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Zwangsarbeit beim Keks-Imperium "Bahlsen"

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Zwangsarbeit beim Keks-Imperium "Bahlsen" | Video verfügbar bis 03.11.2020 | Bild: picture alliance / Peter Steffen

"Ungelöste Fragen kommen teuer zurück" – mit diesem geflügelten Wort wird die Gebäckfirma "Bahlsen" seit Monaten auf empfindliche Weise konfrontiert. Verena Bahlsen, die 26-jährige Erbin des Traditionsunternehmens aus Hannover hat vor einem halben Jahr erklärt, dass die Zwangsarbeiter bei "Bahlsen" während der NS-Zeit "gut behandelt" worden seien und "'Bahlsen' sich nichts zuschulden" kommen lassen habe. Es hagelte internationalen Protest. Firmenpatriarch Werner M. Bahlsen ließ seine Tochter eine Entschuldigung veröffentlichen und beauftragte einen Historiker, die Firmengeschichte während der Nazizeit zu erforschen. Aber diese Firmengeschichte ist seit Jahrzehnten offen einsehbar. "titel thesen temperamente" hat die 95-jährige Helena Eljasik in Polen getroffen, die 3 ½ Jahre als Zwangsarbeiterin bei "Bahlsen" schuftete und hat sie nach ihren Erlebnissen gefragt.

"Bahlsen" und die Zwangsarbeiter

Helena Eljasik, ehem. Zwangsarbeiterin bei "Bahlsen"
Helena Eljasik, ehem. Zwangsarbeiterin bei "Bahlsen" | Bild: Das Erste

Helena Eljasik ist 95 Jahre alt. Sie besteht darauf, die steile Holztreppe zu ihrer winzigen Wohnung allein hinaufzusteigen. Eljasik wohnt in Zgierz, eine Kleinstadt in der Nähe von Lodz. Ihre 70-jährige Tochter begleitet sie zum Interview. Helena Eljasik war 16 Jahre alt, als sie in Zgierz von deutschen Soldaten eingefangen und mit anderen Mädchen und Frauen nach Hannover deportiert wurde – zur Zwangsarbeit bei "Bahlsen". "Ich konnte nur eins: Weinen. Die Tränen liefen einfach. Aber wir haben nicht ununterbrochen geweint. Dazwischen haben wir geschrien. Weinen und Schreien mischten sich", erzählt Helena Eljasik, ehemalige Zwangsarbeiterin bei "Bahlsen". Seit Tagen liefen Razzien in Zgierz. Helena Eljasik wurde vorm Haus ihrer Eltern verhaftet und zusammen mit den anderen hierher gebracht: Zum Bahnhof. Sie konnte sich nicht mal von den Eltern verabschieden. Von hier wurde sie nach Hannover gebracht: zu "Bahlsen". Fast 80 Jahre ist das her.

Im Frühjahr trat die Erbin des Keks-Imperiums, Verena Bahlsen, bei einem Online Marketing Festival auf. Die 26-jährige Multimillionärin hielt dort einen launigen Vortrag über Nachhaltigkeit und über das Grundgesetz des Kapitalismus. "Mir gehört ein Viertel von 'Bahlsen'. Da freu ich mich auch drüber. Das soll mir auch weiterhin gehören. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und so was", erzählt Verena Bahlsen auf der Bühne.

Erbin des Keks-Imperiums in der Kritik

"Bahlsen" feiert dieses Jahr sein 130-jähriges Bestehen und hat in dieser Zeit eine Menge Dividende gemacht. Ob Frau Bahlsen die Firmengeschichte während der NS-Zeit kennt, dass wissen wir nicht – aber eins steht fest: Sie interessiert sich nicht dafür. Als sie wegen ihres Segeljachten-Statements massiv kritisiert und an die Zwangsarbeiter-Geschichte von "Bahlsen" erinnert wurde, ging die Keks-Erbin zum Gegenangriff über: "'Bahlsen' hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt", so Verena Bahlsen.

Helena Eljasik erzählt, dass man sie zuerst in eine Caféteria gebracht habe, wo sie in einem Raum übernachteten. Und abends wurde nebenan zu Musik getanzt und gefeiert. Und sie lagen in diesem Raum und haben geweint. "Sie können sich denken, dass ich Heimweh hatte. Und als ich später Post von meiner Mutter bekam, dass auch mein Vater und mein Bruder zur Zwangsarbeit deportiert wurden, da ging es mir noch schlimmer", so Helena Eljasik weiter. Die deutsche Bürokratie verwaltete die Zwangsarbeiter akkurat. Unter ihrem Mädchennamen Kubera wird auf dieser Meldekarte die Ankunft der 16-jährigen Helena in der Biesterstr. 6 für den 30. Mai 1940 vermerkt. Vier Monate war Helena hier zunächst untergebracht. Gearbeitet wurde über 50 Stunden die Woche, sechs Tage lang. "Das Schlimmste für mich war die Arbeit: Ich habe dreieinhalb Jahre lang bei 'Bahlsen' Marmelade gekocht. Das war eine schwere Arbeit – heiß und feucht. Und ich hatte sehr unbequeme Holzschuhe an", erinnert sich Helena Eljasik.

