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Namen statt Nummern

Auf der Suche nach den Opfern des Mittelmeers

PlayFlüchtlingsboot im Mittelmeer
Namen statt Nummern: Opfer des Mittelmeers | Video verfügbar bis 19.04.2021 | Bild: pa

Sie will den Leichen ihren Namen zurückzugeben und den Familie einen Toten, den sie bestatten kann. 30.000 Menschen sind in den letzten Jahren im Mittelmeer auf der Flucht ertrunken. Über Bootsunglücke wird kaum noch berichtet. Doch Cristina Cattaneo, Professorin für Gerichtsmedizin an der Universität Mailand, kämpft gegen das Vergessen.

Sie erforscht die Herkunft der Opfer der großen Schiffsunglücke vor Lampedusa von 2013 und 2015. Sie arbeitet mit Hilfe von DNA-Abgleichen und der Analyse von Knochen und Gewebe. Dazu kommen Interviews mit Überlebenden, die Informationen geben können. Jetzt hat Christina Cattaneo ein Buch über ihre Arbeit geschrieben: "Namen statt Nummern". Im Herbst erscheint ein Dokumentarfilm über sie.

Die meisten Opfer sind namenlos

18. April 2015: Vor der italienischen Insel Lampedusa sterben über tausend, meist jugendliche Bootsflüchtlinge. Damals ist ganz Europa erschüttert. Doch Katastrophen wie diese wiederholen sich bis heute – und die meisten Opfer bleiben namenlos.

Aber auch sie hatten Vater und Mutter, eine Heimat, eine Geschichte. Die Mailänder Gerichtsmedizinerin Cristina Cattaneo versucht, menschlichen Überresten wieder Namen, eine Identität zu geben. "Was mich an den Toten aus dem Mittelmeer am meisten bewegt, ist zu sehen, wer da gestorben ist – eine immense menschliche Tragödie", sagt sie. "Aber jenseits des unmittelbaren Entsetzens ist es doch eine unerträgliche Schande, dass bisher niemand sich die Mühe gemacht hat, diese Toten zu identifizieren."

Cristina Cattaneo: "Namen statt Nummern"

Cristina Cattaneo
Professorin Christina Cattaneo erforscht die Herkunft von Menschen, die auf ihrer Flucht übers Mittelmeer ertrunken sind. | Bild: NDR

Es sind Zehntausende – wie Cristina Cattaneo sagt – "aus Hoffnung Gestorbene". Menschen, von denen oft nur ihre Schwimmwesten bleiben. Nur wenige Boote werden geborgen. DNA-Spuren, Datenbanken, nützlich bei der Aufklärung von Kapitalverbrechen gibt es für tote Flüchtlinge kaum. Von der schwierigen Aufgabe, den Ertrunkenen Identität und damit ihre Würde zurückzugeben, erzählt Cristina Cattaneo so nüchtern wie ergreifend in einem jetzt auf Deutsch erscheinenden Buch.

Bestattungen ohne Abschied nun auch durch Corona

Gefahr, Krankheit, Tod – das rückt jetzt plötzlich ganz nah. "Und jetzt erleben wir das selbst: Die Leute sind krank, sie sterben und müssen umgehend unter die Erde – ohne Abschied, ohne Begräbnis. Das, was uns als Gesellschaft so fern schien, ist plötzlich da, ganz nah, auch bei uns", so Cattaneo. "Sich nicht mehr um die eigenen Toten kümmern können. Durch Corona erleben wir jetzt selbst, was die Migranten immer erleben: Angst, Einsamkeit, Diskriminierung."

Cattaneo: Niemand flüchtet leichten Herzens

Bei den Leichen werden Habseligkeiten gefunden. Die Spuren, die ein Mensch hinterlässt: Dokumente, Geld, Telefon, Fotos von Angehörigen, Briefe. Ein klassisches Fundstück sei ein Säckchen Erde, die viel mit sich haben, sagt die Forensik-Professorin.

Bei einem 14-Jährigen aus Mali findet sie in der Jackentasche sein Schulzeugnis, in Arabisch und Französisch. "Es sind junge Leute, die ihre Heimat mit großen Hoffnungen verlassen. Warum nähen sie sich Zeugnisse ins Jackenfutter? Weil sie hoffen, Ausbildung und Arbeit zu finden. Weil sie zeigen wollen, dass sie etwas wert sind. Und gleichzeitig dieses Heimweh – wer ein Säckchen mit Erde bei sich hat, empfindet das Weggehen offenbar als großen Schritt. Niemand tut das leichten Herzens."

Den Verstorbenen Würde zurückgeben

Die Bootskatastrophe vor fünf Jahren und was vom Leben übrig blieb: menschliche Überreste, wissenschaftlich inventarisiert, 20.000 Teile von 300 Menschen.

"Die Identität auch der toten Migranten festzustellen, gebietet uns nicht internationales Recht, sondern vor allem die Würde der Toten", sagt Cattaneo. "Es gehört zu unserer moralischen DNA seit Homer, seit Antigone: Ein Toter muss identifiziert und begraben werden, man muss ihm Respekt erweisen – auch im Namen der Lebenden, um ihnen das Gefühl des doppelten Verlusts zu nehmen."

Der doppelte Verlust ist, wenn Angehörige nicht wissen, ob ihre Vermissten tot sind oder leben. Cristina Cattaneos Buch ist der Aufruf, über eigenem Leid das Mitgefühl für die anderen nicht zu vergessen. Weil der tausendfache Tod im Mittelmeer Gewohnheit geworden ist und keine kollektiven Gefühle mehr auslöst wie jetzt gerade Corona. "Die Flüchtlinge im Mittelmeer sterben weiter. Jetzt wieder, an diesem Wochenende, vor Malta", so Cattaneo.

Cattaneo: "Seht euch an, wozu wir fähig sind!"

Für die Medien keine Meldung wert. "Dabei sind diese Menschen wie wir. Das ist es ja, was wir erleben, wenn wir ihre Taschen leeren – da sind dieselben Sachen drin wie bei uns. Ich kann nicht anders, ich muss es einfach sagen, wieder und wieder, auch wenn viele es nicht mehr hören wollen: Seht euch an, wozu wir fähig sind – wovon wir unsere Augen abwenden."

Der Tod macht keine Unterschiede. Das erfährt Cristina Cattaneo im Obduktionssaal jeden Tag. Sie fragt sich und uns: Wann würdigen wir die namenlosen Toten, wie sie es verdienen – so, als seien sie unsere eigenen? Es sei gerade jetzt extrem wichtig, dass wir die Bootflüchtlinge nicht vergessen, ihr Schicksal nicht verdrängen. Corona könne uns auch wieder Empathie lehren.  

"Ich habe die Toten in den Schiffswracks gesehen, aufeinandergestapelt", erzählt die Wissenschaftlerin. "Die Skelette der Kinder, nebeneinander in den Kielräumen. Und die Welt ist schon dabei, das wieder zu vergessen." 

(Beitrag: Andreas Lueg)

Buch-Tipp
Namen statt Nummern
Auf der Suche nach den Opfern des Mittelmeers
Von Cristina Cattaneo
Rotpunkt Verlag 2020
ISBN: 978-3-85869-866-7
Preis: 24 Euro

Stand: 19.04.2020 19:16 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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