SENDETERMIN So, 14.04.19 | 23:35 Uhr | Das Erste

"Sieben Schritte in die Diktatur"

Neues Buch der Journalistin Ece Temelkuran über die Türkei

PlayDie Journalistin und Juristin Ece Temelkuran
"Sieben Schritte in die Diktatur" | Video verfügbar bis 14.04.2020 | Bild: Mehmet Turgut

Die Journalistin und Juristin Ece Temelkuran verlor aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und Kritik an der Regierungspartei ihre Stelle bei einer der großen türkischen Tageszeitungen – und damit ihre Existenz. Mittlerweile lebt sie in Zagreb. Ihr neues Buch "Wenn Dein Land nicht mehr Dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur" ist eine brillante Analyse. Darin warnt sie vor dem Aufstieg von Autokraten und zeigt Parallelen der Entwicklung in der Türkei zu anderen Ländern auf, in denen Populisten mehr und mehr Einfluss gewinnen.

Der langjährige "ttt"-Autor Halil Gülbeyaz hat die Autorin getroffen, er selbst hat seine Presseakkreditierung für die Türkei verloren und ist so ebenfalls Opfer der Einschränkung der Pressefreiheit durch Erdogan geworden.

Temelkuran prangert Menschenrechtsbrüche in der Türkei an

Bekannt geworden ist die türkische Schriftstellerin mit Büchern und Kolumnen, in denen sie die Menschenrechtsbrüche in der Türkei anprangert. Das wurde ihr zum Verhängnis. Sie musste vor zwei Jahren die Türkei verlassen, um einer Verhaftung zu entgehen. "Die Türkei ist für diejenigen, die schreiben und etwas zu sagen haben zu einem unmöglichen Land geworden", sagt sie. "Ich habe aber eine ganze Menge zu sagen. Denn ich glaube, dass die Geschichte der Türkei warnendes Beispiel für die ganze  Welt ist."

Möchte-gern-Autokraten setzen auf eine Spaltung der Gesellschaft

Buchcover: Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist von Ece Temelkuran.
Das neue Buch von Ece Temelkuran ist eine brillante Analyse. | Bild: Hoffmann und Campe

In ihrem neuen Buch beschreibt Temelkuran, warum der Rechtspopulismus in vielen Ländern einen solchen Aufschwung hat. Sie zerlegt die banale Weltsicht der Populisten und erklärt, was viele daran fasziniert: Alle Möchte-gern-Autokraten setzen auf eine Spaltung der Gesellschaft, sprechen vom "wahren Volk", von "nationaler Ehre", von "Stolz" statt von "Würde".

"Wir haben gedacht, dass solche Begriffe nach dem Zweiten Weltkrieg niemanden mehr begeistern würden", sagt Temelkuran. "Auf diese Annahme haben wir unsere Mehrheitsdemokratien aufgebaut. Leider ist es aber nicht so. Die einfachen Menschen wollen ein Teil des Großen sein, dieser sogenannten Greatness. Sie haben ihren Stolz, für den wären sie sogar breit, Hunger zu leiden."

Gefeuert aufgrund eines regimekritischen Berichts

Bis vor zwei Jahren war Ece Temelkuran in Istanbul zu Hause. Dann ging es Schlag auf Schlag: Zuerst feuerte sie ihr Sender wegen eines regimekritischen Berichts, danach wurde sie schikaniert und verfolgt. Sie verließ schließlich die Türkei. Seit zwei Jahren lebt Temelkuran in Zagreb, eine Heimatvertriebene, deren Land nicht mehr ihr Land ist.

"Wenn man sich einmal auf den Weg macht, bleibt man immer ein Wanderer", erzählt die Autorin. "Selbst wenn man irgendwann nach Hause zurückkehrt, fühlt man sich dort nicht mehr zu Hause. Vielleicht schreibe ich in den nächsten Jahren etwas ausführlicher darüber. Jetzt aber will in dieser meiner Wunde nicht herumstochern."

Viele Intellektuelle wurden inhaftiert

Ece Temelkuran trägt innere Wunden mit sich. Viele Intellektuelle wurden inhaftiert, teilweise lebenslänglich. Darunter der Oppositionspolitiker, Selehattin Demirtas, der Menschenrechtler Osman Kavala, der Bestsellerautor Ahmet Altan oder die Journalistin Nazli Ilicak.

"Ich werde Ihnen etwas sagen, was ich vielleicht nicht sagen sollte", so Temelkuran. "Seit sie im Gefängnis sind, lebe ich in einem anderen Gefängnis. Ich amüsiere mich nicht, ich lache nicht, ich mache nichts Schönes, ich arbeite nur. Ich glaube, ich fühle mich schuldig, dass ich mich nicht wie meine Freunde für die gemeinsame Sache geopfert habe. Oder bin ich vielleicht doch ein Opfer, irgendwie?"

Kommunalwahlen in der Türkei: Schlappe für Erdogan

Doch nicht alles ist deprimierend für Ece Temelkuran. Vor zwei Wochen waren Kommunalwahlen in der Türkei. Selbstbewusst ging Erdogan in die Abstimmung und erlitt eine regelrechte Schlappe. Seine Regierungspartei AKP verlor in allen Metropolen der Türkei.

Jubel auch in Berlin einen Tag danach, wo Ece Temelkuran mit ihrem Buch gerade auf Lesetour ist. Sie kann ihre Freude kaum verbergen: "Seit gestern sieht unser Land einen Lichtblick, was die Demokratie anbetrifft. Ich danke von hier all den kurdischen und türkischen Menschen, denn sie haben 48 Stunden lang nicht geschlafen und haben schließlich in Istanbul, Ankara, Izmir und vielen anderen Städten gewonnen. Ich bin so glücklich. Ich schicke Ihnen von hier aus meine Liebe."

Kann Rechtspopulismus von Deutschland aus gestoppt werden?

Deutschland bedeutet Ece Temelkuran viel, nicht nur wegen all der Freunde, die sie hier im Berliner Exil trifft. Sie glaubt an Deutschland, an die Wiege der Dichter und Denker und hofft, dass von hier aus die Rechtspopulisten gestoppt werden können: "Ich glaube, dass die richtige Antwort auf den Rechtspopulismus hier in Deutschland gegeben wird, nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern auch wegen der intellektuellen Dynamik in der Bevölkerung."

Ece Temelkuran ist eine unbeugsame Optimistin, die hofft, dass Länder auf dem Wege in die Diktatur immer noch umkehren können.

(Beitrag: Halil Gülbeyaz)

Buchtipp
Wenn Dein Land nicht mehr Dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur
Von Ece Temelkuran
Hoffmann und Campe 2019
ISBN: 978-3-455-00532-5
Preis: 22 Euro

Stand: 15.04.2019 14:05 Uhr

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