SENDETERMIN So., 25.09.22 | 23:05 Uhr | Das Erste

Sozialismus, Eleganz und Subkultur in der DDR

Der Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt"

PlaySzene aus dem Film. Zwei Personen sitzen in einem Auto und schauen geradeaus. Sie sehen traurig aus, sie tragen fanatsievoller Make Up.
Der Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt" - Film von Aelrun Goette | Video verfügbar bis 25.09.2023 | Bild: NDR/Screenshot

Die Geschichte klingt nach einem Mädchentraum: Eine junge Frau wird zufällig fotografiert, ihr Bild landet auf dem Cover einer Modezeitschrift – der Einstieg in eine glamouröse, verlockende und auch fremde Welt. So ähnlich hat es die preisgekrönte Filmemacherin Aelrun Goette selbst erlebt. Sie wurde in den 80er Jahren auf der Straße in Ostberlin entdeckt, modelte und stand für die großen Fotograf*innen der DDR vor der Kamera. Daraus hat sie – vielen Widerständen zum Trotz und in 14 Jahren zäher Arbeit – einen Spielfilm gemacht: "In einem Land, das es nicht mehr gibt". Goette erzählt darin von den kreativen Nischen in der DDR, Sozialismus und Eleganz, der schillernden Subkultur der Ostberliner Szene, von Freiheit und Zwang, Kompromiss und Kompromisslosigkeit.

"Es ist ja vieles authentisch. Also beispielsweise wurde ich, genau wie meine Hauptfigur auch, verhaftet, weil ich diesen Aufnäher 'Schwerter zu Pflugscharen' hatte. Und bei mir war es dann so, dass ich nicht zum Abitur zugelassen wurde, weil ich keine reife sozialistische Persönlichkeit war. Und dann musste ich einen Beruf lernen, den ich nicht lernen wollte," erzählt Goette. "Mir war klar eine Ausbildungszukunft hab ich nicht mehr in der DDR, ich war nicht mehr in der FDJ, ich habe diese ganzen Dinge dann losgelassen und habe so eine bestimmte Form von Freiheit gefühlt. Ich dachte mir, ich kann ja eh nichts. Was wollen Sie mir noch wegnehmen?"

Schillernden Subkultur der Ostberliner Szene

Szene aus dem Film: Suzie sitzt am Fenster eines Busses und schaut raus.
Aelrun Goettes Alter Ego "Suzie" ist der Hauptcharakter im Film. | Bild: NDR/Screenshot

Am Anfang ihres Lebens, kurz vorm Ende der DDR, passiert Aelrun Goette das, was heute ein Traum vieler Mädchen ist: Sie wird als Model entdeckt. Goette macht das nur für ein paar Jahre. Doch die prägen die Regisseurin so, dass sie einen Film daraus machen musste. 14 Jahre hat die Finanzierung gebraucht. Jetzt ist sie zu sehen, diese bewegende Mischung aus selbst Erlebtem und Fiktion. In ihrem Film betritt Goettes alter ego Suzie eine Insel der Schönheit im Einheitsgrau des Sozialismus. Es ist eine Welt, die offenbar bis heute nicht in das gängige DDR-Bild passt.

"Das fing an, dass ich die Geschichten aus dieser Zeit erzählt habe, meinen Freunden, und vor allem auch meinen Freunden aus dem Westen und Bekannten. Und alle haben immer sehr gestaunt und gesagt: Das können wir uns gar nicht vorstellen, dass es so etwas gab," so Goette. "Und parallel dazu bin ich immer mit einer Schablone konfrontiert worden, immer mehr, die sich so über den Osten gelegt hat, wo ich das Gefühl hatte, meine Vergangenheit kommt da drin gar nicht richtig vor. Die hat da gar nicht richtig Platz."

"Sozialismus mit menschlichen Antlitz"

Goette erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte inmitten des real-sozialistischen Alltags. Eben der wird im Film auch gezeigt und wie im Kult-Mode-Magazin "Sibylle" ästhetisch hochwertig verpackt. Eine Version vom "Sozialismus mit menschlichen Antlitz".

"Hier geht es um Schönheit. Weißt du, was das ist, Schönheit? Schönheit ist ein Versprechen, dass es jenseits der Mittelmäßigkeit etwas gibt, wo Ruhe herrscht. Schönheit besänftigt die Nerven, Schönheit ist keine gute Absicht, sondern eine Tatsache. Schönheit ist Provokation, Strenge, Verantwortung. Und Schönheit hat ihren Preis."
- aus "In einem Land, das es nicht mehr gibt"

"Ich habe diesen Monolog geschrieben. Das war ganz lustig, als ich eine wirklich deftige Ablehnung bekommen habe von einem ARD Sender, warum mein Stoff irgendwie nicht relevant sei," meint die Regisseurin. "Und da wurde auch Schönheit als oberflächlich bezeichnet. Und da habe ich mich so geärgert, dass ich dann diesen Monolog über Schönheit geschrieben habe, weil ich gedacht habe, die Schönheit ist was anderes. Schönheit muss man größer denken." Die Lehre von der "Schönheit des aufrechten Gangs", ist das eigentliche Thema von Goettes Film. Und der Ausdruck des Selbst durch Mode – die wechselhaft wie der Mensch ist. Stück für Stück lernt der Zuschauer, wie man Ambivalenzen aktiv und attraktiv in der DDR hat ausleben können.

Ausdruck des Selbst durch Mode

Die Mode ist der größte Gleichmacher, so sagt man. Goettes Film nutzt diese Tatsache und beweist zugleich das Gegenteil. Er ist jugend- und familientauglich wie eine Castingshow. Aber um Armlängen besser. ttt spricht mit Aelrun Goette über ihre persönliche Geschichte – und warum die so wichtig ist, zu erzählen.

"In einem Land, das es nicht mehr gibt"
von Aelrun Goette
Kinostart 06.10.2022

(Beitrag: Sylvie Kürste)

Stand: 25.09.2022 18:31 Uhr

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@ard.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.