SENDETERMIN So., 29.03.20 | 23:30 Uhr | Das Erste

Künstler und der Corona Shutdown

PlayOpernsängerin Simone Kermes
Künstler und der Corona Shutdown | Video verfügbar bis 29.03.2021 | Bild: imago-images / Tass

Die Corona-Pandemie legt ein ganzes Land lahm und das Kulturleben still. Schätzungsweise 80.000 kulturelle Veranstaltungen wurden bis Ende April abgesagt. Nicht systemrelevant! Viele Künstler stehen vor einer finanziell existenzbedrohlichen Situation. So die Sängerin Simone Kermes. Statt auf der Bühne der Elbphilharmonie singt sie für "ttt" zuhause in der Küche. Wie erleben Künstlerinnen und Künstler die Situation? Und wie leben sie mit den Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit? Der Historiker René Schlott fürchtet, dass der Shutdown zur weiteren Spaltung unserer Gesellschaft führt, nicht nur in finanzieller Hinsicht.

Das Kulturleben lahmgelegt – nicht systemrelevant

Opernsängerin Simone Kermes
Opernsängerin Simone Kermes | Bild: Das Erste

Rückblick in eine Welt, die es so nicht mehr gibt: Simone Kermes, die Popdiva unter den Opernsängerinnen im Rausch… beflügelt vom mitfiebernden Publikum in der Deutschen Oper Berlin. Und jetzt…? Simone Kermes singt in ihrer Küche. Nicht in ausverkauften Häusern – der Elbphilharmonie zum Beispiel. Ihre neue Tournee: abgesagt! Simone Kermes hat diese Tournee vorfinanziert, Hotels, die Reisen ihres 13-köpfigen italienischen Orchesters: Ein halbes Jahr Arbeit, Proben – alles umsonst. "Meine Existenz ist bedroht, weil bis Ende April alle Konzerte abgesagt sind, ich hätte jetzt in diesem Monat ein gewisses Geld auch verdient, was mich über Monate ein bisschen hält.", erzählt Simone Kermes.

René Schlott
René Schlott, Historiker vom Leibniz-Zentrum Potsdam | Bild: Das Erste

Das öffentliche Kulturleben wurde abgeschaltet. Der gesellschaftliche Austausch, den Kultur organisiert – lahmgelegt von Corona. René Schlott, Historiker vom Leibniz-Zentrum Potsdam, mahnt, dass wir uns bewusst sein sollten, dass damit ein Grundrecht unserer demokratischen Gesellschaft suspendiert wurde. Der kulturelle Shutdown als Ultima Ratio – und definitiv nur auf Zeit! "Es gibt jetzt eine klare Prioritätensetzung der Politik und die heißt: zuerst die Gesundheit und dann die Freiheit. Und letztlich wurde ja sowohl die Bildung, die Kunst, die Kultur, die Religionsfreiheit – all diese Grundrechte wurden für verzichtbar erklärt. Zumindest erst mal auf Zeit.", so René Schlott.

Als Künstlerin kaltgestellt, nicht systemrelevant! Und das Publikum: Auf Entzug gesetzt, beraubt dieser kulturellen Erfahrung, der gemeinsam erlebten Euphorie! Wie fühlt es sich an als Künstlerin, wenn man nicht mehr auftreten kann? "Ich bin jetzt wie im Gefängnis eingesperrt, wo ich jetzt eigentlich gar nichts machen kann. Klar, ich kann in mich gehen und suchen und vielleicht kommen Inspirationen – aber mal ganz ehrlich: Jetzt die letzten Tage habe ich das überhaupt nicht gefühlt.", erzählt Simone Kermes.

80.000 Veranstaltungen abgesagt               

Michael Forner
Michael Forner, Geschäftsführer der Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater | Bild: Das Erste

80.000 Veranstaltungen wurden bundesweit abgesagt. Auch die größte Produktion der Komödie am Ku‘Damm: "Mord im Orientexpress" mit großer Besetzung. Es sollte ein großes Event werden! 20.000 Karten waren schon verkauft. "Die Vorstellung, dass einfach wochenlang einfach kein Theater gespielt wird – ja eigentlich in ganz Deutschland kein Theater gespielt wird – ist etwas, was bei Theaterleuten überhaupt gar nicht in den Kopf reinzubekommen ist.", sagt Michael Forner, Geschäftsführer der Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater.

Schauspielerin Andreja Schneider
Schauspielerin Andreja Schneider | Bild: Das Erste

Gerade Privattheater leben vom Kartenverkauf. Ohne finanzielle Hilfe schaffen sie es jetzt nicht, Kurzarbeit ist beantragt. Wie lang gibt es Geld, wenn es hart auf hart kommt, für Nicht-Systemrelevante? Nur wenig Rücklagen hat die Schauspielerin Andreja Schneider. Zurzeit ist sie in selbstgewählter Quarantäne, in ihrem Umfeld gab es einen Coronafall. Darum skypen wir. "Ich habe Ängste, was es überhaupt für die ganze Zukunft der Branche irgendwie gibt: Weil je länger etwas geschlossen bleibt, je länger Drehs nicht stattfinden, je länger die Leute nicht in dieses wunderschöne Theater kommen, desto schlimmer wird es, desto schlimmer geht halt alles den Bach herunter.", erzählt die Schauspielerin.

Wie lang ist das durchzuhalten – finanziell und gesellschaftlich?

Wird der Shutdown Rückstände hinterlassen in unserem Bewusstsein für Demokratie und Freiheit. Wird dieses Infektionsschutzgesetz unsere offene Gesellschaft befallen wie ein Virus? Unser Miteinander prägen? "Dass wir tatsächlich zum Status quo ante zurückkehren, das kann ich mir kaum vorstellen, weil das auch sehr stark psychologische Wirkung hat.", so Historiker René Schlott.

Bei Simone Kermes rufen die Einschränkungen böse Erinnerungen wach. Sie ist in der DDR aufgewachsen: "Ich kenne das: Weil die Freiheit genommen wurde. Die Meinungsfreiheit, die gesamte Freiheit. Und das möchte ich nicht mehr. Das habe ich erlebt."

Auf die Freiheit – ohne Frage: Sängerinnen wie Simone Kermes, alle Künstlerinnen und Künstler werden zurückkehren auf die Bühnen, aber die alten Gewissheiten werden verloren gegangen sein.

Autorin: Petra Dorrmann

Weitere Informationen:
Album: Simone Kermes / Amici Veneziani "Inferno e Paradiso" (Sony)
Twitter: Historiker René Schlott fordert bei Twitter (@ggacasa) unter #grundgesetzacasa dazu auf, das Grundgesetz zu lesen.

Stand: 29.03.2020 19:27 Uhr

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Produktion

Rundfunk Berlin-Brandenburg
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