So., 28.08.22 | 23:45 Uhr
Das Erste
Droht dem System Schule der Kollaps?
Deutschland gehen die Lehrer aus
Die Zahlen schwanken. Sehr. Laut einer Modellrechnung der Kultusministerkonferenz fehlen Deutschland bis 2035 fast 24.000 Lehrkräfte. Eine vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegebene Untersuchung meint dagegen, dass mindestens 158.000 Lehrerinnen und Lehrer bis 2035 fehlen werden, da bis dahin viel weniger Lehrkräfte ausgebildet werden.
"Es ist ein Skandal, wenn ein Land wie Deutschland, ein entwicklungstarkes Land, es nicht hinkriegt, den Unterricht für die Kinder, die in die Schule müssen, so zu organisieren, dass alle dieser Schulpflicht nachkommen können," sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm. Schon jetzt leiden Schulen unter Personalmangel und wissen sich in Teilen nur damit zu helfen, die Kinder tageweise wieder in den Distanzunterricht schicken. Das Problem: immer mehr Schulkinder, eine Lehrerschaft, die zunehmend pensioniert wird, und kaum junge Menschen, die sich für den Lehrerberuf interessieren. Wer ist schuld?
Holter: "Das rächt sich jetzt"

"Der Bildungsbereich und auch die Bildungspolitik hat auf diese Situation immer aufmerksam gemacht. Dort haben wir gesagt, wenn wir jetzt nicht einstellen, auch zu Beginn der 2000er-Jahre, dann werden wir in 20 Jahren eben dieses Problem haben," so Helmut Holter, Thüringens Minister für Bildung, Jugend und Sport. "Das ist ja genau so eingetreten, weil man erstens in Haushaltsjahren gedacht hat und zweitens in Legislaturperioden. Und das rächt sich jetzt."
Politiker scheinen so wenig rechnen zu können, wie die Kinder heute. Laut einer Studie erreichen 22 Prozent der Viertklässler nicht mal die Mindeststandards. Die Leistungen verschlechtern sich. Die Kinder bräuchten mehr Unterricht, nicht weniger. "Wir konnten an unserer Schule in diesem Schuljahr so mit einem blauen Auge die Unterrichtsstunden abdecken," sagt Direktorin Brigitte Bollesen Brüning von der Niels-Stensen-Schule Schwerin. "Aber wenn ich in die Zukunft schaue und auch die Renten und Pensionsfonds Zeiten der kommenden Babyboomer sehe, wird es mir ganz schlecht. Und da mache ich mir große Sorgen um den Fortbestand der Schule in Deutschland."
Schule neu organisieren?

Die Liste der weiteren angedachten Notlösungen liest sich alles andere als schön: die Größe der Klassen erhöhen, Nebenfächer streichen, Nichtlehrer anstellen, nur noch 40 statt 45 Minuten Unterricht, die 4-Tage-Woche einführen. Mit anderen Worten: weniger Unterricht mit weniger Personal für mehr Kinder. Dabei sind schon jetzt – nicht nur durch Corona und den monatelangen Schul-Lockdown bedingt – die Leistungen der Viertklässler teilweise desaströs: Fast ein Fünftel der Viertklässler kann nicht richtig lesen, fast ein Drittel kann nicht regelkonform schreiben und in Mathematik erreichen fast 22 Prozent der Viertklässler nicht einmal die Mindeststandards, die für den Besuch der weiterführenden Schule erforderlich sind.
"Ich gehe nicht davon aus, dass das Schulsystem kollabiert. Ich gehe vielmehr davon aus, dass wir Form finden werden, Schule neu zu organisieren. Wir müssen Wege finden, dass Schülerinnen und Schüler sich auch zeitweise selbst beschäftigen, vor allem die älteren Schülerinnen und Schüler und dann auch nicht von einer Lehrkraft beaufsichtigt werden müssen, sondern von einer Assistentin oder einem Assistenten, sodass wir dann einfach auch Entlastung schaffen können," so Olaf Köller, Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz.
Zauberwort "Quereinsteiger"
Und wenn von mehr die Rede ist, bedeutet das größere Klassen und längere Berufsleben. Weitere zukunftsweisende Ideen sind: Pensionierte Lehrkräfte zurückholen, die Stundenzahl von Teilzeitkärften erhöhen und immer wieder das Zauberwort "Quereinsteiger". Aber auch das ersetzt nicht 100.000 fehlende Lehrkräfte. "Die Frage, ob wir Seiten- und Quereinsteiger haben wollen, stellt sich anders. Ich denke, selbst wenn die schlechter unterrichten, was denkbar ist, ist immer noch besser, als wenn überhaupt kein Unterricht stattfindet," meint Klaus Klemm.
Olaf Köller hält dagegen: "Man wird das Problem nicht lösen, nur indem man die Stellen auffüllt mit unqualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern. Denn wie gesagt, schlechter Unterricht ist nicht viel besser als ausgefallener Unterricht." Und wer sind am Ende die Leidtragenden? Die, die eins nämlich ganz bestimmt wollen: Bildung.
Quo vadis Schulsystem?
"Wir gefährden die Zukunft. Wenn man sieht, das von dem Unterrichtsausfall vor allen Dingen gerade Kinder mit schwächeren Schulleistungen, Kinder mit schwächeren sozialen Hintergrund betroffen sind, dann riskieren wir, dass diese jungen Leute nicht am Ende ihrer Schulzeit das gelernt haben, was sie brauchen, um einen Beruf erlernen," sagt Klaus Klemm.
Es ist eine ganz einfache Rechenaufgabe: Wir brauchen mehr Bildung, aber ohne Lehrer sind unsere Chancen gleich Null. Quo vadis Schulsystem?
(Beitrag: Michael McGlinn und Bettina Lehnert)
Stand: 28.08.2022 18:44 Uhr
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