SENDETERMIN So., 20.09.20 | 23:05 Uhr | Das Erste

Filmische Annäherung an Rainer Werner Fassbinder

"Enfant Terrible" von Oskar Roehler

PlayOliver Masucci (r.) als Rainer Werner Fassbinder und Katja Riemann auf einem Sofa im Film "Enfant Terrible".
Filmische Annäherung an Rainer Werner Fassbinder | Video verfügbar bis 20.12.2020 | Bild: BavariaFilmproduktion

Rainer Werner Fassbinder ist eine Ikone des deutschen Films. Seine Filme gingen Oskar Roehler so nah, haben ihn so berührt, dass er jetzt seinerseits einen Film über Fassbinder gemacht hat: "Enfant Terrible". "Er war für mich immer der einzige, der mich so berührt hat, der mir so nahe gegangen ist", sagt Roehler. "Und es war dann alles bei ihm so unglaublich persönlich, was bei den anderen für mich eher abstrakt war. Also ein Film wie ‚Katharina Blum‘, der berührt mich nicht so wie ‚Angst essen Seele auf‘."

Die Dreharbeiten zu Fassbinders ersten internationalen Erfolg sind in Roehlers Film nachgestellt. Gelingt es dem Film, dem Menschen und Künstler gerecht zu werden?

Oliver Masucci spielt Rainer Werner Fassbinder

Gedreht wurde in gemalten Kulissen. Das erinnert an Fassbinders Spätwerk, war aber nicht so geplant. Das erwartete Budget war nicht zustande gekommen.

"Wir haben anderthalb Monate durch gedreht wie die Irren", erzählt Hauptdarsteller Oliver Masucci. "Eigentlich haben wir den Film gedreht, wie Fassbinder ihn vermutlich gedreht hätte: Nächste Szene nächste Szene nächste Szene! Und Cut! Brauch ich nicht, brauch ich nicht, brauch ich auch nicht! Mach weiter! Mach!!"

Oliver Masucci dominiert zwei Stunden lang die Leinwand. Er ist umwerfend als unverstandener junger Rebell, als internationaler Star, als Süchtiger. "Ich habe sofort einen Tinnitus bekommen. Das machte ‚Pieep!‘, weil ich so Respekt und Angst hatte vor der Rolle. Ich kann jetzt im Nachhinein sagen: Ich habe ganz viel Empathie für den Menschen gewonnen. Wenn du so viel forderst von Menschen und gleichzeitig sie überforderst und dann diese Liebe einforderst, an der er massiv scheitert, an dieser Liebe und diese Menschen, die ihn aber so lieben."

Fassbinders Welt als hermetischer Kosmos

Sein marokkanischer Freund soll die männliche Hauptrolle in "Angst essen Seele auf" spielen. Der Film wird ein Erfolg, der Freund geht kaputt. Mit dem nächsten Freund erlebt er den deutschen Herbst – vom Sofa aus. Fassbinder reagierte sofort mit einem Film. "Enfant Terrible" zitiert eine Szene – der Regisseur streitet mit seiner Mutter:

Fassbinder: Du hast mir gerade eben gesagt; Gesetze interessieren dich nicht. Aber du bist ein Demokrat?

Mutter: Gesetze interessieren mich schon!

Fassbinder: Gerade eben hast du aber gesagt, Gesetze interessieren dich nicht!

Mutter: Aber wenn Leute ein ...

Fassbinder: Nein, kein Aber! Gesetze interessieren dich nicht!

Dies ist der einzige Moment, in dem Fassbinder als politischer Mensch sichtbar wird. Roehler hat sich dazu entschlossen, Fassbinders Welt als hermetischen Kosmos zu zeigen. Fassbinders Werk entstand ja auch in einem komplizierten Geflecht von symbiotischen Beziehungen.

"Er hat immer in der Gruppe gelebt, er hat sich immer in diesen gruppendynamischen Prozessen um seine Schauspieler herumbewegt", erklärt Roehler. "Er hat sie ernährt, er hat sie ausgehalten, er hat sie ausgebeutet, er hat sie benutzt, er ist mit ihnen durch dick und dünn gegangen, am Ende haben sie alle von ihm profitiert."

Doch diese Komplexität zeigt der Film leider nicht. Er reduziert die Menschen um das Genie herum zu Stichwortgebern, sie werden Teil der Kulisse. Fassbinder als Künstler, der aus dem Miteinander schöpfte, bleibt weitgehend unsichtbar. Aber als große One-Man-Show ist "Enfant Terrible" sehr sehenswert.

TV-Beitrag: Lennart Herberhold

Film-Tipp
Enfant Terrible
Regie: Oskar Roehler
Mit Oliver Masucci, Katja Riemann, Hary Prinz und anderen

Kinostart 1. Oktober 2020

Stand: 20.09.2020 22:04 Uhr

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So., 20.09.20 | 23:05 Uhr
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Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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