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"Keine Ostergrüsse mehr!"

Was die Gästekartei eines Grand Hotels verrät

PlayEIn Blick in die geheime Gästekartei
"Keine Ostergrüsse mehr!" — Was die Gästekartei eines Grand Hotels verrät | Video verfügbar bis 09.05.2022 | Bild: BR

Es war das Karlsbad der Alpen. Eine der ersten Adressen des europäischen Bädertourismus. Vulpera im Unterengadin. Überstrahlt vom Glanz des Grandhotels Waldhaus. Treffpunkt einer internationalen High Society. Hier logierten die letzte russische Zarenfamilie und der erste Präsident der Bundesrepublik, Robert Bosch und Friedrich Flick, Richard Tauber, Fritz Kortner, Max Frisch.

Die Karteikarten: emotionale Blitzableiter des Personals und Frühwarnsystem
Die Karteikarten: emotionale Blitzableiter des Personals und Frühwarnsystem | Bild: BR

Über alle Gäste und ihr Auftreten wurde vom Personal Buch geführt. "Großer Protz à la Neureich", wurde auf Karteikarten notiert. "Ganz reizender Gast!" – "Glatte alte Tante…" – "Ekelhafter Nörgler aus Ungarn!" 20.000 Observationen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis Anfang der 60er Jahre – die geheime Gästekartei des Hotels Waldhaus. Ein abgründiges Dokument über das Verhältnis von Reisenden und Bereisten.

Lois Hechenblaikner
Lois Hechenblaikner | Bild: BR

"Der Gast bringt ja nicht nur seinen Koffer mit an die Rezeption", sagt der Herausgeber Lois Hechenblaikner. "Er bringt ganz viel von seiner Persönlichkeit mit, sowohl seine menschlichen Qualitäten, aber auch Teile seiner seelischen Mülldeponie. Und damals waren die Gäste auch noch vier, sechs Wochen lang da. Je länger, dass ein Gast da ist, umso eher passiert irgendetwas. Und das ist eben so spannend, weil wahrscheinlich kaum etwas so tief in die menschliche Seele blicken lässt als die Begegnungskultur in einem Hotel."

Das Grandhotel
Das Grandhotel | Bild: BR

Das Grandhotel, eine High-End-Maschinerie, die unablässig Geschichten von Menschen produziert, die ihrer Rolle in dieser gesellschaftlichen Inszenierung nicht immer ganz gerecht werden. "Trinkt täglich eine Flasche Gin", steht in den Notizen. "Parkiert seinen Alfa Romeo neben Villa Post und weckt mit seinem Start um 6:00 Uhr die Gäste." Oder: "Zerschmeisst Camembert in der Halle und randaliert."

Nicht nur emotionale Blitzableiter des Personals

Die Kartei ist mehr als nur der emotionale Blitzableiter des Personals. Sie dient auch als Frühwarnsystem. "Negative Bemerkungen – wie zum Beispiel ‚die Beißzange’ – finde ich herrlich", sagt der letzte Hoteldirektor Rolf Zollinger. "Die Dame hat sich wahrscheinlich mit irgendeinem Mitarbeiter auseinandergesetzt. Wenn Sie im folgenden Jahr zurückkam, dann war die Rezeption bereits vorbereitet, dass wir den Gast anders angehen muss. Und dann reagiert auch der Gast komplett anders und der kann dann letztendlich zu einem sehr lieben Gast werden. Man ist vorbereitet." Auch auf eine Klientel, die trotz ihres sozialen Status’ häufig zahlungsunwillig ist.

Der letzte Hoteldirektor Rolf Zollinger
Der letzte Hoteldirektor Rolf Zollinger | Bild: BR

Der sogenannte "Glanzgast", den sich das Personal wünscht, scheint eine eher rare Spezies zu sein. Bis heute. "Es hat mich einer der Tourismusdirektoren von einer der größten Tourismusregionen vom Achensee angerufen und sich bedankt für das Buch, weil es für ihn so etwas wie ein Psychogramm der Tourismuswirtschaft ist", sagt Hechenblaikner. "Ich spreche mit diesem Buch anscheinend den Leuten aus der Seele. Weil es so wahr ist."

Bissige Gegenwehr des Personals
Bissige Gegenwehr des Personals | Bild: BR

Die schöne Welt des Luxus und permanenter Freundlichkeit am Laufen zu halten ist seit Waldhaus-Zeiten nicht leichter geworden. Hatte man damals nur eine schlechte Bewertung im Baedeker zu fürchten, lauert heute die Gefahr zahlloser Schmähungen in diversen Bewertungsportalen. "Heute rächt sich der Gast über die Eintragungen", sagt Hechenblaikner. "Es werden Hoteliers erpresst regelrecht. Entweder bekommt der Gast einen Rabatt oder er schreibt ihm ein negatives Urteil auf die Webseiten und das zu löschen ist heute höchst schwierig. Der Kunde wurde zum Scharfrichter erhoben." Im Waldhaus lautete das schärfste Mittel der Gegenwehr: "Keine Ostergrüße mehr!"

Viele Waldhaus-Gäste aus der jüdischen Oberschicht

Die Kartei beleuchtet aber mehr als nur den Mikrokosmos des Hotels. Viele Waldhaus-Gäste gehören der jüdischen Oberschicht an. Der Antisemitismus des Personals äußert sich in den Notizen ganz offen oder verbirgt sich hinter der Chiffre "Tiroler". Die österreichischen Nachbarn galten im Engadin schon immer als besonders geschäftstüchtig. Ein Klischee, das auch auf Juden passt.       

Vulpera im Unterengadin: Hier lag das Hotel.
Vulpera im Unterengadin: Hier lag das Hotel. | Bild: BR

Doch dann bleiben diese Gäste aus. Immer mehr Ostergrüße sind nicht zustellbar. Was im Dritten Reich geschieht, lässt das Personal sichtlich unberührt. Es erfindet für die Überlebenden, die sich nach Kriegsende wieder im Waldhaus treffen, einfach einen neuen Code: P steht für "Palästinaschweizer". Je mehr Ps desto größer das Vorurteil.  

Die Geschichte des Hotels endet im Mai 1989 durch Brandstiftung. Der Täter konnte nie ermittelt werden. Er handelte unbeobachtet.

(Autor: Henning Biedermann)

BUCH-TIPP

Lois Hechenblaikner / Andrea Kühbacher / Rolf Zollinger (Hrsg.): "Keine Ostergrüsse mehr!" Edition Patrick Frey

Stand: 09.05.2021 18:53 Uhr

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