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Der Fotograf Gideon Mendel

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In den Fluten: Gideon Mendel | Video verfügbar bis 28.07.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn das Wasser steigt, beginnt für Gideon Mendel die Arbeit mit seiner Kamera. Er macht Bilder von Menschen in Hochwasser- und Überschwemmungsgebieten. Die Katastrophe ist noch nicht überstanden für die Menschen, die er porträtiert. Authentisch steht er im Wasser, wie die Opfer der Flut.

"Ich fotografiere nicht gerne vom Boot aus", erzählt Gideon Mendel. "Wenn ich mitten im Wasser stehe, bringe ich die besten Bilder zustande. Natürlich ist so eine Position schwierig und auch nicht ungefährlich. Aber mitten in den Fluten zu stehen, ist für mich eben auch eine kreative Herausforderung."

Auf Augenhöhe mit den Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht

Seit 12 Jahren ist der südafrikanische Fotograf in Überschwemmungsgebieten unterwegs, für sein Langzeitprojekt "Drowning World" – ertrinkende Welt. Die Idee entstand, als er Vater wurde. Seine Kinder sollten einmal eine Ahnung davon bekommen, vor welchen Herausforderungen die Welt in Zukunft stehen wird. "Als Folge des Klimawandels in den letzten 20 Jahren haben die Flutkatastrophen zugenommen", so Mendel. "In Zukunft wird es noch mehr geben. Sie werden zu einem wiederkehrenden, furchtbaren Teil unseres Lebens."

Seit den frühen 90er-Jahren hat Gideon Mendel seinen Wohnsitz in London. Regelmäßig besucht er einen Park im Norden der Metropole. Für ihn ein besonderer Ort: Hier leisteten einst britische Ingenieure Pionierarbeit in Sachen urbaner Wasserhygiene. Sie bauten eine historische Kläranlage. "Hier hat man erstmals in London Wasser gefiltert. Nach mehreren Choleraausbrüchen im 18. Jahrhundert wurde an diesem Ort Wasser durch Sandfilter geleitet und gereinigt." Sauberes Wasser ist auch ein Wunsch, der manchen Menschen, die Mendel porträtiert, verwehrt bleibt.

Das Hochwasser steht so hoch, dass nur noch der Kopf eines Mannes zu sehen ist.
Gideon Mendel: "Joao Pereira de Araujo" | Bild: Gideon Mendel / Gideon Mendel

Bilder von schmelzenden Gletschern findet Mendel zu unpersönlich

Die bekannten Nachrichtenbilder zum Thema Klimawandel fand Mendel zu unpersönlich: "Es gibt jede Menge Bilder von Eisbären und schmelzenden Gletschern. Ich wünschte mir ausdrucksstärkere Bilder, die unmittelbarer berühren. Deshalb schauen einem die Betroffenen auf den Fotos direkt in die Augen."

Die Menschen auf Mendels Fotos haben überlebt: Viele haben ihr Hab und Gut verloren, aber nicht ihre Würde. Sie warten darauf, in ihre Häuser zurückkehren zu können. Die Nigerianerin Florence Abraham traf Mendel in einem Übergangslager. Sie führte ihn zu ihrem überfluteten Haus. "Sie war Bäckerin. Ihre Bäckerei stand ganz unter Wasser. Sie hatte alles verloren." Mendel bot ihr ein paar Dollar an, als Dank für ihre Bereitschaft bei seinem Fotoprojekt mitzumachen. "Als ich ihr das Geld geben wollte, sagte sie: Nein! Zeigen Sie lieber der Welt, was ich durchmachen musste!"

Ein Mann mit Lockenkopf steht auf einem Waldweg
Fotograf Gideon Mendel im "ttt"-Interview | Bild: ARD / ttt

Apartheit, AIDS, Flutkatastrophen – wie Mendel zum Aktivisten wurde

Der Welt etwas zeigen, das wollte Gideon Mendel schon in den 80er-Jahren als seine ersten Fotos entstanden: Bilder von Rassenunruhen in seiner Heimat Südafrika. "Es gab damals in Südafrika viele Missstände, die dokumentiert werden mussten. Die Achtziger waren die intensivsten Jahre des Kampfes gegen die Apartheid. Ich konnte mich einbringen und mit den Fotos Öffentlichkeit schaffen. Mit den Jahren wurde ich immer mehr zum Aktivisten." 

Nach dem Ende des Apartheidregimes widmete sich Mendel einer neuen Tragödie, die Afrika heimsuchte: AIDS. Mit den Jahren änderte sich seine Ästhetik. Vom strengen Schwarz-Weiß ging er über zur Farbe. Er entfernte sich von den klassischen Fotoreportagen, die in Zeitschriften erschienen. Stattdessen schuf er kunstvolle Bildkompositionen, zum Beispiel die Serie "Floodlines" – Hochwasserlinien. "Ich nutze die Linien, die das Wasser zieht. Bei Überschwemmungen herrschen Chaos und Unordnung. Dem stelle ich auf meinen Bildern präzise Linien und Strukturen gegenüber. Manchmal wirkt es wie abstrakte Kunst."

Bilder wurden bei Klimaprotesten in Paris genutzt

Dabei überstrahlt die ästhetische Qualität niemals das Anliegen der Bilder. Es sind echte Hingucker. Zunehmend werden sie im Rahmen von Kunstereignissen gezeigt, in Galerien oder Freiluftausstellungen. Doch Mendel versteht sich sowohl als Künstler sowie auch als Aktivist.

Mendel zeigt einige Drucke seiner Bilder. "Diese Drucke gehören zu einem Bilder-Set. Ich nenne sie 'Drowning World'-Schilde. Wir haben sie zur UN-Klimakonferenz in Paris hergestellt, etwa 100 Stück – speziell, um sie bei Protesten gegen den Klimawandel hochhalten zu können." In Paris wurden sie gerne genutzt. Klimaproteste sind inzwischen ein Massenphänomen. Wie die Protestierenden, so sagt auch Mendel: Die Apokalypse findet jetzt statt – "Apocalypse now!".

"Zu Beginn meines Klimaprojekts wollte ich eigentlich eine Krise beleuchten, die die Zukunft meiner Kinder betrifft. So, wie es jetzt aussieht, könnte ich selbst betroffen sein. Wir müssen damit rechnen, innerhalb der nächsten zehn, fünfzehn Jahre."

Autorin: Hilka Sinning

Die Foto-Ausstellung "Gideon Mendel – Drowning World & Burnt Memories" ist vom 28. September bis zum 31. Oktober 2019 in der Artco Gallery in Aachen zu sehen.

Stand: 29.07.2019 11:07 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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