SENDETERMIN So, 14.04.19 | 23:35 Uhr | Das Erste

Theater gegen das Trauma

25 Jahre nach dem Genozid in Ruanda

PlayEine junge Schauspielerin mit Mikrofon am Ohr hält ihr Gesicht in ein Stück Stoff.
Theater gegen das Trauma | Video verfügbar bis 14.04.2020 | Bild: NDR

Die Theater-Gründerin Hope Azeda erzählt in ihrer neuen Produktion "Generation 25" die Geschichte Ruandas vom Genozid bis heute. In hundert Tagen wurden 800.000 Menschen ermordet, auch Hope Azeda hat damals Angehörige in dem Massaker verloren. Noch bis zum Juli ist in Ruanda Staatstrauer im Gedenken an das unfassbare Blutvergießen, das das Land vor 25 Jahren erschütterte.

Nach vorn blicken mit Hilfe von Theater

In dem aktuellen und sehr bewegenden Stück der Theatermacherin geht es darum, wie junge Ruanderinnen und Ruander mit ihrer Geschichte umgehen und nach vorne blicken, mit Hilfe von Gesang, Tanz und Sprache.

»Mama, ich wollte mich nicht von dir verabschieden. Ich wollte nicht ohne dich leben, aber ich muss. Alles, was mir von dir bleibt, ist diese blutgetränkte Tuch.«

In "Generation 25" wird auch die Geschichte einer Überlebenden des Genozids erzählt. Als Baby wurde sie neben ihrer sterbenden Mutter gefunden und gerettet. Die Regisseurin Hope Azeda setzt sich immer wieder mit dem Thema Völkermord auseinander: "Damit eine Wunde heilen kann, muss man sie säubern. Das geht nur ganz oder gar nicht. Diese Wunde zu säubern, ist schmerzhaft. Aber es muss sein."

Genozid in Ruanda: Wie das Grauen verarbeiten?

In ihrem Theaterstück geht es um Menschen, die 1994, im Jahr des Massakers, und danach geboren wurden. Wie verarbeiten sie das Grauen? Und wie leben sie mit der Last? "Wir haben viele Fragen, und wir sind hungrig nach der Wahrheit", sagt Schauspielerin Maya Musenga. "Aber diese Fragen zu stellen, ist unendlich schwierig." So sagt ein junger Mann in dem Stück:

»Ich bin der Sohn eines Monsters. Bin ich vielleicht auch ein Monster?«

Wie geht es den Tätern und deren Nachkommen?

Hope Azeda.
Hope Azeda ist die Chefin der Theatergruppe. | Bild: NDR

Auch 25 Jahre danach quält Ruanda sich mit der Aufarbeitung des Völkermords. Jedes Jahr von neuem wird der Opfer gedacht. Aber wie geht es den Tätern und deren Nachkommen? "Eltern wollen ihre Kinder immer schützen. Manchmal ist das gut, manchmal nicht", sagt die Regisseurin. "Den meisten in dieser jungen Generation wurde die komplette Wahrheit über die Vergangenheit vorenthalten, weil ihre Eltern Angst haben, was das mit ihrem Kind machen könnte."

Die meisten beteiligten sich an den Massakern

Fast eine Million Tote in hundert Tagen. Radikale Hutu hetzten die eigene Volksgruppe auf, die Minderheit der Tutsi auszulöschen. Die meisten beteiligten sich an den Massakern. Es gab kaum ein Entkommen. Niemand wurde verschont. Am Ende waren drei Viertel aller Tutsi ermordet.

"Regen ist Hoffnung. Regen heißt nach Hause kommen, mit Regen verbinden sich gute Erinnerungen. Als damals der Regen kam, gab es keine Straßensperren und die Menschen, die von ihren Freunden und Feinden gejagt wurden, konnten flüchten", erzählt Hope Azeda.

Alle sollen Ruander sein, nicht Hutu oder Tutsi

Heute in Hutu und Tutsi zu unterscheiden, hat die Regierung unterbunden. Alle sollen Ruander sein. Aber in den Seelen der Opfer und Täter von damals lebt die Vergangenheit weiter. Und die neue Generation? "Wir versuchen, ein neues Bild von Einheit und Versöhnung aufzubauen", so die Schauspielerin Maya Musenga. "So schwer das auch ist, denn die Menschen sind noch immer traumatisiert, alles ist noch sehr empfindlich. Wir gehen einen Schritt nach dem anderen. Wir reden über unsere Geschichten, aber sagen nicht als erstes: 'Ich bin das Kind eines Opfers' oder 'das eines Täters'."

Ruanda - wie ein Kaktus in der Wüste

‚Unsere Geschichte ist unsere Wahrheit‘. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Ruandas ist nach dem Genozid geboren. Hope Azeda kehrte mit ihrer Familie aus dem Exil in die Heimat zurück, wie viele andere auch. "Ich vergleiche Ruanda mit einem Kaktus in der Wüste", sagt sie. "Das Land hat wie ein Kaktus unter Hitze gelitten, ist verdorrt. Aber seine Widerstandskraft ist unglaublich und es hat überlebt – wie ein Kaktus in der Wüste."

Das Tutsi-Baby im Stück, das seine Mutter verloren hat, gab es wirklich. Es wurde gerettet – von einer jungen Hutu-Frau. Beide überlebten, allem Schrecken zum Trotz.

(Beitrag: Sabine Bohland)

Stand: 14.04.2019 18:58 Uhr

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