SENDETERMIN So, 25.11.18 | 23:05 Uhr | Das Erste

Fotograf Henry Fair – Kunst zwischen Wissenschaft und Umweltschutz

PlayLuftbildaufnahme einer Lagerstätte der Asche verbrannter Kohle in Brandenburg. Sie scheint Orange durch Arsen.
Henry Fair - Kunst zwischen Wissenschaft und Umweltschutz | Video verfügbar bis 26.11.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seine Bilder sind keine abstrakten Kunstwerke. Es sind Luftaufnahmen realer Landschaften, die Farben nicht manipuliert, sondern echt. Baggerspuren wie Blutadern entpuppen sich bei näherer Betrachtung als  Aluminiumerz-Tagebau. Andere Werke zeigen einen  bizarr geformten Strudel giftigen Lösungsmittels, ein Überbleibsel vom Fracking oder Landschaften in verführerischem Grün, eine Abfallhalde der Glyphosat-Produktion.

Fair sucht nach Narben, die der Mensch auf der Erde hinterlässt

Der amerikanische Fotograf Henry Fair sucht seit vielen Jahren akribisch in Amerika und Europa nach den Narben, die der Mensch der Landschaft beibringt. Er fotografiert sie aus der Luft – ohne Horizont, zweidimensional, voller Farben und Muster. Und auf den ersten Blick faszinierend und wunderschön. Doch Henry Fair ist ein Kartograph des verborgenen Unheils.

Porträt des Fotografen Henry Fair mit seiner Kamera
Porträt des Fotografen Henry Fair mit seiner Kamera | Bild: Kerstin Höntsch / Kerstin Höntsch

Er ist ein Störenfried, der uns mit seiner Kunst überwältigen will, ehe er den Betrachter in einer kleinen Randnotiz mit der Realität konfrontiert. Wie auf einem seiner großflächigen Fotografien, die eine zart gefleckte rosa Landschaft abzubilden scheint. Die Farbe stammt von den Hormonen, die die Schweine gefüttert bekommen. "Hier sehen wir ein Bild von Schweinefäkalien, um ein freundliches Wort zu benutzen", erklärt der Fotograf. "Das ist in North Carolina. In den USA ist es ganz legal, Schweinekot im Freien zu lagern. Als der Hurrikan Florence vor einem Monat über North Carolina zog, verteilte er den Inhalt dieser riesigen Jauchegruben über das ganze Land."

Ein anderes Bild: Öl auf Meeresoberfläche. Im April 2010 explodierte die Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko. Es war das traumatischste Erlebnis, das er je hatte, sagt Henry Fair. Überall Öl und Qualm, Menschen und Tiere starben. Schließlich kippte man Chemie auf das Öl, um es absinken zu lassen. Nun liegt es auf dem Meeresboden.

Ausgelaufenes Öl von Bohrplattform Deepwater Horizon, Golf von Mexiko fotografiert aus der Luft
Ausgelaufenes Öl von Bohrplattform Deepwater Horizon, Golf von Mexiko | Bild: J Henry Fair / J Henry Fair

Eine weitere Fotografie zeigt einen vom Grubenwasser bunten Tagebau. Hier  stand einmal der Hambacher Forst. Henry Fair sagt: "Ich mache diese Bilder, weil ich was ändern will. Ich glaube, wir müssen unser Verhalten ändern. Deswegen fotografiere ich diese Bilder: Damit die Menschen sich Gedanken machen. Ich glaube, nur wenn die ganz normalen Menschen anfangen, sich echte Sorgen zu machen und laut werden, wird die Regierung auch handeln. Der Hambacher Forst ist das beste Beispiel."

Vom 12.000 Jahre alten Hambacher Forst stehen gerade noch 10 Prozent. Eigentlich sollten die inzwischen auch verschwunden sein – im größten künstlichen Loch Europas, in dem nun das Grubenwasser schimmert.

Hambacher Forst, fotografiert aus der Luft
Hambacher Forst, fotografiert aus der Luft | Bild: J Henry Fair / J Henry Fair

Fairs Fotos im Berliner Museum für Naturkunde

Zwanzig dieser "Landschaftsaufnahmen" sind im Berliner Naturkundemuseum zu sehen. Eigentlich ist das Haus berühmt für seine Saurier, für Abdrücke und Spuren aus prähistorischen Zeiten. Doch gerade die jüngsten Spuren, die wir hinterlassen, sollten uns interessieren, sagt Linda Gallé, Kuratorin der Ausstellung. CO2-Anstieg und Klimawandel seien keine Glaubensfragen mehr.

