SENDETERMIN So, 03.11.19 | 23:05 Uhr

"Das Forum" – die Geschichte des Treffens von Davos

PlayWeltwirtschaftsforum in Davos
"Das Forum" – die Geschichte des Treffens von Davos | Video verfügbar bis 03.11.2020 | Bild: imago / Xinhua

Was ist das Weltwirtschaftsforum in Davos? Eine entscheidende Schaltzentrale der Mächtigen, auf der Zukunftsfragen entschieden und die Welt zu einem besseren Ort gemacht wird? Oder eine nutzlose Bühne für die Eitelkeiten von Autokraten und selbstverliebten Konzernbossen? Zum ersten Mal wirft ein Dokumentarfilm einen Blick hinter die Kulissen und spricht mit dem Gründer des Forums, Klaus Schwab, was ihn vor 50 Jahren antrieb, dieses jährliche Treffen in den Schweizer Alpen ins Leben zu rufen. Der 81-Jährige will alle zusammenbringen, um die Welt, wie er sagt, ethischer zu machen. Genau das Gegenteil ist der Fall, sagt Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan, die auch jedes Jahr das Forum besucht. Beeindruckend treibt der Film diesen Konflikt auf die Spitze, wenn er Trump, Bolsonaro, Firmenbosse und Greta Thunberg in Davos zeigt. "titel thesen temperamente" hat den Regisseur Marcus Vetter nach seinen Dreharbeiten hinter den Kulissen dieses Treffens gefragt.

Hinter den Kulissen des Wirtschaftsforums

Prof Klaus Schwab
Prof Klaus Schwab, Gründer und Geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums | Bild: PierreJohne 2018

Die Welt am Klimaabgrund, zerrissen von Protestbewegungen, Finanzkatastrophen und Migrationsströmungen. Schuld daran für viele: jene Mächtigen, die Jahr für Jahr beim Weltwirtschaftsforum in Davos zusammen kommen. Aber wie sieht es hinter den Kulissen aus? Ein Film zeigt es uns jetzt. "Ich glaube, dass wir in der heutigen Elite- und Establishmentverdrossenheit übers Ziel hinaus schießen, dass es dort auch Menschen gibt, die wirklich etwas wollen, die etwas verändern wollen, eine Vision haben. Und dann gibt es andere, meist von den Gästen, die so ein Event ausnutzen", so Dokumentarfilmer Marcus Vetter. Der Leiter des Forums ist: Klaus Schwab, ein emeritierter Professor für Unternehmenspolitik. Zum ersten Mal hat er einem unabhängigen Filmteam gestattet, hier zu drehen, ihn und die Eingeladenen zu beobachten. "Im ersten Treffen mit ihm saß ich einem Mann gegenüber, der voller Leidenschaft und Vision gesagt hat: Er wollte damals die Mächtigen versammeln und mit ihnen über Ethik sprechen, ob man dann die Welt verändern kann", erzählt Marcus Vetter. Im Elternhaus lernt Klaus Schwab Ludwig Erhard kennen. Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft begeistert ihn. So kommt er 1971 auf die Idee: Unternehmer, Politiker und Gewerkschafter zusammenzubringen.

Die Megastiftung und die Ethik

Davos  2018 Dinner-Tafel
Davos 2018 Dinner-Tafel mit Donald Trump, Prof. Klaus Schwab und Europas Wirtschaftselite beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2018 | Bild: World Economic Forum 2018

Das private idealistische Forum – in fünfzig Jahren ist es selbst ein Imperium geworden, eine Megastiftung, von tausend Mitgliedsunternehmen getragen. Dass Schwab allen die Hand reicht, auch den Trumps, Bolsonaros oder Monsanto-Bossen, ist für Aktivisten der Beweis, dass es hier nicht um Ethik, sondern ums Geschäft geht. Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan fährt selbst regelmäßig nach Davos. "Diese Elitetruppe, die jedes Jahr nach Davos fährt, ist ein wesentlicher Teil des Problems. Sie haben keinen Traum erschaffen, sondern einen Albtraum. Es ist wie eine Blase, die all die Menschen umschließt, die es gewohnt sind, Macht auszuüben. Und was ich daran so gefährlich finde, ist das Narrativ, das suggeriert, dass es ihre Absicht sei, die Welt zu einem besseren Ort zu machen", so die Leiterin von Greenpeace.

Dokumentarfilmer Marcus Vetter
Dokumentarfilmer Marcus Vetter | Bild: Das Erste

Marcus Vetter stimmt ihr zu: "Es stimmt ja, dass viele sich um sonst was scheren, was da passiert. Aber was man nicht weiß als Zuschauer – ich wusste es jedenfalls nicht – dass das World Economic Forum unglaublich viele Projekte macht. Dass sie natürlich auch die Kraft und die Macht haben, Allianzen zu bilden." Nur ein Beispiel für ein humanitäres Projekt: Drohnen, die in Ghana lebenswichtige Medikamente in unzugängliche Regionen bringen, von Schwab unterstützt. Der ausgewogene Film zeigt zugleich das Gegenteil: wie Supermanager mit Populistenpolitikern dealen. Schwabs Credo: Auch die Umstrittenen ins Boot holen.

Der Dokumentarfilm "Das Forum"

Greta Thunberg
Greta Thunberg, die schwedische Klimaschutzaktivistin, bei einer Veranstaltung auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2019

Was diesen Film so stark macht: dass er uns in unserem Schwarz-Weiß-Denken erschüttert. Als Greta Thunberg nach Davos kommt, schlägt Schwab ihr vor, gemeinsam die Mächtigen zum Handeln zu verpflichten. Doch sie schreibt ihm eine harsche Absage. Erschütternd für ihn. "Ihre Untätigkeit ist inakzeptabel und unverzeihlich. Mit besten Grüßen, Greta", liest Klaus Schwab aus dem Brief von Greta Thunberg. "Er liest diesen Brief, der sehr hart war, er liest ihn laut: Das würde nicht jeder machen. Er macht sich auch verletzbar. Das gefällt mir. Ich glaube, es geht immer darum, dass jemand etwas Gutes möchte", meint Marcus Vetter. Der Film fällt kein Urteil über Davos. Das ist für den Zuschauer schwer auszuhalten, aber gut: Man blickt unvoreingenommener auf das Forum.

Autor: Norbert Kron

Stand: 08.11.2019 16:16 Uhr

6 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 03.11.19 | 23:05 Uhr

Produktion

Rundfunk Berlin-Brandenburg
für
DasErste