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Horrordroge auf Rezept

PlayDrogenepidemie in den USA
Horrordroge auf Rezept | Video verfügbar bis 01.07.2019 | Bild: Reuters / Brian Snyder

Eine Drogenepidemie von historischem Ausmaß sucht seit einigen Jahren die USA heim, der jedes Jahr über 65.000 Menschen zum Opfer fallen. Angefangen hat die Geschichte mit dem Schmerzmittel "OxyContin", das die Familie Sackler mit ihrem Unternehmen "Purdue Pharma" 1996 auf den Markt gebracht und aggressiv beworben hat, als schmerzstillend und harmlos. Der "Pain Killer" aber macht extrem süchtig, das aber verschwieg Familie Sackler – so der Vorwurf. Die Patienten bekamen das Mittel ohne Probleme massenhaft verschrieben, Tausende gerieten in die Abhängigkeit und landeten schließlich bei Heroindealern. Heute hat die Opiod-Epidemie in den USA ein solches Ausmaß angenommen, dass Präsident Trump den medizinischen Notstand ausrufen musste.

Die Familie Sackler machte mit dem Medikament bisher über 35 Mrd. Dollar Umsatz und finanziert mit den Gewinnen internationale Museen, wie das Metropolitan Museum in New York, den Louvre in Paris, die Tate Modern in London und das Jüdische Museum in Berlin, wo die bekannte Sackler-Treppe den Museumsneubau mit dem Altbau verbindet.

Nan Goldin, Aktivistin und Fotografin aus New York fordert mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen die Museen der Welt auf, keine Gelder mehr von der Familie Sackler anzunehmen und fordert die Unternehmer auf, Entzugskliniken zu finanzieren, anstatt ihr Image mit Museumssponsoring aufzupolieren.

"titel thesen temperamente" berichtet über die Geschichte dieser Drogenepidemie und den Zusammenhang zu internationalem Museumssponsoring. Wir treffen in New York den Pulitzer-Preisträger Barry Meier, der in seinem Buch "Pain Killer" die erschütternde Geschichte dieses Medikaments aufgeschrieben hat und wir sprechen mit dem Fotografen Brian Snyder, der die Opfer dieser Epidemie in einer Reportage festgehalten hat.

Opiod-Epidemie in den USA

Der Sänger Prince ist wohl das prominenteste Opfer der Opioid-Epidemie, die in den USA wütet. Prince starb 2016 an einer Überdosis. Und so sieht der Alltag dieser Drogenkrise aus: Ein Paar, bewusstlos im Auto – Überdosis. Auf dem Kindersitz ein 4jähriger Junge. Ein Polizist machte das Foto, die Stadtverwaltung stellte es auf ihre Homepage. Danach wurde es weltweit zum Symbol für die schwerste Drogenkrise der amerikanischen Geschichte.

Fotograf Brian Snyder
Fotograf Brian Snyder

Der Fotograf Brian Snyder aus Boston ist drei Monate lang mit Rettungssanitätern unterwegs gewesen und hat ihre Einsätze fotografiert. Sein Eindruck ist, dass sich die Epidemie nicht  wie üblich auf die arme Minderheit in Innenstädten beschränkt, sondern, dass sie in Arbeitervierteln genauso wie in der Mittelklasse oder in reichen Gegenden grassiert. "Die Leute sind gewöhnlich ganz blau im Gesicht, die Atmung ist sehr flach, sie haben kaum noch Puls, vielleicht 2, 3, 4 Schläge pro Minute. Zuerst bekommen sie das Gegenmittel Naloxon, damit sie wieder anfangen zu atmen. Ihnen wird eine Maske aufs Gesicht gesetzt und das Mittel wird ihnen in die Lunge gepumpt.", so der Fotograf.

Falsche Versprechungen

Pulitzer-Preisträger  Barry Meier
Pulitzer-Preisträger Barry Meier

Die Katastrophe begann 1996. Ein kleiner Pharmahersteller namens "Purdue" aus Connecticut brachte ein opioidhaltiges Schmerzmittel auf den Markt. Solche Medikamente sind eigentlich nur für Krebs-Patienten oder in der Palliativ-Medizin geeignet – sie machen stark abhängig. "Purdue" aber behauptete, die goldene Formel gefunden zu haben: Ihr "OxyContin" mache nicht süchtig. Eine riesige Lüge sei das gewesen, durch nichts bewiesen – das sagt Barry Meier, Pulitzer-Preisträger, renommierter Journalist der "New York Times" und Autor des Buches "Pain Killer". Wir treffen Meier in New York, wo er uns von seinen jahrelangen Recherchen erzählt. "Sie haben die Ärzte belogen und getäuscht. Sie haben ihre Vertreter richtig geschult, den Ärzten zu sagen, dass sie dieses Medikament problemlos ihren Patienten verschreiben können. Für mich ist das das ungeheuerlichste Unternehmensverbrechen, an das ich mich erinnern kann.", sagt der Journalist und Autor im Interview.

