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Was der Glaube vermag – die Geschichte des Franz Jägerstätter

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Was der Glaube vermag – die Geschichte des Franz Jägerstätter | Video verfügbar bis 26.05.2020 | Bild: Iris Productions

Ein strenggläubiger amerikanischer Regisseur dreht einen Film über einen strenggläubigen Österreicher, der in der Nazi-Zeit gelebt hat. Dargestellt von einem deutschen Schauspieler und jetzt Weltpremiere in Frankreich, hier in Cannes. Wahrhaft international ist auch das Thema des Films. Es geht um Glauben, aber nicht nur im religiösen Sinne, sondern auch um den Glauben an die richtige Handlung, die Kraft, auch dann das Richtige zu tun, wenn Millionen andere das Falsche machen, und man mit seiner inneren Haltung nichts bewirkt, außer den eigenen Untergang.

August Diehl und Valerie Pachner
August Diehl und Valerie Pachner

Große Bühne für August Diehl: Er spielt die Hauptrolle in "Ein verborgenes Leben" des Amerikaners Terrence Malick. Der Regisseur ist ein Phantom. Seit Jahrzehnten versteckt er sich vor der Öffentlichkeit. Wir wissen: Er ist hier – nur: wo? Er liebt das Versteckspiel. Nur wenige Sekunden aus seinem Film dürfen wir zeigen.

Die Familie Jägerstätter betreibt einen Bauernhof in Österreich.
Die Familie Jägerstätter betreibt einen Bauernhof in Österreich. | Bild: Iris Productions

Österreich, 1940. Ein Soldat kehrt heim: Sehnsucht erfüllt, nur für Augenblicke. Er wird nicht lange bleiben. Auf sie beide wartet das Grauen. Er wird zum Märtyrer werden. "Er war jemand, der einfach nein sagte", sagt Schauspieler August Diehl. "Eine bestimmte Art von Sturheit, die auch immer weniger wird, weil immer mehr Leute einfach immer gerne alles mitmachen. Und dieses: ‚Ja warum nicht?’ ist eigentlich so stark in der Welt, viel stärker als dieses Nein. Weil ein ‚Nein’ ist auch immer unattraktiv."

Franz Jägerstätter – Bauer, Vater, Christ

Franz Jägerstätter verweigert den Kriegsdienst
Franz Jägerstätter verweigert den Kriegsdienst | Bild: Iris Productions

Der Film erzählt seine Geschichte: Franz Jägerstätter, aus Oberösterreich. Bauer, Vater, Christ. Du sollst keine anderen Götter haben, heißt es in der Bibel. Vor allem keine menschlichen. Er glaubt daran. Es wird sein Verhängnis. 1938: Bei der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs zu NS-Deutschland stimmt Jägerstätter als einziger im Ort mit Nein. Er wird zum Militärdienst eingezogen. Töten für einen Unrechtsstaat, unvereinbar mit seinem Glauben.

Er beschließt, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Einmal noch fährt er heim und weiß: Es könnte das letzte Mal sein, dass er seine Frau sieht. "Das war sehr schwer, der Abschied", erinnerte sich Franziska Jägerstätter viele Jahre später. "Er ist im Wagon schon dringesessen, da wollte er mich noch nicht rauslassen, bei der Hand. Und wie der Zug angefahren ist, da hat er mich auch noch nicht ausgelassen. Da hat ihn der Schaffner dann recht angebrüllt. Dann war es aus."

Franz Jägerstätter im Gefängnis
Franz Jägerstätter im Gefängnis | Bild: Iris Productions

Er kommt in Haft, wird gefoltert, bleibt standhaft. All das zeigt der Film. In Ketten schreibt Franz Jägerstätter seiner Frau Briefe. Unter anderem diesen Satz: "Besser die Hände gefesselt als der Wille." Eine Gewissheit hat er: "Du sollst nicht töten", sagt August Diehl. "Er empfindet, dass das falsch ist. Auch ihn wahrscheinlich zerstören wird."

Jägerstätter wurde 1943 enthauptet

Er wendet sich an die Kirche. Hier muss sie doch sein, die Menschlichkeit. Der Bischof weist ihn ab. Opportunismus hat längst System. "Das ist eine Riesenrolle, die Kirche im Dritten Reich… und überhaupt: geschlossene Systeme", sagt Diehl. "Das ist das Schwierige, das man in einem System, wo man vielleicht absolut daran glaubt, dass das das richtige ist: sei es der Nationalsozialismus oder auch die Kirche, dass man da sich dagegenstellt und sagt: Nein, das kann ich nicht mitmachen."

Franz Jägerstätter
Franz Jägerstätter

Am 9. August 1943 wird Franz Jägerstätter enthauptet. Er gilt als Verräter – seine Frau als mitschuldig. "Bis in die Achtziger wurde er als Spinner gehalten", sagt Valerie Pachner, die im Film Franziska Jägerstätter spielt. "Und sie hat keine Witwenpension erhalten, weil er ein ‚Verräter’ war."

Szene aus "Ein verborgenes Leben"
Szene aus "Ein verborgenes Leben" | Bild: Iris Productions

Franziska Jägerstätter zieht ihre Kinder allein groß. Als sie in den Sechzigern Besuch von einem Kamerateam bekommt, ist die Entscheidung ihres Mannes für viele im Ort noch immer schwer auszuhalten. Sein Tod ist ein Angriff auf das Gewissen derer, die bleiben. "Alle waren dann praktisch Kriegsverbrecher, von seinem Standpunkt aus. Und er der Richtige, und der Heilige, der Märtyrer?", spottet ein Passant. "Nach seinem Gewissen hat er vielleicht richtig gehandelt", sagt ein anderer. "Aber ob das gegenüber der Familie richtig war, das täte ich bezweifeln."

"Ein verborgenes Leben". Die Nationalsozialisten hatten Jägerstätter gewarnt: Niemand würde je von seinem Widerstand erfahren. Terrence Malick hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie Lügen zu strafen. Ein Film wie eine kollektive Beichte.

Stand: 26.05.2019 22:32 Uhr

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