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Wie ist es mit dem Erinnern – Die Debatte um das Gedenken

PlayUnter Historiker*innen ist eine Debatte entbrannt.
Wie ist es mit dem Erinnern – Die Debatte um das Gedenken | Video verfügbar bis 01.08.2022 | Bild: rbb

Antisemitismus und Rassismus sind weltweit wieder brutaler Alltag, während in Deutschland ein akademischer Streit tobt: um das – wie Kritiker behaupten: zum staatlichen Ritual verkommene – Holocaust-Gedenken und die erst jetzt in Gang kommende Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen in Afrika. Verharmlost, wer beides zusammen erinnern und aufarbeiten will, den Holocaust? Gibt es eine Hierarchie der Genozide? Ein Primat des Gedenkens?

Unbeschreibliche Verbrechen

Die Vernichtung der Juden durch die Deutschen: systematisch, minutiös geplant, fanatisch. Der Holocaust – das größte Verbrechen der Menschheit.

Unterdrückung, Gewalt, Ausbeutung, Völkermord – das schwere Erbe der deutschen Kolonialzeit
Unterdrückung, Gewalt, Ausbeutung, Völkermord – das schwere Erbe der deutschen Kolonialzeit

Deutsch-Südwestafrika, nur ein paar Jahrzehnte vorher, 1904: Völkermord an den Herero und Nama – "Strafe" für einen Aufstand. Auch die deutschen Kolonialverbrechen bedeuteten unsägliche Gewalt, Massenmord. Kann, darf, muss man das – von heute aus gesehen – mit der Shoah in Beziehung setzen?

Drei Historiker und ihre Standpunkte

"Genozid, Rassenstaat, Rassentrennung - all diese Konzepte, die 1904/05 in Deutsch-Südwestafrika ausprobiert wurden, sind älter als 1933 und auch viel älter als der Nationalsozialismus und zwingen uns, darüber zu reflektieren, wie sehr das eigentlich in der deutschen Geschichte verankert ist", meint Historiker Jürgen Zimmer, "auch jenseits der Geschichte des Antisemitismus. Denn der Antisemitismus als historische Wurzel ist anerkannt."

Sein Fachkollege Michael Wolffsohn kommt zu folgendem Schluss: "Der Kern dieses sogenannten Historikerstreits ist die Legitimität des Staates Israel. Bisher hieß es immer, dass aufgrund der Einzigartigkeit des sechsmillionenfachen Judenmords die Gründung des jüdischen Staats zumindest eine Art Wiedergutmachung gewesen ist. Wenn jetzt aber der Holocaust mit den Kolonialverbrechen verglichen – also relativiert – wird, entfällt letztlich die einzigartige Legitimitätsgrundlage für den jüdischen Staat. Darum geht es."

Historiker Götz Aly findet, man müsse die Forschung zum Kolonialismus ermutigen und ohne Frage ernster nehmen, als das bisher geschehen sei, warnt aber vor Schnellschüssen: "Jetzt gleich, bevor sie richtig begonnen hat, das mit dem Holocaust in Verbindung zu bringen, dafür sehe ich überhaupt keinen Grund."

"Multidirektionales" Erinnern als Anstoß der Debatte

Nachfahren gedenken in Namibia der Opfer des Völkermordes von 1904 und 1905.
Nachfahren gedenken in Namibia der Opfer des Völkermordes von 1904 und 1905. | Bild: rbb

Den Anstoß für die Debatte liefert der amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Rothberg mit einem schon vor 12 Jahren geschriebenen, aber erst jetzt erst in Deutschland publizierten Buch. In "Multidirectional Memory" hinterfragt er die Art, wie wir uns erinnern. "Ich beobachte eine Art künstlicher Verknappung des Erinnerns", bemängelt er. "Sie schreibt vor, dass wir nur die Erinnerung an ein Verbrechen haben können, nicht auch die an ein anderes. Das bedeutet, dass das singuläre Verbrechen Holocaust die Erinnerung an andere Gewalt überlagert, besonders Sklaverei und Kolonialismus in den USA. Ich setze dagegen das Konzept einer produktiven Erinnerung, die in mehrere Richtungen verläuft, statt dieses, wie ich es nenne, Nullsummenspiels der Erinnerung."