Familie Sackler und die Horrordroge

Es waren die 3 Sackler-Brüder, die Purdue gründeten. "OxyContin" hat bis heute 35 Mrd. $ Umsatz eingespielt und machte die Sacklers zu einer der reichsten Unternehmerfamilien der USA. Barry Meier schreibt in seinem Buch den bemerkenswerten Satz: "Im Arsenal der Betäubungsmittel ist OxyContin die Nuklearwaffe." Und er legt Beweise vor, dass die Sacklers genauestens darüber unterrichtet waren, welche verheerenden Folgen ihr Medikament hat. 2007 gelang es der Sackler-Familie eine Anklage zu verhindern durch Zahlung von 650 Mio. $.Für Barry Meier ist es eindeutig ein Zeichen einer speziellen Art von Gerechtigkeit – nämlich die, dass Unternehmen sich Gerechtigkeit kaufen können, so der Auto weiter.

Die Sacklers und das Museumssponsoring

Es ist interessant zu beobachten, dass Purdue Pharma weltweit als einer der größten Kunst- und Kultursponsoren auftritt. Museen, wie das Metropolitan in New York freuen sich, dass ihnen ganze Gebäudeteile von den Sacklers finanziert werden. Die Liste der guten Taten ist lang: Der Louvre in Paris, die Tate Modern in London. Einer US-Universität finanzierten die Sacklers sogar ein Zentrum für Gesundheitskommunikation. Auch in Deutschland treten die Sacklers als Wohltäter auf – dem Jüdischen Museum in Berlin finanzierten sie eine architektonisch extravagante Verbindung zwischen altem und neuem Gebäudeteil – die Sackler-Treppe. Gestiftet im Jahr 2002. Zu dieser Zeit verdienten die Sacklers bereits Milliarden mit OxyContin. Laut Barry Meier machte Purdue 2002 90% seines Umsatzes mit dem Verkauf von OxyContin. Seiner Meinung nach ist es eine faire Annahme zu unterstellen, dass diese Treppe mit dem Geld von OxyContin gebaut wurde.

Wir baten den Direktor des Jüdischen Museums, Peter Schäfer, mehrfach um ein Interview – leider vergeblich. Auf unsere schriftlich eingereichten Fragen bekamen wir nur ein kurzes Statement: "Selbstverständlich prüfen wir alle Zuwendungen nach rechtlichen Vorgaben und ethischen Standards (...) 2002 war uns nicht bekannt, dass OxyContin missbräuchlich verwendet werden kann." 2002 hatten Barry Meier und viele seiner Kollegen in den USA bereits zahllose Artikel über die verheerenden Wirkungen von OxyContin veröffentlicht.

Nan Goldin besetzt Metropolitan Museum

New Yorker Fotografin Nan Goldin
New Yorker Fotografin Nan Goldin | Bild: Nan Goldin

Die New Yorker Fotografin Nan Goldin besetzte vorigen Herbst mit einem Flashmob den Sackler Wing im Metropolitan Museum. Leere OxyContin-Dosen werden ins Gebäude geworfen – die Aktion konfrontierte die Museumsbetreiber auf beeindruckende Weise mit den Geschäftsgebaren ihrer Sponsoren. Für Barry Meier steht fest: "Museen sind Bildungseinrichtungen – und sie haben deswegen auch eine Verpflichtung, uns zu informieren, wer ihre Spender und Unterstützer sind. Wer diese Leute sind, deren Namen über ihren Türen und Gebäuden stehen."

Jeden Tag sterben in den USA mehr als 100 Menschen an dieser Opiod-Krise. Jetzt haben mehrere US-Bundesstaaten Klage gegen den Konzern eingereicht. Vor wenigen Tagen kündigte die Generalstaatsanwältin von Massachussets an: "Wir werden Purdue zur Verantwortung ziehen".

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 02.07.2018 00:06 Uhr

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