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Ein außergewöhnliches Filmprojekt: "Augenblicke – Gesichter einer Reise"

Zwei Personen vor einer Wand mit überlebensgroßen Bildern von Menschen
Streetartkünstler JR und Agnès Varda vor einem ihrer Werke. | Bild: Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016 / Agnès Varda/JR

Ein ungewöhnliches Paar: Sie, die in drei Tagen 90 Jahre alt wird – Agnès Varda, Filmemacherin, seit der Novelle Vague in den 50er-Jahren ein Star in Frankreich. Und er, der Streetart- und  Fotokünstler JR, der nie die Sonnenbrille abnimmt.

Als sie sich kennenlernen, beschließen sie, etwas gemeinsam zu machen. Was genau, wissen sie nicht, "eine neue Art von Bildern" ist die grobe Idee. Varda soll Regie führen. Zu zweit gehen sie auf eine Reise über Land. Ein Ziel haben sie nicht. Klar ist nur: "Es geht nicht um uns selbst", so Varda, "es ist ein echter Dokumentarfilm. Ein Film über andere Menschen."

Die Hauptrollen: Frankreichs Gesichter und ein "Foto-Transporter"

Transporter, der durch den Aufdruck seitlich aussieht wie eine große Kamera
JRs Foto-Truck | Bild: Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Eine Hauptrolle im Film spielt JRs Transporter: Ein mobiler Sofortbildautomat, der Fotos in riesige Schwarzweiß-Plakate verwandelt. Damit geht es über die Dörfer. Die meisten Menschen, die JR anspricht, lassen sich gerne fotografieren. Vardas Team dokumentiert die Aktionen. Aus den Begegnungen entsteht der wunderbare Dokumentarfilm: "Augenblicke – Gesichter einer Reise". Die führt auch in die tristen Siedlungen im Norden, viele kurz vor dem Abriss.

Agnès Varda sucht Menschen, die hier einst in den Minen nach Kohle gruben, und Nachkommen jener Bergarbeiter. Aber nicht immer wurden sie herzlich empfangen: "Gleich in der ersten Straße klopften wir an eine Tür", berichtet die Regisseurin. Und JR ergänzt: "Der Mann sagte, ich spreche nicht mit euch! Ich habe genug geredet, ich will überhaupt nicht reden. Und er schlug die Tür zu. Bumm!". Doch dann finden sie Jeannine. Sie ist Witwe und soll umgesiedelt werden, aber sie will bleiben: "Ich lasse mich nicht vertreiben. Hier gibt es zu viele Erinnerungen."

eine Hauswand, auf dem übergroß das Foto einer Frau zu sehen ist, in der Haustür steht diese Frau
Jeannine Carpentier vor ihrem Hausim ehemaligen Bergbaugebiet Bruay-la-Buissière. | Bild: Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016 / Agnès Varda/JR

Dörfer und Siedlungen werden zur Bühne

JR und seine Leute machen die ganze Siedlung zu einer Art Bühne, mit alten Fotos, zur Erinnerung an die Bergleute von damals. Auch Jeannine kommt auf die Fassade. Sie ist sprachlos. Agnès Varda nimmt sie in den Arm: "Jeannine, nicht traurig sein! Wir sind doch jetzt Freunde!".

Das kleine, unscheinbare Leben wird sichtbar

Manche verlieren die Fassung, wenn sie sich auf den Bildern von JR sehen. Das kleine, unscheinbare Leben wird plötzlich sichtbar und bedeutend – auch für sie selbst. "Jede Geschichte wird zu einem Kunstwerk. Ich meine nicht nur Geschichten zwischen uns und Jeannine, sondern auch zwischen Jeannine und den Betrachtern. Das Publikum sollte die Porträtierten lieben. Das war der Plan. Jeannine genauso wie den Briefträger, der mächtig stolz auf sein Riesenfoto war!"

