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Hyper-Gentrifizierung

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Hyper-Gentrifizierung | Video verfügbar bis 17.03.2020 | Bild: Das Erste

Ein Gespenst geht um in Berlin: Es ist das Gespenst der Enteignung von großen Immobilienunternehmen, wie zum Beispiel die "Deutsche Wohnen". Entstanden ist diese kühne Idee in den Köpfen von ganz einfachen Menschen, die sich durch immer höhere Mieten in einem grundlegenden Existenzrecht bedroht sehen: Dem Recht, ein bezahlbares Dach über dem Kopf zu haben. Ist das die Revolution? Die Rückkehr des Kommunismus? Oder nur die überfällige Abkehr von einer Politik, die das menschliche Grundbedürfnis "Wohnen" der Privatwirtschaft zur Ausbeutung überlassen hat? Die längst in der gesamten Stadt grassierende Gentrifizierung, die um sich greifende Privatisierung öffentlichen Raums bewirken, dass Mieter ihr Zuhause verlieren und Kulturorte verschwinden. Am Ende steht die Kultur des Miteinanders auf dem Spiel – und die Frage im Raum: Wie wollen wir leben, und wie soll das gehen in Berlin und überall in Deutschlands Städten?

Große Wohnkonzerne spekulieren mit Wohnraum

Menschen gehen auf die Straße, weil sie Angst haben, dass sie ihr zuhause verlieren, dass sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können. Internationale Investoren kaufen ganze Straßenzüge auf, treiben die Mieten in Höhen, Investmentfonds spekulieren mit Wohnraum und nehmen den Bürgern ihre Stadt. Es gründen sich Mieter Initiativen, sie fordern, enteignet die großen Wohnungskonzerne, gebt uns die Stadt zurück.

Rouzbeh Taheri
Rouzbeh Taheri Mitbegründer des Volksbegehrens "Deutsche Wohnen enteignen" | Bild: Das Erste

Rouzbeh Taheri, Iraner, mit 14 kam er nach Deutschland. Er träumt von so etwas Abseitigem wie Solidarität und Gerechtigkeit: "Ich wünsche mir eine Stadt, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, zu wohnen zu bezahlbaren Preisen. Es geht letztendlich um die elementaren Bedürfnisse der Menschen und sie wissen, was sie für Probleme mit den großen Immobilienkonzernen in Berlin haben." Die Kampagne geht nicht gegen einzelne Vermieter, sondern gegen Konzerne, die mehr als 3000 Wohnungen in Berlin besitzen. Die Deutsche Wohnen hat sogar über 100 000, viele an der Karl-Marx-Allee: Stadt-Utopie der DDR. Berliner Kulturdenkmal, von den ersten Mietern mit eigenen Händen aufgebaut aus den Trümmern des Kriegs.

Die Gesellschaft fühlt sich berufen

Diese Demonstranten sind keine Revolutionäre, sondern die Mitte der Gesellschaft. "Dass wir inzwischen über Mietpreisdeckelung oder Fragen der Enteignung reden, ist ja kein politisches Hirngespinst, sondern ein Beitrag dazu, dass offenbar sich die ganze Gesellschaft jetzt berufen fühlt, über Lösungen nachzudenken. Da sollte man dankbar sein, statt das mit völlig falsch liegenden historischen Vergleichen immer zu diskreditieren", so der Stadtsoziologe Andrej Holm.

Die ehemalige Bar Barbette in Berlin
Die ehemalige Bar Barbette in Berlin | Bild: Das Erste

Dieser heimleuchtende Glaskasten war eine Institution der Berliner Kunst- und Galerieszene. Jetzt gehört die ehemalige Bar Babette einem Großinvestor – und steht erstmal leer. "Diese Auslieferung unserer Städte an Investitionsmodelle hat Einschnitte in ganz vielen Bereichen und in der Kultur sind wir genauso betroffen. Zum einen müssen Kultureinrichtungen, die kein Geld bringen... die werden genauso verdrängt wie arme Leute, die die Mieten nicht zahlen können. Wir haben zweitens einen Verlust an öffentlichem Raum, also eine Kommerzialisierung des Raums, der immer einen Verlust an Vielfalt, an Lebendigkeit in den Städten mit sich bringt. Und das ist das, was wir im Moment gerade verlieren in Städten wie Berlin", so der Stadtsoziologe weiter.

Galerist Friedrich Loock
Galerist Friedrich Loock  | Bild: Das Erste

Der Berlin-Hype von heute beginnt in der Umbruchzeit der 90er. In Berlin feiert die Subkultur ihre legendären Kellerparties. Und ein junger Ostberliner  Friedrich Loock eröffnet damals die Galerie Wohnmaschine. Als er mit der Galerie anfing, war er noch Tischler am Maxim Gorki Theater und machte Mittwochabend und am Sonnabend Ausstellungen in seiner Wohnung. In seinem Wohnzimmer zeigten die Künstler ihre Arbeiten. Die Wohnung kostete 30 DDR-Mark und die Besucher brachten zur Eröffnung den Wein selbst mit. Loock zieht mit seiner Galerie mehrfach um, immer dahin, wo das Millieu kreativ und preiswert ist, bis das Geld nachzieht. Berlin ist Spiegel dessen, was weltweit passiert: Durch Spekulation und Verdrängung wird den Städten das Leben abgegraben. "Ich komme gerade aus New York zurück und in dieser Stadt herrscht nochmal ein komplett anderer Druck. Oder auch in London, wo ganze Stadtviertel mehr oder weniger leerstehen, weil die Immobilien gekauft werden, um Geld zu parken – und nicht, um darin zu wohnen", so der Galerist.

Auch Friedrich Loock wird mit seiner Galerie wohl wieder umziehen müssen. Dabei sind künftige Verdränger vielleicht sogar die besten Kunden der von ihm vertretenen Künstler: "Als Galerist sitzt du da natürlich zwischen den Stühlen. Du hast auf der einen Seite die Künstler, die natürlich stöhnen, wenn der Standort ihrer Ateliers bedroht ist. Aber auf der anderen Seite sind’s dann die gleichen Kunden, die den Lebensunterhalt finanzieren."

Steigende Gewinne und steigende Mieten

Stadtsoziologe Andrej Holm
Stadtsoziologe Andrej Holm  | Bild: Das Erste

Konzerne wie die Deutsche Wohnen feiern bei ihren Branchentreffs massiv steigende Gewinne. Möglich wurde das, weil Berlin – arm, aber sexy – 2004 zehntausende kommunale Wohnungen an die Deutsche Wohnen verhökert hatte – für 8000 Euro das Stück. Jetzt will der Senat Teile davon zurückkaufen. Reicht das? Der Stadtsoziologe Andrej Holm sieht hier vor allem, dass die Stadt, die wir uns wünschen, gegen private Gewinn-Interessen durchgesetzt werden muss. Rouzbeh Taheri setzt sich vor allem für das gesellschaftliche Engagement jedes einzelnen ein: "Wir erwarten von der Politik, dass sie diese Spekulanten versucht an die Leine zu nehmen. Wir wissen aber auch, dass die Möglichkeiten der Landespolitik begrenzt sind. Der Bund tut nichts oder viel zu wenig. Deshalb ist unsere erste Priorität, das selbst zu machen."

So viel Selbstbewusstsein und demokratischer Kampfgeist muss schon sein, wenn Berlin und andere Städte wieder den Menschen gehören sollen, die dort leben. Ab 1. April werden Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt und die meinen das ernst.

Autor: Andreas Lueg

Stand: 18.03.2019 15:24 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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