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"Sei kein Mann"

JJ Bolas neue Vision von Männlichkeit

PlayBuchcover: Sei kein Mann von JJ Bola.
"Sei kein Mann": JJ Bolas neue Vision von Männlichkeit | Video verfügbar bis 09.08.2021 | Bild: Hanser

Er hat das Buch geschrieben, das er als Jugendlicher gern gelesen hätte: Denn Jungs stehen unter enormen Druck, einem Männlichkeitsideal zu entsprechen, bei dem Gefühle als Schwäche ausgelegt werden, sagt JJ Bola. "Es ist doch frustrierend: Männer spielen immer noch vor, ein anderer zu sein, so als ob sie eine Maske aufhätten. Je älter wir werden, merken wir: Das ist nicht gesund für uns. Und es stimmt auch einfach nicht, wenn behauptet wird, dass Männer immer die Starken zu sein haben, oder, dass sie logisch denken und am besten keine Gefühle zeigen."

"Als Teenager fangen Jungs an, den Macker zu spielen"

In einem Mehrfamilienhaus im Londoner Stadtteil Camden ist JJ Bola aufgewachsen. Seine Eltern flohen mit ihm aus dem Kongo nach England, als er sieben Jahre alt war. "Tolle Gegend, viele Kulturen", sagt er. Und mittendrin ein aufgeweckter, neugieriger Junge, ein liebevolles, zärtliches Elternhaus, wo auch die Jungs miteinander kuscheln.

"Aber dann als Teenager fangen Jungs an, den Macker zu spielen. Ich weiß wovon ich rede, ich war selber einer", erzählt JJ Bola. "Ich wollte anderen Respekt einflößen, aber das hat mir gar nichts gebracht, und ich war eigentlich gar nicht so ein grober Kerl. Ich glaube, viele Jungs werden mit diesen Gefühlen konfrontiert und wissen gar nicht, warum."

Von der Unterdrückung von Gefühlen zur Gewaltbereitschaft

JJ Bola wurde Sozialarbeiter. Unter anderem arbeitete er mit Jugendlichen, die psychische Probleme haben und beobachtete, wie es junge Männer einfach nicht mehr schaffen, das überholte Männerbild und die Erwartungen unserer modernen, offenen Gesellschaft an sie in Einklang zu bringen. "Viele junge Männer unterdrücken ihre Gefühle. Und ich sehe dann, wo sie ausbrechen. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gras und Marihuana. Oder es führt zu Aggression und Gewalt gegen andere Jungs, aber auch zu Aggressionen in ihren Beziehungen."

Die Gewaltbereitschaft bei jungen Männern ist hoch. Sie haben ihre Gefühle nicht unter Kontrolle. Und ihre Wut richtet sich auch gegen Frauen. "Bei uns in England werden zwei Frauen pro Woche getötet, als Opfer häuslicher Gewalt", so der Autor. "Männlichkeit kann absolut zerstörerisch sein. Das, was Männern anderen antun, richtet sie von innen heraus selber zu Grunde. Wir sehen das an der Selbstmordrate bei Männern. Sie ist dreimal höher als die von Frauen.

"Schreibt auf, was euch frustriert!"

Aber Männer können etwas dagegen tun, sagt JJ Bola. Zum Beispiel lernen, mit ihrer Wut umzugehen. "Den Jungs rate ich immer, Tagebuch zu führen. Schreibt auf, was euch frustriert, was euch zum Weinen bringt. Schreibt auf, warum ihr am liebsten Wände einrennen wollt. Das hilft, dass ihr eure Gefühle auf Dauer besser versteht."

Und was müssen Männer an ihrem Umgang mit Frauen ändern? "Hört auf damit, Sex immer nur mit Macht und Dominanz zu verbinden", rät er. "Was könnt ihr als Mann emotional leisten? Liebe, Engagement, Empathie, die sind genauso wichtig, wie jeder finanzielle Beitrag in einer Beziehung."

JJ Bola fördert Jungs zu lesen

Und zum Schluss noch JJ Bolas Tipp, wie Jungs ihre toxische Männlichkeit ganz praktisch im Zaum halten könnten: Männer lest! "Hört euch an, wie Frauen die Welt erleben. Lest feministische Literatur. Oder schaut euch wenigstens solche Filme an, die euch helfen, mal die Frauenperspektive einzunehmen."

Und damit kann man nicht früh genug anfangen. Im Zuge seines Londoner Projekts "Boys into Books" geht er regelmäßig mit Jungs in Buchläden und bringt ihnen Literatur nahe. Ein kleiner Schritt für einen Mann, aber ein starker Aufruf an unsere männerdominierte Gesellschaft.

(Beitrag: Ralf Dörwang)

Buchtipp
Sei kein Mann
JJ Bola
Hanser | August 2020
ISBN: 978-3-446-26798-5
Preis: 16 Euro

Lesung mit JJ Bola
14. September 2020
silent green Kulturquartier
Gerichtstraße 35
13347 Berlin

Stand: 09.08.2020 19:39 Uhr

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Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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