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Der Aufstand gegen das Aussterben

PlayZeitungsausriss mit Demonstrationsschild
Der Aufstand gegen das Aussterben | Video verfügbar bis 27.10.2020 | Bild: BR

Da ist sie. Die Revolte. Die Menschheit rast auf den Abgrund zu und hält kurz inne: Springen wir wirklich? "Das muss man erst mal anerkennen, dass gerade ein signifikanter Teil von jungen Menschen, aber auch von Menschen aus allen Generationen wirklich Angst hat", sagt Luisa Neubauer von "Fridays for Future". Schul-Streik war der Anfang. Jetzt: Eskalation. Massenverhaftungen. Ziviler Ungehorsam. "Ob die Leute uns nicht mögen, ist völlig egal. Unsere Demokratie versagt komplett. Die Zeit ist abgelaufen", warnt Rupert Read von "Extinction Rebellion". "Fridays for Future" und "Extinction Rebellion". Zwei Bewegungen, ein Ziel: nichts Geringeres als die Rettung der Welt.

Bürger sein, keine Untertanen

London. Hier hat "Extinction Rebellion" seinen Ursprung. Zu Besuch bei Rupert Read. Philosoph, Aktivist, Vordenker der Bewegung. Aufstand gegen das Aussterben. "Wir tragen das Wort 'Rebellion' ganz bewusst in unserem Namen", sagt Read. "Denn wir sind nicht mehr gewillt, unsere Regierung anzuerkennen. Eine Regierung, die ihr Volk in den Tod schickt: die hat ihre Legitimation verloren. Wir sagen in unserem Gründungsmanifest: Der Gesellschaftsvertrag wurde gebrochen. Und zwar von unserer Regierung, die uns nicht schützt. Deshalb bleibt uns gar keine andere Wahl, als jetzt unsererseits Gesetze zu brechen – ohne Gewalt." 

Ein Mann in mittlerem Alter gibt ein Fernsehinterview
Philosoph und Aktivist Rupert Read | Bild: BR

"Fridays for Future" wird zum Massenphänomen. Innerhalb von nur einem Jahr. Schweden, dann die ganze Welt. Der Kopf der Bewegung in Deutschland ist Luisa Neubauer. Sie hat ein Buch geschrieben: "Vom Ende der Klimakrise". Auch darüber, wie es anfing, als sie zum ersten Mal zum Streik aufrief – per Mail. "Und dann kamen, glaube ich, so zwei Urlaubs-Automatic-Replies: 'Sorry, ich bin nicht da.' Zwei Leute, die geschrieben haben: 'Ja, total schön die Idee, aber passt nicht so richtig bei uns rein, direkt vor Weihnachten, aber im Februar vielleicht.' Dann habe ich noch einmal last minute Freunden geschrieben und gesagt: 'Leute, bitte tut mir diesen einen Gefallen, lasst es kein Desaster werden.' Dann standen wir vor diesem gigantischen Bundestag vor den Zäunen mit zehn Leuten oder so was, von denen ich wusste, dass sieben da waren, weil sie mir einen Gefallen tun wollten und die würden nächste Woche nicht wiederkommen – und ich dachte: okay, wird das hier einfach nur eine Katastrophe?" 

Eine Million Menschen geht auf die Straße

Wurde es nicht. Wieder ein Freitag, neun Monate später: An einem einzigen Tag gehen in Deutschland über eine Million Menschen auf die Straße. Weltweit wird es der größte Klima-Aufstand der Geschichte. Und die Bundesregierung? Gibt am selben Tag etwas bekannt, das sie "Klimaschutzpaket" nennt. Ein Minimal-Konsens. "Politik ist das, was möglich ist. Und die Möglichkeiten haben wir ausgelotet", sagt Angela Merkel.

Totale einer jungen Frau mit Mütze
Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer | Bild: BR

"Das ist so ein Politikverständnis des 20. Jahrhunderts. Aber sorry, die Zeiten sind vorbei", sagt Luisa Neubauer. "Politik ist immer eine Kompromissfindung, klar. Aber Politik, wie sie gerade gelebt wird, ist vor allem ein Verneinen der Fakten." Rupert Read ist pessimistisch. "Wir sind als Zivilisation eigentlich schon von der Klippe gestürzt. Wir sind wie eine Comicfigur, deren Füße in der Luft zappeln, obwohl sie schon über den Abgrund hinausgeschossen ist. Wir brauchen ein Wunder. Und massenhafter ziviler Ungehorsam, wenn er gewaltlos ist, könnte es herbeiführen." 

