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Gefährliche Geschichtsklitterung

Wie der Holocaust relativiert wird

PlayEine Armbinde, auf der Stern gedruckt ist, der an einen Judenstern erinnern soll, mit der Aufschrift "Ungeimpft".
Gefährliche Geschichtsklitterung - Wie der Holocaust relativiert wird | Video verfügbar bis 09.01.2023 | Bild: picture alliance/dpa | Christophe Gateau

Impfgegner demonstrieren mit Judensternen, Aktivisten sprechen vom "Klima-Holocaust", Tierschützer vergleichen Massentierhaltung mit Konzentrationslagern. Ob bei Demonstrationen, in Sozialen Netzwerken oder auch in der Popkultur, die Verharmlosung des Holocaust durch solche Vergleiche hat weltweit an Intensität zugenommen – insbesondere bei den Gegnern von Corona-Schutzmaßnahmen. Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, beobachtet die Vergleiche mit den Opfern der Nationalsozialisten mit Sorge.

"Holocaust Relativierung ist das Bagatellisieren des Holocausts. Wenn ich mir einen Judenstern anpappe und mich in einer Demonstration darstelle als Verfolgter, dann heißt das eine völlige Fehldeutung dessen, was damals tatsächlich geschehen ist," so Heubner. "Wir reden von einer industriemäßigen Vernichtung von Menschen. Man hat sie vergast und verbrannt und die Asche verschüttet. Und das soll in irgendeiner Weise vergleichbar sein mit dem, was heute geschieht oder was heute vorbereitet wird?"

Ein internationales Phänomen

Christoph Heubner schaut in die Kamera.
Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, beobachtet die Vergleiche mit den Opfern der Nationalsozialisten mit Sorge. | Bild: Screenshot

Holocaust-Relativierung ist ein internationales Phänomen: Corona-Demonstranten auf der ganzen Welt vergleichen sich mit den Juden in den 30er Jahren. Ihr Slogan: Non Vaccine – Ungeimpft. Von Europa bis in die USA. Sogar die Unesco warnt vor der wachsenden Gefahr der sogenannten "Holocaust-Distortion". Die Mutter von der Schriftstellerin Maya Lasker-Wallfisch war in Auschwitz interniert und hat als eine von wenigen überlebt.

"Es ist ein weiterer schrecklicher Missbrauch davon, was es bedeutet, jüdischzu sein," so Maya Lasker-Wallfisch. "Ich kann ja auch nicht behaupten, dass ich eine Schwarze bin, dazu habe ich kein Recht, denn das bin ja ich nicht. Es ist zutiefst verstörend und eine widerrechtliche Aneignung der jüdischen Erfahrung. Das beleidigt mich im Namen von Millionen Ermordeten." Der Missbrauch des Holocausts auf den Corona-Demos kommt nicht von ungefähr: Häufig marschieren Rechte mit. Judith Rahner ist Expertin für Rechtsextremismus. Dessen eigentliches Ziel sei es, die Demokratie abzuschaffen und durch ein neues System zu ersetzen.

Missbrauch des Holocausts

"Die Corona-Krise ist so wie alle anderen Krisen auch ein gefundenes Fressen für Rechtsextremisten. Denn die leben davon, dass Gesellschaft, dass Bevölkerung verunsichert wird und Menschen, die in einer Krise sind, die suchen nach Orientierung," so Rahner. "Und das sehen wir an ganz unterschiedlichen Orten, sowohl auf der Straße, also auf sämtlichen Demonstrationen, die werden teilweise von Hardcore Rechtsextremisten, die auch lange bekannt sind als Rechtsextremisten, angemeldet und durchgeführt."

Rechtsextreme nutzen die Wut bislang unpolitischer Bürger auf die Politik. Und die fühlen sich plötzlich als Helden im Widerstand – und distanzieren sich deswegen nicht von den Rechten. "Weil es für beide Seiten sozusagen eine Win-win-Situation ist. Für die einen ist Holocaust-Relativierung schon immer Teil des Programms und für die anderen: Die nutzen das jetzt eben, um auf ihr eigenes Leid in Anführungszeichen aufmerksam zu machen mit delegitimen Mittel," sagt Rahner.

Nicht nur Corona-Demonstranten

Doch es sind längst nicht nur Corona-Demonstranten, die das Leid der Nazi-Opfer missbrauchen: Der Holocaust wird als Marketing-Tool von Klima-Aktivisten genutzt. Die Tierschutz-Organisation PETA vergleicht Massentierhaltung mit der Shoa. Inzwischen verboten. Und der Judenstern für "Dieselfahrer" – als Aufkleber erhältlich.

Judith Rahner schaut in die Kamera.
"Die Corona-Krise ist so wie alle anderen Krisen auch ein gefundenes Fressen für Rechtsextremisten." Judith Rahner | Bild: Screenshot

"Mittlerweile sind diese Vergleiche in so hoher Schlagzahl anzutreffen, sowohl online als auch auf der Straße, dass man irgendwann auch abstumpft," sagt Rahner. "Die Leute nehmen das achselzuckend zur Kenntnis und sagen: 'Ach, schon wieder ein Holocaust-Vergleich. Ist ja nicht so schlimm.' Es wird immer weiter banalisiert und abgewertet. Und da muss dringend was getan werden. Das darf man so nicht durchgehen lassen."

Was tun gegen diese Banalisierung? Judith Rahner fordert mehr Aufklärung und neue Konzepte für unsere Erinnerungskultur. Vor allem aber müssen die Täter belangt werden: "Es ist wichtig, dass die Sicherheitsbehörden und die Justiz da härter durchgreift, dass solche Relativierung auch strafrechtlich geahndet werden, beispielsweise wegen Volksverhetzung."

Was tun gegen diese Banalisierung?

Eine Demokratie muss freie Meinungsäußerung aushalten. Nicht aushalten muss sie, wenn sich Menschen dafür die Geschichte fälschlich aneignen. "Es geht nicht nur um die Überlebenden des Holocaust, es geht nicht nur um jüdische Menschen, die heute in Deutschland oder anderen Ortsleben," so Heubner. "Es geht darum, wie eine Gesellschaft verlottert und langsam Hass sich Bahn bricht, Vorurteile gesellschaftsfähig werden und eine Gesellschaft sich verändert."

Die Amadeu Antonio Stiftung und andere Verbände warnen vor der sogenannten "Holocaust-Distortion" oder auch "Holocaust-Relativierung". Denn sie verunglimpft nicht nur das Andenken von Millionen Opfern und die leidvollen Erinnerungen der letzten Überlebenden. Sie fördert auch den Antisemitismus und spielt denen in die Hände, die die Geschichte umschreiben wollen oder den Holocaust ganz leugnen. ttt spricht mit Judith Rahner von der Amadeu Antonio Stiftung, mit Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee und mit der Autorin Maya Lasker-Wallfisch, deren Mutter in Auschwitz inhaftiert war.

(Beitrag: Julian Amershi, Martin Rieck)

Stand: 09.01.2022 19:46 Uhr

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