 Vom Landwirt bis zum Postboten – plötzlich einzigartig

Bilder aus dem Fim "Augenblicke - Gesichter einer Reise"
Bilder aus dem Fim "Augenblicke - Gesichter einer Reise" | Bild: Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016 / Agnès Varda/JR

Selten hat sich der pensionierte Briefträger so einzigartig gefühlt. So wie der Landwirt, der täglich auf dem Traktor seinen Runden zieht. Oder die Kellnerin aus dem Dorfbistro, die sich plötzlich als eine Attraktion wiederfindet, was bei ihr gemischte Gefühle auslöst: "Ich habe hier gearbeitet und fand es peinlich, täglich fotografiert zu werden. Ich bin eher schüchtern. Deshalb war es mir unangenehm".

"Auf einmal betrachtet man sich mit anderen Augen"

"Indem wir die Porträts vergrößern, machen wir kleine Momente groß, und zwar im Leben von Leuten, die nicht im Scheinwerferlicht stehen", sagt Streetartkünstler JR. "Jeder im Dorf kennt sie, aber man betrachtet sie auf einmal mit anderen Augen. Man spricht über ihr Bild. Und darum geht es im Film. Darum geht es in der Kunst."

JR und Agnés Varda
JR und Agnés Varda | Bild: Cohen Media Group / Cohen Media Group

Agnès Varda und JR halten dort an, wohin sich kein Tourist verirrt. Einfach der Landstraße folgen. Dem Zufall vertrauen. Und dann am richtigen Fleck anhalten – auch das ist eine Kunst. In einer abgelegenen Chemiefabrik bringen sie die gesamte Belegschaft dazu, fürs Gruppenfoto zu posieren. Die Leute aus Tag- und Nachtschicht haben wenig mit einander zu tun – auf dem Foto sind sie vereint.  Ein Mitarbeiter kann es kaum fassen: Mitarbeiter aus allen Abteilungen und Schichten sind durchmischt. Man sieht auch einige aus der Chefetage. Wir verstehen uns also doch manchmal gut!"

Wand mit Foto zweier Menschen-Gruppen
Tag- und Nachtschicht einer Fabrik in einem Gruppenbild | Bild: Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016 / Agnès Varda/JR

Ein Film über das Große im Kleinen und: über die Vergänglichkeit

JR und Agnès Vardas Film "Augenblicke - Gesichter einer Reise" ist nicht nur ein Film über den Charme der unscheinbaren Orte und der kleinen Leute. Er ist die Geschichte einer anrührenden Beziehung von zwei Künstlern, die ein Altersunterschied von einem halben Jahrhundert trennt und die doch eine gemeinsame Sprache finden.

Am Ende erfüllt sich Agnès Varda einen Herzenswunsch: Das Team besucht einen Strand in der Normandie, wo vor vielen Jahren ein Weltkriegsbunker von den Klippen kippte. Jetzt ist er das Wahrzeichen des Strands. Ein beinahe surrealer Ort. Ganz in der Nähe lebte ein Jugendfreund von Varda, der Fotograf Guy Bourdin. 1954, als junge Frau, hat sie ihn fotografiert, lange bevor er weltberühmt wurde und Fotogeschichte schrieb.

ein Kliff, auf das ein überlebensgroßes Foto von einem Mann aufgetragen wurde
Auf einen vom Kliff gefallenen Bunker bringt JR ein Foto von Guy Bourdin an, das Agnès Varda 1954 aufgenommen hat (Saint-Aubin-sur-Mer Normandie). | Bild: Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016 / Agnès Varda/JR

Er passt perfekt auf den Bunker – Agnès Varda, kurz vor ihrem neunzigstensten Geburtstag, ist überwältigt von Erinnerungen. Und von Trauer, als das Bild am nächsten Tag verschwunden ist, weggewaschen von den Fluten des Atlantiks. Auch davon handelt der Film: von Zeit, die sich nur für Momente festhalten lässt. Momente, die nicht groß genug sein können, weil sie so schnell vorbei sind.

Angaben zum Film: "Augenblicke – Gesichter einer Reise", Dokumentarfilm von JR und Agnès Varda, nominiert für einen Oscar 2018, Kinostart: 31. Mai 2018.

Autorin: Hilka Sinnig

Stand: 28.05.2018 08:59 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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