Namibia, ehemals Deutsch-Südwestafrika. Eine Familie gedenkt ihrer beim Völkermord in den Jahren 1904 und 1905 umgekommenen Vorfahren. Ob Holocaust oder Genozid: Das Leid der Opfer ist unermesslich – und nicht vergleichbar. Es gibt keine Hierarchie der Opfer. Darin immerhin sind sich alle einig, die jetzt darum streiten, ob es auch einen mehr oder weniger direkten Weg gab, der von Windhuk in Deutsch-Südwestafrika nach Auschwitz führte, zum organisierten Massenmord an den Juden.

Der Holocaust, einzigartig in seiner Monstrosität
Der Holocaust, einzigartig in seiner Monstrosität

Das Gedenken an den Holocaust ist ein nicht wegdenkbarer Bestandteil der Erinnerungskultur und der Identität Deutschlands. Niemand in der aktuellen Debatte bezweifelt die Einzigartigkeit des Holocaust. Es geht um Begriffe. In Deutschland streiten die Historiker, was ein Wort wie "multidirektional" für das Erinnern hierzulande impliziert. Götz Aly bemüht sich um Trennschärfe: "Was macht den Holocaust einzigartig? Das ist einmal das Projekt der totalen Vernichtung von Menschen, die in ganz unterschiedlichen Funktionen überall, national integriert als Minderheit gelebt haben. Die nicht als Feinde, durch Aufstände oder als Bedrohung in Erscheinung getreten sind. Was man ihnen überall vorgeworfen hat, war, dass sie überdurchschnittlich schnell sozial aufsteigen. Das sind alles wesentliche Unterschiede, das hat mit dem Kolonialismus und Kolonialverbrechen nichts zu tun. Das sind völlig andere Motivlagen."

"Man muss verschiedene Ereignisse in der Welt in Beziehung zueinander setzen, die alle in sich singulär sind, um das Systematische zu erkennen und das NIE WIEDER mit Sinn zu erfüllen", plädiert hingegen Jürgen Zimmerer, "denn ein absolut singuläres Ereignis kann sich nicht wiederholen. Das heißt, der Ansatz des NIE WIEDER und des Lernens aus der Geschichte und der Prävention läuft ins Leere, wenn man eine absolut pauschale Singularität im Grunde vorliegen hat."

"Antisemitismus tötet. Rassismus tötet."

Antisemitismus und Rassismus sind brutale Realität – jenseits vom Akademikerstreit. Rechtsradikale greifen Synagogen und Migranten-Unterkünfte an. Antisemiten und Fremdenhasser bekennen sich offen und sie werden mehr, überall – während für mindestens einen deutschen Politiker die Nazi-Schreckensherrschaft nur einen „Vogelschiss der Geschichte“ darstellt.

Demonstration gegen Rassismus und Antisemitismus
Demonstration gegen Rassismus und Antisemitismus | Bild: rbb

"Antisemitismus tötet. Rassismus tötet." Nicht nur der Pianist Igor Levitt, immer mehr Menschen wollen dagegen etwas tun, gehen auf die Straße, werden zu Akteuren der Geschichte. Wäre es ein praktischer Vorschlag, sich darauf zu einigen, dass der Zivilisationsbruch der Nazis und Kolonialismus ähnliche Wurzeln haben - und der Holocaust in seiner Monstrosität singulär ist?

Für Historiker Michael Wolffsohn besteht kein Zweifel: "Wissenschaftlich ist die Frage nach der Einzigartigkeit des Holocaust längst beantwortet. Und jetzt soll die Einzigartigkeit relativiert werden. Wir haben bisher die Relativierung des Holocaust nur von Rechtsaußen, jetzt erleben wir sie von der pseudoliberalen, linksliberalen Ecke."

"Ich bin völlig einverstanden, dass sich aus dem Holocaust eine Verpflichtung zur Solidarität mit Israel ergibt", stellt Jürgen Zimmerer klar. Er ergänzt: "Ich bin nur auch der Meinung, dass sich aus dem Genozid an den Herero und Nama eine Verpflichtung zur Solidarität mit den Herero und Nama ergibt."

Es gibt keine Hierarchie der Völkermorde. Keine Opfer erster oder zweiter Klasse. Geschichte wird immer von der Gegenwart aus betrachtet. Doch die aktuelle Historikerdebatte handelt nicht nur von der Vergangenheit: Sie spielt in einer Welt, der die Lebensgrundlagen ausgehen, in einer Welt, in der wieder unversöhnliche Feindbilder entstehen. Historiker Götz Aly sieht darin große Gefahren: "Der Holocaust ist bislang einzigartig. Ich bin ein Geschichtspessimist. Es können sich solche massiven Völkermorde durchaus wiederholen."

Autor: Andreas Lueg

Stand: 02.08.2021 11:39 Uhr

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