Fairs Fotos bilden den Rahmen für den wissenschaftlichen Hintergrund der Ausstellung, die eine Erkenntnislinie bis in unseren Alltag zieht. Der Import von Tomaten beispielsweise bläst 27 Mal mehr CO2 in die Luft als regional produzierte. Nicht nur der Preis an der Kasse sollte eine Rolle spielen, sondern auch der, den die Umwelt zahlen muss. Wir haben die Wahl, so Gallé: "Wir möchten die Leute hier nicht frustriert rauslassen. Denn es kann natürlich auch schnell passieren, dass man das Gefühl hat, man ist total ohnmächtig. Es sind so viele Dinge und wenn ich das alle tue, dann muss ich eigentlich aufhören zu leben. Das kann ja nicht das Ziel sein, das wollen wir auch nicht. Sondern wir wollen zum Nachdenken anregen, wir wollen vielleicht ein paar Tipps mitgeben oder einfach Denkanstöße: Was kann ich tun? – Und das kann ganz viel sein."

"Ich glaube, dass das Handeln von jedem Einzelnen sehr wohl eine große Rolle spielt", sagt Fotograf Henry Fair. "Ich recycle sogar das Wasser. Wenn ich in meiner Dunkelkammer Abzüge mache, hebe ich das Wasser für die Toilettenspülung auf."

Spuren eines Schwingbaggers bei der Braunkohleförderung_Garzweiler, Deutschland, fotografiert aus der Luft
Spuren eines Schwingbaggers bei der Braunkohleförderung_Garzweiler, Deutschland | Bild: J Henry Fair / J Henry Fair

Fair: Kunst und Umweltschutz gehören zusammen

Henry Fair sagt, er sei beides: Künstler und Umweltaktivist, beides gehöre zusammen. Kunst müsse eine Bedeutung haben und die Menschen bewegen. Sprichwörtlich: "Es gibt so viele Beispiele dafür, wie diese Arbeit mein eigenes Leben verändert hat. Es gab sogar Zeiten, als ich, wenn ich zum Abendessen bei Freunden eingeladen war, deren Licht ausgeschaltet habe. Wir erzeugen Elektrizität durch das Verbrennen von Kohle. Also: Das Licht anlassen ist ein Beitrag zum Klimawandel. Und ganz zu schweigen nicht von den ganzen Stoffen wie Quecksilber, Uran oder Blei, die bei der Kohleverbrennung zusätzlich in Unmengen in die Umwelt entlassen werden."

Die Verbrennung von Braunkohle hält Fair für eine der größten Umweltsünden unserer Zeit. In Deutschland wird 40 Prozent des Stroms aus Kohle gewonnen. Im Süden Brandenburgs, gleich neben dem Spreewald, findet er die Halden, in die die Asche geschüttet wird, die nach dem Verheizen der Kohle in den Kraftwerken übrig blieb – Millionen von Tonnen. Sie ist bunt. Vom Arsen, vom Quecksilber, den Schwermetallen. "Sie wird durch Rohre in die Abraumhalden gepumpt", so Fair. "Man kann hier sehen, dass sie die Asche mit Wasser vermischen, damit sie sich durch die Rohre zurück in den Tagebau pumpen lässt, was eine schrecklich dumme Idee ist, weil all die wasserlöslichen giftigen Stoffe dadurch ins Grundwasser versickern."

Phosphor-Gipsabfälle aus der Düngemittelherstellung_Saint James, Louisiana, USA, fotografiert aus der Luft
Phosphor-Gipsabfälle aus der Düngemittelherstellung_Saint James, Louisiana, USA | Bild: J Henry Fair / J Henry Fair

"Ich will, dass Leute stehen bleiben und fragen: Was ist das?"

Die Perspektiven aus der Luft sind atemberaubend. Man sucht den optischen Halt und taucht in ein Rätselbild ein, das umso erschreckender wird, sobald man erfährt, was man da gerade sieht: nämlich in gewisser Weise sich selbst im Spiegel der Erde.

"Ich habe mich sehr viel mit Kunst beschäftigt und ich mache ganz bewusst schöne, graphische, zweidimensionale Arbeiten. Denn wenn sie nicht schön wären, würde man sie gar nicht wahrnehmen. Das ist nämlich mein Problem mit den meisten Bildern, die im Namen des Umweltschutzes hergestellt werden: Sie sind langweilig. Ich will was Interessantes zeigen. Ich will, dass Leute stehen bleiben und fragen: Was ist das?"

Autor: Dennis Wagner

Angaben zur Ausstellung: "ARTEFakte" mit Bildern von Henry Fair, Dauerausstellung bis auf Weiteres im Museum für Naturkunde, Invalidenstraße 43, 10115 Berlin. Öffnungszeiten: Mo geschlossen, Di – Fr, 9:30 – 18:00 Uhr, Sa, So / Feiertag 10:00 – 18:00 Uhr

Stand: 26.11.2018 11:33 Uhr

13 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 25.11.18 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste