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Schweigen ist keine Option

Der belarussische Autor Sasha Filipenko

PlaySasha Filipenko lehnt an einer Säule und schaut in die Kamera.
Der neue Roman des belarussischen Autors Sasha Filipenko | Bild: picture alliance/KEYSTONE | LAURENT GILLIERON

Schweigen ist für ihn keine Option, auch wenn er wegen seiner Texte ins Exil musste und sein Vater in Belarus vom Sicherheitsdienst regelmäßig zum Gespräch einbestellt wird. Im Gegenteil: Sasha Filipenko spricht und schreibt offen über die Zustände in seinem Heimatland, in Russland – und über das Weltgeschehen.

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, einfach, weil man die Wahrheit über einen Oligarchen schreibt. Wenn ein Journalist dafür diffamiert und bedroht wird. Und mit Einbrüchen und Dauerlärm terrorisiert wird. Wenn man und seine Familie psychisch eingekesselt wird, bis man zerrüttet ist. Sasha Filipenko beschreibt, wie es ist, wenn man von einem übermächtigen Apparat verfolgt wird. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse liest sich sein neuster Roman "Die Jagd" wie eine Blaupause auf das Vorgehen Putins gegenüber der Ukraine. In dem Buch wird ein Journalist, der es gewagt hat, sich mit einem Oligarchen anzulegen, systematisch fertig gemacht – für Filipenko werden dort dieselben Methoden angewendet, die jetzt zur Invasion Russlands geführt haben.

Filipenko: "Es geht um eine Art Treibjagd"

"Der Titel lässt sich auch mit 'Hetzjagd' übersetzen, nicht nur Jagd, es geht um eine Art Treibjagd," so der Schriftsteller. "Wir sprechen ja meistens dann über Journalisten, wenn sie klar ersichtlich verfolgt und ermordet werden, eingesperrt oder ausgewiesen. Aber es gibt viele andere Wege, Druck auf sie auszuüben und genau das wollte ich beschreiben. Ich wollte zeigen, wie dieser gewaltige Druck oft nicht nur sie selbst trifft, sondern auch ihre Familien, dass auch Unbeteiligte leiden."

Filipenko hat sowas als Journalist selbst kennengelernt. Heute muss er im Exil leben, weil er die Mächtigen in Belarus und in Russland kritisiert. Ihm droht Gefängnis. Auch seine Familie muss leiden. In Göteborg berichtet er von den Entbehrungen derjenigen, die sich auflehnen. "Aus einem kleinen Schweizer Dorf zogen wir nach Basel, dann nach Stuttgart und nach Amsterdam. Mein Sohn will aber zurück nach Hause und fragt mich ständig, wann wir endlich zurückkehren," sagt Filipenko. "Wir müssen jedes Mal bei Null anfangen – eine Situation, die heute viele Belarussen kennen. Auch, dass man nicht einmal zur Beerdigung der eigenen Eltern könnte, wenn ihnen etwas zustößt."

Lukaschenko und Putin – Brüder im Geiste?

Das Cover des Roams "Die Jagd".
Der neue Roman des belarussischen Autors Sasha Filipenko "Die Jagd". | Bild: NDR

"Die Jagd" ist literarisch stark und eine Offenbarung, gerade für uns im oft naiven Westen. Die beschriebenen Verfolgungs-Menachismen, das Klima der Angst – mit seinen Truppenaufmärschen hat Russland das auch auf die Ukraine angewendet, schon vor dem eigentlichen Angriff. Lärm, Machtdemonstrationen, Falschinformationen – es geht um Einschüchterung und Zermürbung. Von oben gesteuert. "Es handelt sich eindeutig um Methoden, mit denen bezweckt wird, die Menschen zum Schweigen zu bringen und einzuschüchtern, damit sie folgen und die Befehle ausführen," so Filipenko. "Diese Methoden werden bei Einzelnen eingesetzt, aber auch im großen Kontext. Sie haben schließlich nichts anderes auf Lager. Diese Methoden sind unmenschlich, schrecklich und kommen in jeder Sphäre zum Einsatz."

Der belarussische Präsident Lukaschenko und Putin – für Filipenko Brüder im Geiste. Russland wird immer autokratischer, Lukaschenko liefert dabei so etwas wie das Drehbuch für Putin. Die Verfolgung und brutale Niederschlagung der Opposition, die Errichtung einer Diktatur – da hinkt Russland noch hinterher, holt aber schnell auf. "In Belarus leben wir in einer dystopischen, grotesken Tragikomödie," sagt er. "Und Russland bewegt sich mehr und mehr in dieselbe Richtung. Für mich steht fest – wenn man in diesen Zug nach Dachau einsteigt, dann wird man nicht in Disneyland ankommen."

Ein Psychogramm der russischen Seele

Filipenko zeigt, man hätte das alles ahnen können. Der Westen schaute lieber weg, wegen günstiger Rohstoffe. Seine Geschichten beschreiben die Psychologie der Unterdrückung und der Auflehnung – etwa wenn er über einen Autoren schreibt, der in einen grotesken Gerichtsprozess landet, weil er einen leeren Post postet. Angeklagt in einem Schauprozess, weil er die Wahrheit verhöhne, und damit das vaterländische Volk. Jeder kann die Absurdität sehen, aber die Wahrheit auszusprechen, wäre zu gefährlich.

"Hinzu kommt, dass man Schuldgefühle für seine Heimat empfände, wenn man die Wahrheit anerkennen würde. Die Menschen in Russland wollen sich aber weder schämen, noch entschuldigen," so Filipenko. "Seine Fehler zuzugeben gilt in Russland als Zeichen der Schwäche. Um dieses 'Trauma' zu umgehen, ziehen die Menschen es vor, die Wahrheit gar nicht erst zu erfahren." In Russland leben, heißt fähig zu sein, die Augen zu verschließen, schreibt Filipenko. Ein Psychogramm der russischen Seele – und irgendwie auch von uns.

Die Jagd
von Sasha Filipenko
Diogenes, 2022
ISBN: 978-3-257-07158-0
Preis: 23 Euro

(Beitrag: Thorsten Mack)

Stand: 27.02.2022 18:01 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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