Rebellion gegen das Aussterben

Immerhin: das britische Parlament votiert für die Anerkennung des "Klimanotstandes". Doch als die Aktivisten vor kurzem eine U-Bahn besetzen, kippen viele Sympathien. In Deutschland gibt es über 100 Ortsgruppen. Geeint von einer Forderung: Keine neuen CO2-Emissionen. "Wir fordern, die Treibhaus-Emissionen bis 2025 auf Netto-Null zu senken", sagt Read. "Ob das möglich ist? Wir wissen es nicht. Was wir aber auf jeden Fall wissen ist: Wenn wir es nicht versuchen, schaffen wir es sicher nicht. Wir müssen handeln, als ob wir im Krieg wären. Da grübelt man ja auch nicht lange: 'Ist es überhaupt möglich den Gegner zu besiegen? Werden wir dafür ein Jahr brauchen oder zehn? Lass uns erst mal ein paar Studien in Auftrag geben und solange tun wir gar nichts.' Nein, man reagiert sofort, um die Bevölkerung zu schützen." 

Wie soll er funktionieren, der radikale Politikwechsel?

Wie würde "Extinction Rebellion" den Staat umbauen, effektiver machen? "Wir wollen die Einführung einer dauerhaften Bürgerversammlung für Klimagerechtigkeit, die in ihrer Zusammensetzung proportional die Gesellschaft widerspiegelt, die von Experten informiert wird und die ohne jeglichen Druck von Wahlen wirkliche Veränderungen auf den Weg bringen kann", fordert Read.

Ein Zeitungsausriss mit jungen Menschen
Luisa Neubauer, Greta Thunberg und Mitstreitende | Bild: RBB

Die Ablehnung des derzeitigen Regierungssystems und die Forderung nach parallelen Entscheidungsstrukturen: Das hat "Extinction Rebellion" den Vorwurf eingebracht, undemokratisch zu sein. Auch "Fridays for Future" wird vorgehalten, ihre Ziele an den gewählten Parlamenten vorbei erzwingen zu wollen. "Deutschland hat ja an dem Paris-Abkommen mitverhandelt und es mitunterzeichnet und im Bundestag demokratisch legitimiert", sagt Neubauer. "Und jetzt tun sie so, als ob wir sie irgendwie verpflichten. Das ist interessant, weil es clasht mit dieser Wahrnehmung von 'Klimaaktivisten haben das Demokratieverständnis ein bisschen verloren, weil wir fordern das jetzt passiert, was wir wollen.' – Bullshit."

Verkehr lahmlegen, Schule schwänzen

Die Aktionen beider Gruppen spalten die Gesellschaft. Legitimer Protest – oder bewirkt er, dass Menschen sich abwenden? "Natürlich spaltet "Extinction Rebellion" die Gesellschaft", sagt Read. "Aber die Spaltung, die wir jetzt erzeugen, ist nur eine minimale Vorahnung der großen gesellschaftlichen Zerwürfnisse, die der Klimawandel in Zukunft bringen wird, wenn wir nicht handeln. Insofern ist es völlige Zeitverschwendung zu sagen: 'Oh, die Klimaaktivisten spalten uns, und die vergraulen nur die Leute.' Damit erschießt man nur den Boten." 

Jugendliche Demonstranten sitzen auf offener Straße
Anhänger von "Extinction Rebellion" blockieren den Berliner Verkehr | Bild: RBB

Der Natur ist es egal, ob der Mensch verschwindet. Das Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens, die globale Erwärmung auf 1 1/2 Grad zu beschränken, scheint schon jetzt nicht mehr erreichbar. Du hast keine Chance. Aber nutze sie.

BÜCHER
Luisa Neubauer / Alexander Repenning: "Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft", Tropen Verlag.
Rupert Read: "The Civilisation is finished", The Simplicity Institute.

Autorin: Ronja Mira Dittrich

Stand: 27.10.2019 19:07 Uhr

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