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Buch: "Die Gesellschaft des Zorns"

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"Die Gesellschaft des Zorns" | Video verfügbar bis 28.07.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Klar, die Bilder kennt man: Menschen demonstrieren und verkünden überdeutlich ihren Zorn, bisweilen Hass auf die Verhältnisse. Doch woher rührt diese Wut über eine liberale Gesellschaft? Woher kommt der nicht für möglich gehaltene Aufstieg der populistischen Rechten? Die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch sieht die Gründe in einem bislang gesellschaftlich unbewältigten Umbruch – hervorgerufen durch die Globalisierung: "Meine These ist, dass der Aufstieg des Rechtspopulismus eine Reaktion auf einen epochalen Umbruch ist, der seit etwa 30 Jahren, also etwa seit dem Fall der Mauer, gravierende Veränderungen in den Tiefenstrukturen unserer Gesellschaft verursacht hat."

Flüchtlingskrise nicht als Hauptursache für das Erstarken der Rechten

Nicht die Flüchtlingskrise habe zum Erstarken des Rechtspopulismus geführt, meint Koppetsch, sondern die Umwälzungen, die die globale Moderne auslöst. Die Folgen: Staat und Nation haben an Souveränität verloren. Der Übergang von der Industriegesellschaft in die globale Welt hat in allen sozialen Klassen zu Erosionen geführt: Industriearbeiter, deren Fähigkeiten in der digitalen Wissensgesellschaft nicht mehr zählen werden; Bildungsbürger, die die kulturelle Hegemonie zu verlieren fürchten.    

"Es sind die Gruppen, die etwas zu verlieren haben und zwar manchmal auch sehr viel zu verlieren haben", meint die Soziologin. "Das sind also diejenigen, die in ihren bisherigen etablierten Vorrechten, also in den für selbstverständlich gehaltenen Statusansprüchen, enttäuscht worden sind." Koppetsch sieht darin die zentrale Konfliktlinie der Gegenwart. Forciert durch die Globalisierung lösen sich lange gültige, die Gesellschaft zusammenhaltende Hierarchien auf. Ein Prozess der Deklassierung. "Es sind traditionelle Mittelschichten, die in der alten Bundesrepublik stilbildende Großmilieus darstellten, deren kleinbürgerliche Kultur Leitbildcharakter hat und die jetzt durch die kosmopolitischen Mittelschichtsakteure verdrängt werden."

Eine Frau mit weißer Bluse sitzt vor einem Bücherregal
Soziologin und Buchautorin Cornelia Koppetsch im "ttt"-Interview | Bild: ARD / ttt

Von Abstiegsangst und Lebenslügen

Abstiegsangst als Offerte an die AfD? Koppetsch spricht in ihrem Buch "Die Gesellschaft des Zorns" von einer Protestbewegung gegen den Globalisierungsprozess. Der wird getragen von einer neuen kosmopolitischen Mittelschicht – multikulturell, liberal, weltoffen, vernetzt. Deren Selbstbehauptung gegenüber anderen Schichten hält Koppetsch für die andere Seite des Risses in der Gesellschaft. "Die Lebenslüge besteht eher darin, dass sie aufrichtig davon überzeugt sind, wirklich die richtigen Werte zu leben und die richtige Moral zu vertreten, für Gleichberechtigung und für die offene Gesellschaft einzutreten. Nur leider ist es so, dass sie in Kreisen leben, die sozial geschlossen sind."

Koppetsch beschreibt dies als innergesellschaftlichen Kulturkonflikt. Der manifestiert sich ebenso in der Trennlinie zwischen prosperierenden globalen Städten und ländlichen Regionen, wo Menschen sich zurückgesetzt fühlen. Das führt zu Entfremdungserfahrungen und Wut oder – wie Koppetsch es nennt: zu Ressentiments – gegen jene, die zu Unrecht die Gewinne der Globalisierung einstreichen würden und die, die dafür politisch verantwortlich sind. "Das Ressentiment öffnet jetzt also Tür und Tor für eine ganz grundsätzliche Systemkritik, die wegführt von der Demütigung des Individuums hin zu einem System, das als ungerecht empfunden wird – und damit kann man Politik machen. Und das ist das, was die AfD gemacht hat."

Buchcover: "Die Gesellschaft des Zorns" von Cornelia Koppetsch
Buchcover: "Die Gesellschaft des Zorns" von Cornelia Koppetsch | Bild: transcript Verlag

Wettbewerb statt Solidarität in der Gesellschaft

In ihrer nüchternen Analyse stigmatisiert Koppetsch die Rechten nicht als die unverbesserlichen "Anderen". Ihr Befund: ausgerechnet die Rechten treten als soziale, obgleich reaktionäre Gegenbewegung gegen die globale Moderne auf, die Linke und die kosmopolitischen Akteure selbst nicht gerechter zu gestalten wüssten.

"Warum ist Identitätspolitik die Protestform der Gegenwart und nicht etwa kapitalismuskritische Bewegungen?", fragt Koppetsch. "Wir müssen uns mit diesen Ursachen auseinandersetzen. Neoliberalismus ist ja nicht nur, dass Arm und Reich weiter auseinanderdriften, sondern dass die Gesellschaft sich nicht mehr als Gesellschaft empfindet. Wir haben eine Ansammlung von Individuen. Individuen werden permanent gegeneinander ausgespielt in Wettbewerben. Da ist keine Solidarität. Und jetzt entstehen Gemeinschaften, die eine Identifikation ermöglichen und eine Solidarisierung gegen die Missstände dieser Gesellschaft erlauben. Das ist meines Erachtens der tiefere Grund für das Auftauchen der rechtsgerichteten Protestbewegungen." Dass man beides – Globalisierungskritik und Identitätspolitik – nicht einfach "rechts" liegen lassen darf, zeigt Cornelia Koppetsch in ihrem Buch überzeugend.

Autor: Norbert Kron

Das Buch "Die Gesellschaft des Zorns" der Soziologin Cornelia Koppetsch ist im transcript Verlag erschienen, 288 Seiten. ISBN: 978-3-8376-4838-6

Stand: 29.07.2019 13:51 Uhr

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