Sie erzählt von der Willkür bei der täglichen Arbeit. Es gab da eine Bahlsen-Aufseherin, Frau Beck hieß sie, die soll sehr nett gewesen sein. Aber es gab auch eine andere Bahlsen-Angestellte: Sie hat Eljasik in schlimmer Erinnerung: "Diese böse Aufseherin hat einmal eine von uns so geschlagen, dass sie zu Boden ging. Und ich habe gar nicht nachgedacht und auch zugeschlagen... – und da ging die Aufseherin zu Boden." Für diese Aktion hätte Eljasik ins KZ kommen können. Sie hat überlebt. Sie hatte Glück. Jeder, der überlebt hat, hatte einfach nur Glück.

"Bahlsen" holt die Vergangenheit ein

Historiker Manfred Grieger
Historiker Manfred Grieger | Bild: Das Erste

Der Firmenpatriarch Werner Bahlsen veranlasste seine Tochter Verena sich zu entschuldigen für ihre Behauptung, die Zwangsarbeiter hätten es so gut gehabt. Der internationale Druck war zu groß geworden. Dann tat er das, was deutsche Konzerne seit 70 Jahren immer tun, wenn Leugnen und Schweigen nichts mehr hilft: Wissenschaftler werden beauftragt, die Firmengeschichte zu erforschen. Der renommierte Historiker Prof. Werner Grieger hat jetzt vier Jahre Zeit, "Bahlsens" Archiv zu sichten und die Unternehmensgeschichte aufzuschreiben. Ein Interview mit dem Firmen-Chef bekommen wir trotz mehrfacher Anfrage nicht. Grieger sieht im Umgang "Bahlsens" mit seiner NS-Vergangenheit ein bis heute wiederkehrendes Muster: "Ja, das ist leider oftmals so, dass Unternehmen Unternehmensgeschichte im ernsthaften Sinne nur betreiben, wenn sie sich kommunikativ dazu aufgefordert fühlen. Wichtiger wäre ja, um ein selbstreflektiertes Verhältnis zur eigenen Entwicklung zu bekommen, dass man interessante und problematische Fälle vorab untersucht", so der Historiker. Griegers Recherchen werden ihn auch in diese Fabrik in der Ukraine führen. Das ehemalige Konditorei-Kombinat in Kiew. Hier hat "Bahlsen" nach der Okkupation durch die Deutschen 2000 Menschen für sich arbeiten lassen. Im Archiv des Unternehmens in Kiew liegt ein Dokument, das beschreibt, wie "Bahlsen" die Fabrik darüber hinaus geplündert hat. "Während des Rückzugs der Deutschen hat die Firma 'Bahlsen' (...) alle Ausrüstungen, Anlagen und Materialien der Fabrik mit nach Deutschland genommen", Auszug aus dem Dokument.

Auszug eines Dokuments aus dem Firmenarchiv in Kiew
Auszug eines Dokuments aus dem Firmenarchiv in Kiew  | Bild: Das Erste

"Bahlsen" hat bis zum heutigen Tag keinen Kontakt mit Helena Eljasik aufgenommen. Das Unternehmen kennt seine NS-Geschichte nicht, obwohl die Archive seit Jahrzehnten offen stehen. Helena Eljasik mochte immer gern reisen, aber sie mag den Bahnhof ihrer Stadt nicht. Hier lauern die schrecklichen Bilder von damals auf sie. "Das Bild dieser Tragödie habe ich bis heute jedes Mal vor Augen, wenn ich am Bahnhof vorbeikomme. Das Bild von all diesen Menschen, die hier standen, dieses Drama, das habe ich nie... das Gefühl wird mich nicht verlassen, niemals", erzählt Helena Eljasik. Sie trinkt gern Tee, am liebsten Hagebutten-Tee. Dazu isst sie fast immer – eine merkwürdige Angewohnheit – Bahlsen-Kekse.

Mitarbeiter von Bahlsen am Fließband
Mitarbeiter von Bahlsen am Fließband | Bild: picture alliance / Julian Stratenschulte

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 08.11.2019 16:15 Uhr

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