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Der amerikanische Alptraum – Guillermo del Toros Neo-Noir-Kinofilm "Nightmare Alley"

PlayBradley Cooper als Stanton Carlisle im Film "Nightmare Alley"
„Nightmare Alley“ von Guillermo del Toro  | Video verfügbar bis 16.01.2023 | Bild: Searchlight Pictures

Ein Jahrmarkt, irgendwo in Amerika, Ende der 30er Jahre. Bradley Cooper spielt Stan, der hier Zuflucht sucht. In einer Welt, die für Ablenkung sorgt in düsteren Zeiten: Große Depression, Massenarbeitslosigkeit. Und Stan selbst hegt ein dunkles Geheimnis.

Ein Spiel mit Sehnsüchten und Ängsten

Die Charakterstudie von Stan, einem, der fest entschlossen ist, dem Elend zu entgehen – das ist der neueste, düstere Coup von Star-Regisseur Guillermo del Toro: ein "Film Noir".

"Ich will dieses Genre ins Heute bringen: visuell und thematisch", sagt der Regisseur. "Im Film Noir sieht man einer Figur dabei zu, wie sie sich selbst zerstört. Das ist für mich der Unterschied zur griechischen Tragödie, in der die Götter gegen den Menschen kämpfen. Im Noir, der amerikanischen Tragödie, kämpft der Mensch gegen den Menschen – der die falschen Entscheidungen trifft und wir sehen ihm dabei zu."

Stan lässt sich ein mit Hellsehern und Gedankenlesern – die tief in die Psyche ihres Gegenübers blicken. Und jetzt will er sie lernen: Diese Kunst, die Menschen zu entschlüsseln. Ihre Sehnsüchte und ihre Ängste zu erkennen – an Gestik, Auftreten und mithilfe kleiner Tricks.

Stan sieht seine Chance – und vor allem erkennt er das Bedürfnis der Menschen, an etwas außerhalb unserer Welt zu glauben. "Wenn du eine Antwort suchst, die bestätigt, was du eh für wahr hältst, bekommst du sehr billige Antworten", so del Toro. "Und manche Leute finden darin Trost. Aber es ist sehr ausbeuterisch, eine Spiritualität zu verkaufen, die nicht echt ist."

Gesellschaft unter Spannung

Del Toro spielt an auf Fake News und Populismus. Bereits 2018 ist er der Star der Oscarnacht, weil er die Themen der Zeit erspürt. In "Shape of Water" – einem Film über die Akzeptanz von Außenseitern – erzählt er über die Liebe zu einer mysteriösen Kreatur. Gefeiert wurde er damals auch für seine poetischen Bildwelten.

Auch der Jahrmarkt – gestaltet bis ins Detail mit antiken Requisiten, gesammelt von del Toro selbst. Seine Filmskizzen: handgezeichnet. Zum ersten Mal kein Fantasy. Die Geschichte basiert auf dem Roman "Nightmare Alley" aus dem Jahr 1946. Wie damals stehe auch unsere Gesellschaft heute wieder unter extremer Spannung.

Del Toro: "Noir ist ein sehr klassenbewusstes Genre. Eines, das die Besitzenden und die Besitzlosen aufeinanderprallen lässt. Und die Besitzlosen können diese Barriere nur durch Gewalt oder Verbrechen durchbrechen. Dieses Spiel zwischen Besitzenden und Besitzlosen gab es damals und es ist auch heute wieder sehr stark da." Stan spielt bald ganz oben mit: Vom fahrenden Volk in die New Yorker Nachtclubs. In einer Psychoanalytikerin – gespielt von Cate Blanchett – findet er seine Meisterin. Eine Femme fatale.

Die menschliche Sehnsucht nach dem Sinn

Guillermo del Toro spielt mit der Idee, dass Menschen – damals wie heute – Spiritualität, aber auch Psychologie und Religion benutzen, um andere auszubeuten. Um sich zu bereichern. "Eines der Dinge, die ich am amerikanischen Traum sehr quälend finde, ist diese Vorstellung von Erfolg. Dieser unstillbare Hunger, den ein Mensch ohne große Werte verspüren kann, um immer mehr zu erreichen", sagt er.

Stan beginnt nicht nur eine gefährliche Liaison, sondern – mit ihrem Wissen über ihre Patienten – auch ein profitables, aber verhängnisvolles Spiel mit Menschen auf Sinnsuche. Was beide verbindet ist die Lust, Macht über verborgene Sehnsüchte zu haben. Aber wer hat die Macht über wen?

Woher kommt die Sehnsucht, Lügen zu glauben? Und wie weit ist man bereit zu gehen, für das eigene Fortkommen? "Nightmare Alley" – eine große moralische Erzählung, über das düstere Wesen Mensch.

Bericht: Katja Deiß

Stand: 16.01.2022 19:02 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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