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Ausstellung in Kreuzberg: Worin unsere Stärke besteht ...

50 Künstlerinnen aus der DDR zeigen Stärke

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Ausstellung in Kreuzberg - 50 Künstlerinnen aus der DDR zeigen Stärke | Video verfügbar bis 02.10.2023 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Starke Geste im Kunstraum Kreuzberg am Mariannenplatz: Mit einer Zeile aus Bertolt Brechts "Revolutionslied", in der Komposition Hans Eislers berühmt geworden, ist eine Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg überschrieben: "Worin unsere Stärke besteht. 50 Künstlerinnen aus der DDR". Die Ausstellung versteht sich als Gegenentwurf zu bisherigen Retrospektiven der Kunst aus der DDR, in der nur um 15 Prozent Frauen vertreten waren. Das westliche Übergewicht und die kulturpolitische Hegemonie übersehen diese Künstlerinnen gleichsam doppelt – als Frauen und als östlich. Die Künstlerinnen kommen aus drei Generationen, die jüngsten waren Teenager, als die DDR unterging. Etliche der ausgestellten Werke sind bis 1990 entstanden, aber auch die jüngeren Künstlerinnen beziehen sich oft auf ihre Herkunft. Doch es geht der Kuratorin nicht darum, zurückzuschauen, es geht auch nicht um eine irgendwie spezifisch östlich-weibliche Kunst, sondern schlicht um die Positionierung dieser Künstlerinnen mit eigenen Biographien in einem fortbestehenden Ungleichgewicht – dagegen also jetzt einmal 100 Prozent Künstlerinnen aus der DDR.

Künstlerinnen aus mehreren Generationen

Im früheren Krankenhaus Bethanien werden jetzt also die Beschwerden behandelt, die der westlich-männlich dominierte Kunstbetrieb den östlichen Künstlerinnen verursacht. Unter dem starken Titel "Worin unsere Stärke besteht" – aus dem Revolutionslied von Bertolt Brecht – eröffnet eine halbe Hundertschaft der Ost-Künstlerinnen den Kampf gegen ihre besondere Unterordnung – die Zahlen sind eindeutig.

"Wenn es Ausstellungen mit DDR-Kunst gibt, dann sind Künstlerinnen zumeist sehr rar vertreten“, sagt die Kuratorin Andrea Pichl. „Also zum Beispiel gab es die Ausstellung 'Point of no Return' in Leipzig, da waren es ganze 14 Prozent. Oder 'Gegenstimmen' im Gropiusbau, 2016, das waren 19 Prozent."

Dagegen nun also 100 Prozent Künstlerinnen aus drei bis vier Generationen. Fotos von Helga Paris und Tina Bara führen zurück in die 1980er Jahre – in die subkulturelle Berliner Szene. Im Osten bekannte Künstlerinnen – wie die Malerin Christine Schlegel – sind, so die These, bei repräsentativen Überblicken und im Kunstmarkt doch einer "doppelten Stigmatisierung" ausgesetzt, wie die Rektorin der Kunsthochschule Weißensee, Angelika Richter, erklärt: "Die Stigmatisierung aus dem Osten zu kommen, dieses epigonale anachronistische unfreie Moment, was ihnen zugeschrieben worden ist, und gleichzeitig auch noch Frau, Künstlerin zu sein, nächste Kategorie für Ausgrenzung und Diskriminierung."

Zeichnungen der Dresdnerin Elke Hopfe, Jahrgang 1945. Sozial stabil, war Künstlerinnen in der DDR der selbstbewusste Auftritt möglich, wenn auch von wirklicher Gleichberechtigung weit entfernt. "Das Selbstverständnis von Künstlerinnen war insofern auch sehr ausgeprägt, weil sie doch sehr selbstbestimmt leben konnten",erklärt Angelika Richter. "Gleichwohl hilft diese Art der Selbstbestimmtheit natürlich nur bedingt was, wenn man als Frau permanent an strukturelle Grenzen stößt, eben bestimmte Zutritte, bestimmte Positionen verwehrt sind."

Frauen erzählen mehr von Frauen, von deren Schicksalen und Perspektiven

Das ist der Gewinn. Und Enkellinnen fechten’s besser aus. Hoch an die Luft, raus aus dem Wasser! Die Gothaerin Kristin Wenzel, Jahrgang ’83, hat im Sommer in Friedrichroda für die ehrwürdige Natureis-Rennschlittenbahn eine Sound-Installation erstellt. Einer Weltmeisterschaft in Thüringen, im Kalten Krieg, widmet sich die viel jüngere Künstlerin – weil sie sich lange nach 1990 ihrer ost-deutschen Biographie bewusst wurde. "Also ich glaube, diese Transformationsprozesse waren schon sehr prägend", sagt Kristin Wenzel. "Also dass man gemerkt hat, wie die Eltern damit umgegangen sind, wie in der Schule damit umgegangen wurde, es war einfach dieser Bruch, und dann war was Neues. Aber was passiert ist, wurde uns überhaupt nicht vermittelt. Und ich glaube, das sind so Sachen, die einen beschäftigen und die so Biographien prägen."

Es ist überraschend: wie häufig sich die Nachgeborenen am Osten, und gerade historisch, abarbeiten, und wie sie es tun. Lisa Junghanß, Jahrgang ’97, taumelt sich in ihrem Video durch den Stasi-Knast Hohenschönhausen – gleichzeitig betroffen und doch komisch distanziert. Jüngere Generationen sind im glücklichen Falle – Werke von Henriette Grahnert, Ricarda Roggan – schon besser im Kunstbetrieb integriert.

"Es gibt noch sehr viel zu tun. Nämlich Strukturen zu schaffen, die tatsächlich ostdeutsche Künstlerinnen aber überhaupt auch Menschen mit ostdeutscher Herkunft anerkennen, ihnen Zugänge ermöglichen zu bestimmten Positionen", findet Angelika Richter. "Von 300 Spitzenpositionen in der Wissenschaft sind zwei von Ostdeutschen besetzt. Das ist einfach 30 Jahre nach dem Mauersturz!"

"Worin unsere Stärke besteht“ spiegelt so den Osten generell. Zwar verpufft das kämpferische Pathos des Titels, und hier im tiefsten Kreuzberg ist die Schau gewiss kein Ereignis. Sie erzählt mehr von Frauen und ähnelt sonst doch anderen Übersichten aktueller Kunst. Ihr Ziel ist erreicht, sie setzt einen kräftigen Impuls.

(Beitrag: Meinhard Michael)

Stand: 06.10.2022 17:46 Uhr

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