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Jedermann

PlayVerena Altenberger und Lars Eidinger im "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen 2021.
Jedermann | Video verfügbar bis 15.08.2022 | Bild: BR

Hinter dieser Tür liegt die Sakristei der Salzburger Festspiele. Die Garderobe des Jedermann. Lars Eidinger kurz vor dem Auftritt. Dieser Jedermann stöckelt in den Untergang, ist eine permanente Auflösung männlicher Klischees. Zu Beginn aber gibt er, wie es sich gehört, noch den aufgeblähten Gockel. "Da ist kein Ding zu hoch zu fest, das sich durch Geld nicht kaufen lässt", sagt der Jedermann. "Du kaufst das Land mitsamt dem Knecht, von des Kaisers verbrieften Rechts, das allezeit unschätzbar ist und eingesetzt von Jesu Christ."

Testosteron-Schleuder und Schoßhündchen

Lars Eidinger
Lars Eidinger | Bild: BR

"Ich hatte eine ganz neue Erfahrung mit dem Jedermann, von der ich nicht genau weiß, an was es liegt, vielleicht hat es mit dem Ort zu tun", sagt Jedermann-Darsteller Lars Eidinger. "Ich habe eine ganz enge Beziehung zum Untersberg. Ich hab mich nur gefragt, warum bin ich jetzt so ruhig. Ich war wirklich gar nicht aufgeregt. Mittlerweile, glaube ich, hat es gar nichts mehr mit Eitelkeit zu tun. Ich versuche mich den Inhalten zu stellen. Ich versuche mich möglichst offen zu präsentieren und in Frage zu stellen und das gibt mir eine totale Sicherheit, weil... (unterbricht)... Meine Frau spinnt doch, die hat jetzt gerade 'Jedermann' gerufen. Hey, Das war jetzt auf ttt, hast du jetzt 'Jedermann' gerufen, mitten in meinem schönsten Gedanken. Macht nix. Bis gleich!"

Lars Eidinger: Testosteron-Schleuder und Schoßhündchen. Wie gewohnt eine Rampensau. Doch mit dem seltenen Talent, das Strahlen der anderen neben sich zuzulassen. Letztes Jahr sollte er den Tod spielen, wollte er nicht. Wenn dann schon die Hauptrolle. Sein Jedermann ist ein Abgesang auf das Patriachat.

"Ich bemühe in der Inszenierung das Bild aus der 'Heiligen Johanna der Schlachthöfe' von Berthold Brecht, wo er das System als Schaukelbrett beschreibt", sagt Eidinger. Als Jedermann spricht er folgende Zeilen: "Die oben sind oben nur, weil jene anderen unten sind. Und nur so lange jene anderen unten sind. Und wären nicht mehr oben, würden jene anderen heraufkommen, ihren Platz verlassen ... Das ist ja meine Buhle wert!" Dieses Schaukelbrett gilt auch für das Verhältnis Mann und Frau. Nur wenn er auf Privilegien verzichtet, kann sie aufsteigen.

Die Buhlschaft

Verena Altenberger
Verena Altenberger | Bild: BR

Verena Altenberger, ist die erste Salzburgerin in der Rolle und die Erste, die dem Jedermann seine Anfangs-Verse klauen darf. Sie will ihm ebenbürtig sein, mindestens. Buhlschaft: "Ein Bub liebt frech und ohne Art“, spricht die Buhlschaft. "Ein Mann ist großmütig und zart. Hat milde Hände und steten Sinn, das zieht zu ihm die Frauen hin."

Die Buhlschaft-Darstellerin Verena Altenberger: "Einerseits finde ich es interessant, dass alle immer sagen, der Name 'Buhlschaft' allein ist ja schon diskreditierend, weil es ist ja in Abhängigkeit, in Beziehung zu jemanden ist. Buhlen heißt so direkt: Ich brauche was von dir. Aber: sie sagt immer zu ihm: 'Du bist mein Buhl.' In ihrer Haltung ist nicht sie die Buhlschaft, sondern ist er der Buhl. Und ich habe auch am Premierenabend als letzten Satz gedacht, bevor ich auf die Bühne gegangen bin: Heute lasse ich mich verführen."

Verena Altenberger ist Kommissarin beim Münchner Polizeiruf, war polnische Pflegekraft in einer Comedy-Serie und im Kino als heroinabhängige, liebende Mutter zu sehen. Ziemlich wilde Mischung. Und jetzt heim nach Salzburg. "Für mich ist es so: Ich wollte schon immer Schauspielerin werden. Dieser Wunsch war so früh da, dass ich mich nicht erinnern kann, warum der da war und ich hatte gar keinen Begriff davon, was dieser Beruf ist. Aber ich kannte schon die Buhlschaft. Ich sage auch immer: Ich kann das Stück lieben, hassen, spielen, dekonstruieren, aber ich kann es nicht nicht ernst nehmen. Das geht gar nicht."

"... dem schlag ich auf sein Herz mit Macht"

Jedermann
Jedermann | Bild: BR

Es ist kein Flirt, sondern Liebe – doch: endlich. Liebe ist stärker als der Tod, heißt es. Ein beruhigendes Mantra, schnöder Spruch? Der Tod stellt alles in Frage. "Die Erfahrung habe ich in meinem Leben gemacht", sagt Altenberger. "Meine Mutter hatte Krebs und sie hat das immer so beschrieben, ab diesen Moment der Diagnose war sie so einsam. Und das ist die emotionale Ebene, die ich kannte und die ich auf der Bühne versucht habe wiederzufinden, zwischen Buhlschaft und Jedermann zu sagen, es ist wunderschön, dass wir uns lieben und es hat unser Leben bestimmt bereichert. Aber die Angst vor dem Tod und den Tod den muss man alleine machen." So sagt es der personifizierte Tod im Stück: "Wo ich einen Mann will antreten, dem schlag ich auf sein Herz mit Macht."

Verena Altenberger steht als Buhlschaft im "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne.
Verena Altenberger steht als Buhlschaft im "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne. | Bild: BR

Lars Eidinger: "Der Tod war immer ein großes Thema für mich, immer. Am Anfang habe ich vielleicht auch damit kokettiert. Mittlerweile habe ich einfach Angst. Angst davor zu sterben. Ein tröstender Gedanke, den ich in einem ganz anderen Zusammenhang hatte: dass die Angst vor dem Sterben vielleicht das Leben ist. So paradox es erst einmal klingt, aber ich glaube, dass Angst ganz wichtig ist, um zu überleben. Weil die Angst uns auch schützt und die Angst dem Leben auch Wert gibt." Dieser Jedermann will nicht, dass wir dem reichen Mann beim Sterben zusehen. Er flüstert: Schau hin, da liegst Du! "Oh weh, jetzt ist's wohl Weinenszeit."

Autorin: Gabriele Pfaffenberger

Stand: 15.08.2021 19:50 Uhr

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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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