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Abschied vom Provokateur? – Michel Houellebecqs neuer Roman "Vernichten"

PlayVerehrt und viel kritisiert: Skandalautor Michel Houellebecq
Michel Houellebecq und sein Roman „Vernichten“ | Video verfügbar bis 16.01.2023 | Bild: hr

Frankreich in naher Zukunft, im Präsidentschaftswahlkampf 2027. Großflächige Cyber-Angriffe und ein Deep-Fake-Video: Es zeigt die Enthauptung des französischen Wirtschaftsministers. Dann die echte Torpedierung eines Containerschiffs. Kommt der Welthandel zum Erliegen? Und schließlich: ein schreckliches Attentat. Die Welt: am Abgrund. Willkommen in der neuen Kampfzone von Michel Houellebecq.

"Der Roman 'Vernichten' erzählt von der Krankheit einer Welt, die im Sterben liegt und deren Agonie man bis zum Abgrund miterlebt. Die Idee vom Untergang des Westens verfolgt Houellebecq", sagt die französische Houellebecq-Biografin Agathe Novak-Lechevalier. Und die Literaturkritikerin Iris Radisch findet: "Der Anspruch, den großen französischen Gesellschaftsroman zu schreiben, wo Individuum und Epoche spiegelbildlich abgebildet werden, das ist ein kapitaler Wurf!"

Die Grande Nation auf dem Weg in die Postdemokratie

Wir sind in Paris, im Zentrum der Macht: Der Roman beginnt als Polit-Thriller. Paul Raison, der Protagonist, ist engster Vertrauter des Wirtschaftsministers – und beschäftigt mit der Frage: Gegen wen oder was richten sich diese mysteriösen Terror-Attacken? Die Einblicke in den Wahlkampf: desaströs. Spindoktoren "machen" den zukünftigen Präsidenten; ein Populist wird als Platzhalter installiert, damit "der Präsident", unschwer erkennbar als Emmanuel Macron, fünf Jahre später wieder die Macht übernehmen kann. Die Grande Nation auf dem Weg in die Postdemokratie.

"Politik ist in vorderster Front eine reine Dekoration", so Radisch. "Dahinter sitzen Technokraten. Und Paul, der eigentliche Held, ist eben im Zentrum der Macht, und dieses Zentrum ist hohl! Das ist im Grunde bereits vernichtet." Novak-Lechevalier: "Paul, der Berater des Ministers, erinnert den Minister irgendwann daran: 'In deiner Politik hast du komplett die Arbeitslosen vergessen'. Und er sagt: 'Ja, das stimmt.' Eine Regierung, der die Armut egal ist!  Diese Vision zeichnet der Roman: ziemlich niederschmetternd."

Houellebecq, das war von Anfang an: Schock

"Vernichten", ein brutaler Titel. Der achte Roman von Michel Houellebecq. Ein Roman, der uns auf falsche Fährten führt. Houellebecq, das war von Anfang an, seit Ende der 90er Jahre: Schock. Sein Ton: komplett neu. Sein Hass auf die Moderne, auf den Kapitalismus, auf die EU: eine Provokation. Die Poesie, mit der er Verlierer zeichnet: genial. Die depressiven Sex-Maniacs, die er immer selbst zu verkörpern schien. Ein Balzac des 21. Jahrhunderts, der die menschliche Tragödie auf den Punkt bringt. Aber sich in den letzten Thesen-Romanen im Weltekel verlor.

Interviews gibt der heute 65-Jährige kaum mehr. An der Pariser Sorbonne zeigte er sich zuletzt öffentlich. Dort sagte er: "Vor dem Hintergrund der Zeit, in der wir leben, konnte ich gar nicht anders, als Skandale auszulösen, doch ich habe das immer ein bisschen bedauert."

Eine romantische Suche nach Halt

Vielleicht deshalb macht er in seinem neuen Roman, der zeitgleich in Frankreich und Deutschland erscheint, vieles anders. Romanheld Paul lebt in einer erkalteten Beziehung zu seiner Frau Prudence, beide um die 50. Die Liebe, das Begehren – verloren.

Erst der Schlaganfall seines Vaters reißt Paul aus dem vereinsamten Ehe- und Politikalltag heraus. Er muss aufs Land, dorthin, wo er herkommt, dem Burgund. Hier trifft er seine Familie. Liebenswürdig, wertkonservativ – ganz selbstverständliche Marine Le Pen-Wähler. Houellebecqs Roman verwandelt sich hier in eine fast romantische Suche nach dem, was Halt geben könnte – Glaube? Literatur? Familie? Gar die Liebe? Im Angesicht der Endlichkeit.

"Das Politische in Paris rückt ganz weit weg", sagt die Literaturkritikerin Julia Encke,  "denn es geht nur noch um den funktionierenden Körper. Und ich glaube, dass es rivalisierende Erzählungen sind in diesem Roman, und dass die eine überhandnimmt und immer wichtiger wird, und sich Houellebecq dafür entschieden hat."

Familie und Liebe: Rettung vor dem Untergang

Der Roman verdichtet sich immer mehr auf das Existentielle: Der Vater, der Bruder und andere – das Patriarchat stirbt oder dämmert vor sich hin.  Die alten weißen Männer werden "vernichtet". Das ist urkomisch und ergreifend erzählt. Und die Frauen im Jahr 2027? Opfern sich vollends auf für die sterbenden Patriarchen. Iris Radisch: "Die kriegen alle einen Engel an die Seite gestellt, einen kochenden pflegenden, erotisch zufrieden stellenden Engel. Das ist fast ein bisschen kitschig. Das 'fast' streiche ich. Das Frauenbild ist eigentlich auch unerträglich. Aber es ist seine Liebesutopie!"

Und so zeigt sich, mitten in dieser Dystopie, ein utopischer Moment. Paul und Prudence finden sich wieder: Ihre Seele, den Sex. Aber es ist nicht mehr der zynische Sex aus früheren Romanen. In einer Welt, in der Gott sich rarmacht, bleibt als einziger Trost der liebende Körper. "Das Wichtigste in diesem Roman ist Liebe", so die Autorin Agathe Novak-Lechevalier. "Nur Liebe kann uns retten. Nur durch sie können wir noch auf etwas hoffen in einer hoffnungslosen Welt. Durch die Liebe wird der ganze Rest 'vernichtet', um die Liebe zu schützen. Das zu lesen, hat mich sehr erstaunt – es ist wunderbar!" Iris Radisch teilt ihre Analyse: "Familie und Liebe. Das sind die letzten Pole, die uns retten können vor diesem Untergang, in dem Michel Houellebecq und seine Helden nun mal unsere Epoche ergriffen sieht."

"Vernichten" ist komisch und todtraurig. Reaktionär. Fantastisch geschrieben. Mit Lust am Untergang. Es ist Houellebecqs Metaphysik der Liebe.

Und vielleicht ein Abschied? Auf der letzten Seite, in der Danksagung, schreibt Houellebecq: "Ich bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt; für mich ist es Zeit aufzuhören." Aber wahrscheinlich ist das wieder nur eine falsche Fährte.

Bericht: Brigitte Kleine 

Stand: 16.01.2022 19:02 Uhr

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