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Punkte, Punkte, Punkte

Die unverwechselbare Kunst von Yayoi Kusama in Berlin

PlayDie Yayoi Kusama Ausstellung im Gropius-Bau in Berlin.
Punkte, Punkte, Punkte - Yayoi Kusama | Video verfügbar bis 02.05.2022 | Bild: picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm

Pinke Riesententakel ragen ins Foyer des Martin-Gropius-Baus in Berlin - übersät mit schwarzen Punkten. "Polka Dots" nennt die Künstlerin diese Punkte, die zu ihrem Markenzeichen geworden sind. Schon als Kind sah sie Muster, die in ihr die Angst auslösten, verschlungen zu werden. Heute ist Yayoi Kusama 92 – seit mehr als vier Jahrzehnten lebt sie in einer Psychiatrie in Tokio. Im Atelier verarbeitet sie die Traumata ihrer Kindheit.

"Mein Großvater hatte eine große Plantage mit Pflanzen und Blumen. Jeden Tag bin ich dort mit meinem Skizzenbuch hin und habe viele Bilder gemalt," erzählt Kusama. "Eines Tages fingen die Blumen an zu sprechen, sie sagten: 'Hallo!' und 'Bist du glücklich?' Sie machten mir Angst, denn sie haben Japanisch mit mir gesprochen. Ich rannte nach Hause, ich öffnete den Wandschrank und versteckte mich darin. Mein Körper zitterte, ich war völlig verängstigt."

Verarbeitung von Traumata aus der Kindheit

Von der Kunstwelt in Japan abgelehnt, flüchtet sie 1957 nach New York. Sie ist 28 und sehnt sich nach Freiheit. Selbstbewusst sagt sie: "Ich hatte das Ziel, die amerikanische Kunstgeschichte neu zu schreiben." Aber auch in New York musste sie als Ausländerin, Frau und Künstlerin kämpfen.

Yayoi Kusama hebt die Hand und winkt.
Fast 300 Werke aus den letzten 80 Jahren zeigt die Ausstellung von Yayoi Kusama in Berlin. | Bild: picture alliance / dpa | Katsuki Awaya

Sie kreiert eine radikal neue Kunstsprache: Mit selbst genähten Stoffpenissen verarbeitet sie ihr Kindheitstrauma. Ihre Mutter zwang sie dem untreuen Vater hinterher zu spionieren. Diese Phallus-Sessel waren 1962 Teil einer großen Pop-Art-Schau in New York. Auch in Sachen Performance ist sie eine Vorreiterin. Die Punkte helfen ihr, sich den Ängsten zu stellen. Ihr Credo: "Werde eins mit der Umgebung. Vergiss dich." Selbstauslöschung, um am Leben zu bleiben.

Eine radikal neue Kunstsprache

"Kunst zu machen, war eine große Hilfe in meinem Leben. Immer wieder hab ich versucht, Selbstmord zu begehen damals in New York, ich kam ins Krankenhaus. Diese Bilder zu machen, war eine große Hilfe für meine Seele," so Kusama. Ihre große Abneigung gegen körperliche Nähe und Sex hält sie nicht davon ab, spektakuläre Happenings zu inszenieren. Sie ist eben auch ein Kind der 60er, bemalt nackte Körper, gibt ein pornographisches Magazin heraus.

Fast 300 Werke aus den letzten 80 Jahren zeigt die große Retrospektive in Berlin. Obwohl Kusama bereits 1966 in Deutschland ausgestellt hat, bleibt sie für viele Jahre Außenseiterin – in Europa und auch in den USA. Erst um die Jahrtausendwende wird sie populär. Yayoi Kusama hat durch ihren eisernen Willen, ihren Sinn für Selbstdarstellung und ihren großen Mut, ein einzigartiges Werk erschaffen: Kunst für die Ewigkeit.

Eine junge Yayoi Kusama sitzt vor einem ihrer Kunstwerke und schaut in die Kamera.
Von der Kunstwelt in Japan abgelehnt, flüchtet Kusama 1957 nach New York. | Bild: picture alliance / Everett Collection | Copyright Magnolia Pictures / Everett Collection

"Wenn ich eines Tages alt und krank und tot bin, in 200 oder 500 Jahren, möchte ich immer noch Bilder malen, auch wenn ich wiedergeboren werde, möchte ich Künstlerin sein, wieder und wieder," so die Künstlerin. In Deutschland hat Yayoi Kusama, die weltweit auch bei jüngeren Menschen sehr populär ist, nie die ihr gebührende Aufmerksamkeit bekommen. Höchste Zeit, dass sich das ändert.

(Beitrag: Barbara Block)

Stand: 02.05.2021 20:43 Uhr

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