsung in der Festivalbranche

Dorothee Oberlinger.
Dorothee Oberlinger ist Intendantin der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. | Bild: NDR

Normalerweise würden wir jetzt alle Open-Air-Konzerte genießen, exotischen Klängen lauschen oder begnadete Musiker*nnen bewundern. Doch das Schicksal hat es anders gewollt: Vollbremsung in der Festivalbranche. Keine Großveranstaltungen. Ein Sommer in Stille. "Das ist natürlich ein schlimmer Moment", sagt Dorothee Oberlinger, Intendantin der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. "Das Festival hat ja eine lange Planungsphase. Man hat sich lange mit den Dingen beschäftigt, und dann nimmt es so an Fahrt auf in Richtung Festival, und man ist so richtig warmgelaufen und kann es auch kaum erwarten, dass man das Resultat dann sozusagen in den Händen hält oder den Jubel momentan geschliffen hat. Das ist natürlich sehr traurig."

Dorothee Oberlinger: "Wir sind systemrelevant"

Dorothee Oberlinger ist nicht nur Intendantin, sondern auch Flötistin und Dirigentin. Sie hätte das frisch restaurierte Palais demnächst mit Musiktheater bespielt. Doch gerade bleibt ihr nur, ein einsames Zeichen an die Welt da draußen zu senden: "Wir sind systemrelevant, wir stehen eigentlich auf dem Standpunkt, dass wir sagen, wir wollen weiterhin Kultur ermöglichen - so uns das möglich ist."

Das Programm von diesem Jahr haben die Potsdamer auf 2021 verschoben. Ein organisatorischer Meisterakt in Krisenzeiten. Oberlingers Team trifft sich regelmäßig auf Corona-Distanz. Nimmt Tickets zurück, rechnet Budget neu. Kämpft, wie alle Festivals gerade.

Bundesweite Initiative "VerspieltnichtdieMusik"

Folkert Uhde.
Folkert Uhde ist Kulturmanager und Intendant der Köthener Bachfesttage. | Bild: NDR

Bundesweit gemeinsam geht die Initiative "VerspieltnichtdieMusik" voran. 80 von 600 deutschen Musikfestivals helfen sich in dieser Krisenzeit und fordern Unterstützung. "Wir werden ja schier vergessen, seit Corona da ist", sagt Evelyn Meining, Intendantin Mozartfest Würzburg. "Die Kultur ist wochenlang nicht vorgekommen und wenn, dann nur sehr nebulös als Großveranstaltung, die nicht stattfinden kann. Und deshalb ist es auch unverzichtbar, dass wir geschlossen auftreten und eine Lobby bilden, die wir nicht hatten."

Initiiert wurde diese Lobby auch von Folkert Uhde, kreativer Festivalmacher. "Ich fand es sehr interessant, dass jetzt die Bundeskanzlerin zu dem Thema Stellung genommen hat", sagt er. "Was man eigentlich nur so interpretieren kann, dass sie nicht damit zufrieden war, was ihre Staatsministerin gemacht hat."

Angela Merkel: "Die jetzige Zeit bedeutet Unsicherheit. Und deshalb ist die Bundesregierung zusammen mit den Ländern ganz zuvorderst auch die Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, daran interessiert, dass unser kulturelles Leben auch in Zukunft eine Chance hat und dass Künstlerinnen und Künstlern Brücken gebaut werden."

Wann kommt der Festival-Rettungsschirm?

Noch wartet die Initiative auf einen Festival-Rettungsschirm. Das eine große Kultur-Paket. Bisher gab's nur kleinere staatliche Hilfen: Ausfallhonorare für Musiker*innen oder Gutscheine für zurückgegebene Tickets. Ticketeinnahmen machen neben Sponsorengeldern einen großen Teil im fein orchestrierten Festivalbudget aus. Doch was passiert mit öffentlichen Zuschüssen? Wenn etwa Kommunen handlungsunfähig werden und freiwillige Kulturleistungen kürzen.    

"Es ist einfach bei vielen Kollegen so, dass nicht nur das eine Festival ausfällt, sondern es geht wirklich an die Grundsubstanz der Finanzierungsstruktur", sagt Folkert Uhde. "Und es kann einfach sein, dass ein größerer Teil der Festivals im nächsten Jahr nicht mehr existiert, wenn man ihnen jetzt nicht hilft, weil so viele Finanzierungen wegbrechen."

Festivals sollen "corona-sicher" werden

Gerade in strukturschwachen Regionen wie Köthen, wo Uhdes Bachfesttage stattfinden, könnte das verheerende Folgen haben. Deswegen arbeitet er jetzt mit aller Kraft daran, sein Festival im Spätsommer umzugestalten. So, dass es "corona-sicher" ist, aber auch noch sinnlich. Das heißt einerseits, neue Räume für kleinere Veranstaltungen finden - etwa Salons für intime 1:1-Konzerte. Andererseits gilt es, bekannte Räume wie Kirchen, umzugestalten. Für weniger Publikum, aber nicht weniger intensive Konzertmomente.  

"Teil meiner persönlichen Arbeit ist schon seit Jahren zu versuchen, dieses Erlebnis zu intensivieren und Resonanzräume zu schaffen", so Uhde. "Und ich glaube, das braucht es noch in höherem Maße als bisher. Ich glaube, und das ist das Positive an dieser Krise, dass doch relativ viele Menschen gemerkt haben, was ihnen fehlt in dieser Situation, und dazu gehören Erlebnisse in Gemeinschaft, sicherlich in ganz besonderem Maße."

Kultur nach Corona

Corona ist die Chance, Konzerte anders zu machen. Unter anderen Vorzeichen. Nach Livestreams und Geisterkonzerten wollen Festivals anders agieren. "Ich glaube, dass der Live-Moment einfach unersetzlich ist", sagt Dorothee Oberlinger. "Wir sind keine Eremiten, das hat schon Friedrich der Große gesagt."

(Beitrag: Sylvie Kürsten)

Stand: 17.05.2020 18:47 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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