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"Dressed to Thrill"

PlayClaudia Skoda
"Dressed to thrill" | Bild: Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Unter diesem Motto machte sich die Strickdesignerin Claudia Skoda im Westberliner Underground der 70er und frühen 80er Jahre einen großen Namen. Zusammen mit anderen Künstlern eröffnete sie in Kreuzberg ein Künstler-Loft, als es dieses Wort noch gar nicht gab. Sie veranstaltete spektakuläre Modenschauen – den Catwalk gestaltete der Fotograf Martin Kippenberger. David Bowie, Iggy Pop und viele andere zählten zu ihren Weggefährten. Sie trotzte der grauen Mauerstadt mit einem Hauch von glitzerndem Strick oder hielt ihr mit ihrem "politischen Look" den Spiegel vor. Selbstbewusst, kämpferisch und kreativ. Irgendwann sagte David Bowie zu ihr: "Deine Mode ist ein bißchen mehr als Berlin" – 1982 ging Claudia Skoda nach New York, in Manhattan eröffnete sie einen Laden. 1988 kam sie zurück nach Berlin, wollte eigentlich nur kurz bleiben zum Kulturhauptstadt-Jahr – aber dann fiel die Mauer und sie blieb in der Stadt, in der sie 1943 geboren wurde. Jetzt hat Skoda große Teile ihrer Privatsammlung der Stiftung Preussischer Kulturbesitz geschenkt. Ab 1. April wird sie mit einer großen Ausstellung im Kulturforum/Kunstbibliothek Berlin geehrt: "Dressed to Thrill". 

Claudia Skoda erobert den Modehimmel

Schlauchkleid von Claudia Skoda
Schlauchkleid von Claudia Skoda | Bild: Das Erste

Als Autodidaktin erobert sich Claudia Skoda in den 70er Jahren den Modehimmel: mit Pullovern, Kleidern, immer neuen Maschenmustern. Vor 45 Jahren hat sie diesen "Hauch von Schlauch" entworfen – cool bis heute! Jetzt wird die 77-jährige mit einer Ausstellung gewürdigt. "Sentimental werde ich da nicht. Also es ist einfach abgehakt. Weil inzwischen habe ich so viel mehr Mode gemacht als das, was jetzt zu sehen ist", erzählt Claudia Skoda.

Mode als Statement der Weiblichkeit

Modedesignerin Claudia Skoda
Modedesignerin Claudia Skoda | Bild: Das Erste

Sie ist ein Kriegskind aus Berlin, voller Sehnsucht nach Glanz und Geborgenheit. Aufgewachsen ist sie in einem katholischen Heim. Schnell sucht sie sich eine Ersatzfamilie – eine Kreuzberger Künstler-WG. Auch Martin Kippenberger lebt dort. Er hat diesen Laufsteg für sie entworfen. "Martin war ja zu der Zeit noch kein Künstler, der wurde ja erst später Künstler. Und von daher haben wir gedacht, das ist eine nette Aufgabe für Martin. Im Grunde kann man das als sein Frühwerk bezeichnen", erzählt Skoda.

Laufsteg von Martin Kippenberger
Laufsteg von Martin Kippenberger  | Bild: Das Erste

Auf diesem Boden trifft sich die Berliner Bohème, Künstler, Rockstars, Filmemacher. Noch sind sie No-Names wie Martin Kippenberger oder die Filmemacherin Ulrike Ottinger. Mittendrin Claudia Skoda. Hier erfinden sie sich neu, genießen ihre Freiheit – und trotzen der Enge Westberlins. "Man sucht sich ja immer seine Traumwelt, ne? Und uns war ja auch gar nicht so klar, dass wir im grauen Berlin leben. Es war so, dass man nachts aufblühte. Auch am Tag sind wir so rumgelaufen. Tatsächlich. Also wir haben uns nicht nur verkleidet, sondern das war schon unser Statement: die Weiblichkeit, Sexyness und High Heels", erzählt Claudia Skoda weiter.

"Mehr Edelpunk als brave Strickliesel"

Welch lässige Selbstbehauptung – angesichts der Mauer, wo Touristen massenweise zum Gruseln hingekarrt wurden. Kurze Zeit später bearbeitet Skoda ihre Strickmaschine wie Rockstars die Gitarre; mehr Edelpunk als brave Strickliesel. So posiert sie für Kippenberger. Musik, der Underground, Randgruppen faszinieren sie. Im Klammergriff des Kalten Kriegs wird der Sound der besetzten Stadt Anfang der 1980er härter, der Reiz zur Provokation größer, selbst im Wollgeschäft. "Wir lebten ja alle in so einer Frontstadt. Und dann fing man halt an, sich so kleine Uniformen zu basteln. Also, es waren im Grunde politische Statements. Und das hat also so ein bisschen den Berliner Look geprägt, so: 'Das-ist-egal-ich-bin-rotzfrech', 'Ich-mach-das-einfach-so', und dann zeige ich meinetwegen auch die Rote Fahne dabei oder Hammer und Sichel. Da wollte man schon provozieren", so Skoda.

Skoda und David Bowie

Strickmode von Claudia Skoda
Strickmode von Claudia Skoda | Bild: Das Erste

In dieser aufgeladenen Zeit lebt auch David Bowie in Berlin. Er geht in Claudia Skodas WG ein und aus. "Er hat sich ja in Berlin ganz anders gekleidet, nicht wie ein Popstar, der hat sich Arbeitskleidung, Zimmermannanzüge usw. geholt, die wir dann ändern mussten, weil er gar nicht so groß war und die Hosen kürzen und so weiter. Und er hatte tatsächlich meine Sachen dann erst später getragen, als er gar nicht mehr in Berlin war", erzählt Claudia Skoda. David Bowie rät ihr, nach New York zu gehen: "Deine Mode ist mehr als Berlin," sagt er. 1982 also ist Skoda in New York, Soho. Im Gepäck ihr "Startkapital" – Strickware mit antikapitalistischem Frontstadt-Flair. Fünf Jahre New York werden es – ihre beste Zeit! Etwas von ihr ist immer noch dort: Ein Logo, das sie mit Freunden in den frischen Beton drückte, als die Straßen frisch saniert wurden.

Claudia Skoda – eine Avantgardistin

Modedesignerin Claudia Skoda
Modedesignerin Claudia Skoda | Bild: Das Erste

Claudia Skoda will nur kurz zurück nach Berlin, um eine Gala zu inszenieren – und bleibt, als die Mauer fällt. Als Berlinerin kann sie nicht anders! Und mit der Mode aufhören? Kann sie erst recht nicht! "Man sagt mir immer: Mach mal Stopp! Genieß doch erst mal die alten Sachen! Vermarkte die doch erst mal. Aber das kann ich leider nicht, weil ich neugierig bin, muss ich jeden Tag was Neues machen. Sonst bin ich unglücklich", erzählt sie. Claudia Skoda – die Avantgardistin hat sich ihr Leben lang ihre Freiheit und Unabhängigkeit bewahrt. Das ist mein größter Luxus, sagt sie.

Autorin: Petra Dorrmann

Stand: 22.03.2021 13:13 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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