SENDETERMIN So., 23.08.20 | 23:35 Uhr

Endstation Moria – wie Kunst hilft zu überleben

PlayMoria
Endstation Moria – wie Kunst hilft, zu überleben | Video verfügbar bis 23.08.2021 | Bild: picture alliance / Grigoris Siamidis

Wie lässt es sich leben, an einem Ort, an dem es kein fließendes Wasser gibt, an dem viele noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben, geschweige denn ein Bett, in dem sie schlafen können. Mehr als 15 000 Menschen leben so in Moria auf Lesbos. Wir treffen die Engländer Philippa und Eric Kempson, die das Kunstprojekt "Hope" ins Leben gerufen haben. Sie zeichnen, malen mit den Geflüchteten, wollen ihnen durch Kunst ein Stück Leben zurückgeben. Eine von ihnen ist die Junge Afghanin Attifa Akbari. "ttt" hat sie begleitet.

Das Leben in Moria

Kinder in Moria
Kinder in Moria | Bild: Das Erste

In den Müllsäcken sind Plastikflaschen, die Kinder haben sie in Moria gesammelt. Dafür bekommen sie dann im Tausch von einem Hilfsprojekt frisches Wasser. Der Junge ist vielleicht vier, das Mädchen sechs? Eine Schule oder gar einen Kindergarten gibt es hier nicht. Auch keine Häuser, Betten oder gar fließend Wasser. Und dennoch sind die Kinder eben Kinder und spielen. Sie könnten die Geschwister der Afghaninnen Attifa Akbari und Nazanin Froghin sein. Die beiden dokumentieren mit der Kamera den Alltag: Sie machen das für das Projekt "Refocus", das den Geflüchteten eine Stimme geben will. "Ich selbst lebe hier und weiß, wie schrecklich die Zustände im Camp sind. Ich möchte diese schlimmen Bedingungen dokumentieren, damit die Welt sieht, was wir alles durchmachen müssen", erzählt Attifa Akbari.

Das Projekt "Refocus"

Attifa und ihre Freundin Nazanin
Attifa und ihre Freundin Nazanin | Bild: Das Erste

Attifa und auch ihre Freundin Nazanin sind eigentlich schon immer auf der Flucht, wie sie sagen. Als Kinder verlassen sie gemeinsam mit ihren Familien Afghanistan, sie fliehen vor der Gewalt, dem Krieg und kommen in den Iran. Dort dürfen sie keine Schule besuchen, die Eltern nicht arbeiten. Zu Fuß gehen sie in die Türkei, nachts kommen sie mit einem Boot auf Lesbos an. Sie führen uns zu einer Art Bäckerei, Menschen haben sie sich aus dem Nichts aufgebaut, Attifa bewundert sie dafür, sie weiß, wie hart es ist hier zu überleben: "Jede Sekunde in Moria ist schrecklich. Wir haben kein richtiges Zuhause. Es gibt ständig Streit, und der wird mit viel Gewalt ausgetragen. Jeder Moment war eine Qual", so Attifa Akbari.

Douglas Herman
Douglas Herman gründete 2017 das Projekt "Refocus" | Bild: Das Erste

Mut macht ihr das Projekt "Refocus". Hier lernen sie und andere mit Profikameras zu arbeiten, sie machen eine Foto- und Videoausbildung. Der Amerikaner Douglas Herman hat das Projekt 2017 gegründet, denn er glaubt daran, dass sie eine Zukunft haben und für diese will er sie vorbereiten. "Vorher gab es niemand, der hier eine langfristige Unterstützung für junge Leute, die bald arbeiten werden, angeboten hat, um Berufserfahrung, oder eine Ausbildung überhaupt eine Qualifikation zu bekommen. Es gibt hier keine irgendwie geartete offizielle Bildung. Also dachten wir, wir machen das. Und wenn Du nur einmal Medienarbeit machst, ändert das komplett deinen Blick auf die Welt und der Blick der Welt auf Dich", so Douglas Herman. Ihre Arbeiten werden internationalen Medien angeboten, die BBC hat sie ausgestrahlt.

Das Projekt "Hope"

Attifa Akbari Geflüchtete aus Moria
Attifa Akbari Geflüchtete aus Moria | Bild: Das Erste

"Moria ist für mich ein Gefängnis. All die Menschen, die mit großer Hoffnung hier hergekommen sind, wurden eingesperrt und ihre Träume getötet", erzählt Attifa. Ein wenig abseits vom Camp – ein anderes Projekt: "Hope", Hoffnung gegründet von dem englischen Paar Philippa und Eric Kempson. Hierher kommt Attifa jeden Tag. Sie hat von dem Künstler Eric Kempson malen gelernt und will nun selbst Künstlerin werden, denn sie hat erfahren, dass sie sich mit dem Malen ausdrücken kann. "Ich habe mich selbst als ein fröhliches und starkes Mädchen gezeichnet. Das Zeichnen hier gibt mir eine gewisse Ruhe. Es geht mir besser, wenn ich hier bin", so Attifa. Erst durch das Malen kann sie ihre Gefühle verarbeiten. "Meine Vorstellung von Europa war ganz anders. Als ich Moria gesehen habe, ist für mich alles zusammengebrochen. Ich hätte mir Europa so nie vorgestellt. Das hat mich sehr traurig und mutlos gemacht", erzählt Attifa.

Philippa Kempson
Philippa Kempson Projekt "Hope" | Bild: Das Erste

Philippa Kempson lebt seit fast 20 Jahren auf Lesbos. Erst hat sie mit ihrem Mann die Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Vor fünf Jahren haben sie das Kunstprojekt gegründet. Sie sorgen auch für das Nötigste, wie Kleidung, Essen, eine heiße Dusche: "Fünf Jahre und es wird immer schlimmer. Ich dachte, das wird sich mit der Zeit einrenken. Alles wird besser. Die Menschen werden sich endlich an das Gesetz halten. Ganz einfach an die Genfer Konvention oder die europäische Menschenrechtscharta, aber jetzt behandeln sie die Menschen wie Tiere. Und im Winter waren von 20 000 Menschen 45 Prozent Kinder. Wie können wir Europäer das zu lassen?", fragt sie. Attifa hat mittlerweile das Camp verlassen. Ihre Mutter ist schwer krank, so haben sie eine Wohnung für Flüchtlinge auf Lesbos bekommen. 

Autorin: Nathalie Daiber

Stand: 24.08.2020 11:18 Uhr

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 23.08.20 | 23:35 Uhr

Produktion

Rundfunk Berlin-Brandenburg
für
DasErste