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Ambivalente MeToo-Geschichte

"Das ist Lust" von Mary Gaitskill

PlayDas neue Buch von Mary Gaitskill "Das ist Lust".
"Das ist Lust": Ambivalente MeToo-Geschichte  | Video verfügbar bis 02.05.2022 | Bild: NDR

Es ist eine Geschichte voller Ambivalenzen: Eine Frau signalisiert einem Mann, dass er übergriffig ist – und danach werden sie die besten Freunde. Sie ergreift sogar noch Partei für ihn, als er von anderen der sexuellen Belästigung beschuldigt wird. Und er? Ist sich eigentlich keiner Schuld bewusst – und kommt doch ins Nachdenken. Das ist das Setting von Mary Gaitskills jüngster Erzählung "Das ist Lust", in der sie den schmalen Grat zwischen tatsächlichem Vergehen, Grenzüberschreitung, Flirt und gewollter Annäherung auslotet.

"Die Opfer sprachen die ganze Zeit, wir haben sie viel gehört. Die Männer nicht. Und wenn, wurden sie zum Schweigen gebracht. Ich wollte jemanden beschreiben, der nicht in das Stereotyp des MeToo-Bösewichts passt," so Gaitskill. Sie ist bekannt dafür, radikal andere Perspektiven einzunehmen. In dem Buch geht es auch um ihre eigenen ambivalenten Gefühle.

Die fiktionale Geschichte eines Freundes

"Weil wir seit Jahren befreundet waren, wirklich gut, konnte ich ihn nicht einfach verurteilen. Ich war verwirrt und fast verzweifelt. Ich konnte sehen, welchen Schmerz er durchmachte, aber auch verstehen, warum er angeklagt wurde," erzählt Gaitskill von dem Freund, über diesen sie ihre – fiktive – Geschichte geschrieben hat.

Mary Gaitskill an ihrem Arbeitsplatz in ihrem Haus im New Yorker Umland.
Gaitskill an ihrem Arbeitsplatz: In ihrem neuem Buch geht es um einen MeToo-Fall in der New Yorker Verlagswelt. | Bild: Screenshot

Die Erzählung spielt in der New Yorker Verlagswelt. Ein angesehener Lektor, intelligent, charmant – philosophisch. Er freundet sich an, mit jüngeren Frauen aus der Branche. Tauscht sich aus, berät sie. Und spielt mit den Grenzen des Flirts. Mal wandert eine Hand auf ein Bein, den Rücken. Um Sex geht es nicht. Worum dann? Das hat Gaitskill auch ihren Freund gefragt.

Gaitskilll: "Es ging nicht um Gewalt"

"Er sagte, er liebe Menschen, liebe Frauen und wollte wissen, wie sie ticken," so Gaitskill. "Er liebte es, Vertrautheit herzustellen, hatte das Gefühl, dass Viele das auch wollten. Es ging nicht um Gewalt, nie, das ist das Interessante. Er sagte ihnen, was sie tun sollen und wollte sehen, wie sie es tun."

Am Ende geht es auch um Macht. Die Frauen vertrauen ihm Beziehungsprobleme an, sexuelle Vorlieben. Hätten sie das nicht tun dürfen? Wer trägt die Verantwortung? Wo ist die Grenze? Es sind diese Fragen, die Gaitskill aufwirft. Weil echte Situationen immer komplex seien, sagt sie.

Am Ende geht es um Macht

Einen radikal anderen Blickwinkel hatte bereits ihre Geschichte "Secretary". Es geht um das Spannungsfeld zwischen Sex und Macht: Die groteske SM-Beziehung eines Chefs mit seiner Sekretärin. Machtverhältnisse hat MeToo offengelegt, doch für Gaitskill greift die Debatte zu kurz, wenn sie sich nur auf sexuelle Übergriffe fixiert.

Mary Gaitskill steht draußen mit eine Sonnebrille und Regeschrim und schaut in die Kamera.
ttt besucht Mary Gaitskill, um mit ihr über neue Töne in der MeToo-Debatte zu sprechen. | Bild: Screenshot

"Es ist okay sexuelles Verlangen auszudrücken, solange man es höflich tut und abwägt. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass es ein Problem ist, es überhaupt zu zeigen," sagt Gaitskill. "Und das sehe ich anders. Frauen haben sich bislang auf diesen Aspekt konzentriert, weil er leicht zu verstehen ist. Sexuelle Gewalt - versteht jeder. Aber die anderen Dinge sind viel schwerer zu fassen."

"Es fiel mir auch schwer, 'Nein‘ zu sagen"

Jetzt sind die ersten Verbrecher verurteilt. Jetzt wo die Debatte sich etwas beruhigt habe, sagt Gaitskill, sei es an der Zeit zu differenzieren, die emotionalen Grausamkeiten zu sehen. Auf beiden Seiten. Gaitskill urteilt nicht in ihrem Text. Nicht über den Mann, nicht über die Frauen, die ihn um seine Existenz bringen. Frei von Verantwortung ist bei ihr niemand, auch die Frauen nicht.

"Es fiel mir auch schwer, 'Nein‘ zu sagen, wenn jemand unbedingt mit mir Sex wollte. Ich wurde als Teenager vergewaltigt und hatte Angst, dass ich auch nach einem ausdrücklichen 'Nein' wieder angegriffen würde, man nicht auf mich hören würde. Ich verstehe die Schwierigkeit. Aber ich denke, es ist etwas, was wir alle lernen müssen," erzählt Gaitskill. "Wenn wir nicht lernen, 'Nein' zu sagen, werden wir uns ständig als Opfer fühlen."

Ein Meisterwerk, in dem die Grenzen verwischen, Mehrdeutigkeiten gewollt sind. Widerspruch hält sie aus – denn für Mary Gaitskill ist es jetzt an der Zeit, die MeToo-Debatte nuancierter zu führen.

(Beitrag: Katja Deiß)

Das ist Lust
Von Mary Gaitskill
Aufbau Verlag, 2021
ISBN: 978-3-351-05082-5
Preis: 18 Euro

Stand: 02.05.2021 20:43 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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