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Jung gegen Alt

Haben sich die Generationen entfremdet?

PlayViele Schülerinnen und Schüler demonstrieren für Klimaschutz.
Jung gegen Alt – Haben sich die Generationen entfremdet? | Video verfügbar bis 02.06.2020 | Bild: picture-alliance/dpa

So grundsätzlich und engagiert wie zurzeit wurde bei uns schon lange nicht mehr über Politik und Gesellschaft gestritten. Seit Wochen gehen Hunderttausende Schülerinnen und Schüler in Deutschland fürs Klima demonstrieren, auch an diesem Freitag nach der Europawahl. Sie haben Aufwind bekommen durch den Erfolg der Grünen bei den Wahlen. Für die Autorin Sophie Passmann ist klar, "man wird diese Jugendlichen nicht wegkriegen mit noch einer Talkshow, mit noch einer Regierungserklärung, mit noch mal Annegret Kamp Karrenbauer, die irgendwas Verständnisloses über Youtube sagt."  

Doch die Grundfrage ist: Nehmen die Alten die Jungen wirklich ernst? Dazu meint Publizist Wolfgang Gründinger: "Oft heißt es: 'Ja, die Kinder, die Jugendlichen sind gar nicht reif genug für Politik. Man kann doch niemanden, der erst 15 oder 14 Jahre alt ist, über Politik mit entscheiden lassen.' Aber wir lassen ja auch 80-Jährige oder 90-Jährige völlig zu recht über unsere Politik mitentscheiden, obwohl sie vieles nicht mehr verstehen, obwohl sie im Internet sich überhaupt nicht mehr zurechtfinden, obwohl sie selbst von der Klimakrise nicht mehr betroffen sein werden."

Junge sind unterrepräsentiert

Die Lobby der Jungen ist viel zu klein: Das Durchschnittsalter beispielweise im letzten EU-Parlament war 55 Jahre. Dazu kommt, dass ein Drittel aller Wählerinnen und Wähler über 60 Jahre alt sei, erklärt Gründinger. "Und das macht was mit unserer Gesellschaft, mit unserer Demokratie, denn die Lebenswelten von jungen Menschen kommen kaum noch vor." Da muss man ran. Journalist Tilo Jung schlägt eine Quote in den Parlamenten vor. "Zehn Prozent in einem Landes- oder Bundesparlamente sollten unter 30 sein. Das wäre echte Mitbestimmung." Auch ein Wahlrecht für Kinder und Jugendliche hält Gründinger für sinnvoll: "In Deutschland gilt das Prinzip: jeder Mensch hat eine Stimme. Aber die Jugendlichen werden ausgeschlossen. Aber die Jugendlichen gehören doch auch zum Volk dazu."

Politisches Engagement wurde "weggelächelt"

Für Sophie Passmann ist es ein gutes Zeichen, "dass junge Leute sich für Politik engagieren und interessieren. Und ich finde es sogar fast ein bisschen deprimierend, wenn auf dieses politische Engagement einer neuen Generation mit Panik oder Ignorieren oder Weglächeln reagiert wird." Doch bis zur EU-Wahl war man taub für das, was die Jungen forderten. Der Politiker Ruprecht Polenz (CDU) sagt ganz deutlich, "eine Partei, deren Mitglieder überwiegend älter sind als 60, lebt eben auch in ihren Mitgliedern in einer anderen Kommunikationswelt als diejenigen, die gleich mit dem Computer aufgewachsen sind." Und deshalb hat das polemische Politkracher-Video des Influencers Rezo dort auch eingeschlagen wie eine Bombe. In diesem sagt er unter anderem: "Wir haben gesehen, dass der Konsens unter Experten ist: Der aktuelle Kurs von CDU und SPD wird unsere Zukunft zerstören. Ihr sagt doch immer dass die jungen Leute mehr Politik machen sollen, ja, dann kommt doch damit klar, wenn die jungen Leute eure Politik Scheiße finden."

Es war die Chance für die Angegriffenen, auf die Jungbürger offen zuzugehen. Aber eine gestandene Politikerin wie Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) reagiert auf Kritik wie ein Computer-Abwehrprogramm. Seitenlange Fakten werden ins Internet gestellt, statt miteinander zu reden. Doch diese Generation will keine Revolution, sondern gemeinsames Handeln für die Zukunft. Sie will vor allem eins: mitreden. Echte Demokratie.

(Beitrag: Ralf Dörwang)

Stand: 02.06.2019 22:50 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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