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"Im Bann des Ozeans" – von der Vielfalt und Bedrohung der Weltmeere

PlayDer Meeresbiologe Robert Hofrichter
Forscher berichtet über Vielfalt und Bedrohung der Meere | Video verfügbar bis 19.08.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als der erste Kosmonaut im Weltall Juri Gagarin auf die Erde blickte, war er fasziniert von dem schönen Blauen Planeten. Über eine Milliarde Kubikkilometer Wasser enthalten die Ozeane und umkreisen mit über 70% der Erdoberfläche alle Kontinente. Der Ozean, die Quelle allen Lebens. Der größte Artenreichtum verborgen in den Mangrovenwäldern und in der farbigen Wunderwelt der Korallenriffe. Doch Meeresbiologen warnen: Wir brauchen das Meer, das Meer braucht uns nicht.

Dies beschreibt auch Meeresbiologe und Naturschützer Robert Hofrichter: "Das Meer hatte es schon gegeben, lange bevor es Menschen gegeben hat. Das Meer gibt es, sagen wir, seit vier Milliarden Jahren. Das Leben hat sich dort entwickelt und wir Menschen sind gerade in der letzten Sekunde oder Bruchteil einer Sekunde aufgetaucht. Also, das ganze System Erde funktioniert ohne uns, aber wir können keine Sekunde lang überleben ohne das Meer. Ohne all das, was das Meer für uns tut."

Das Wissen über das Meer nützt nichts, wenn man es nicht weitergibt

Hofrichter ist seit über dreißig Jahren Meeresbiologe und Naturschützer. Er hat das damals zum Ostblock gehörige Bratislava verlassen, um frei als Biologe arbeiten zu können und unabhängig die Welt zu erkunden. Eine seiner ersten Forschungsprojekte startete er in Kroatien,  in der Kvarner-Bucht. Hier auf der Insel Krk stand sein erstes Labor unter freiem Himmel. Hofrichter erinnert sich: "Direkt an dieser Mauer habe ich mein kleines Labor eingerichtet, direkt im Kloster gewohnt und hier vor dem Kloster habe ich meine kleinen Fische aus dem Meer geholt, die ich dann untersucht habe. Dabei habe ich prompt eine neue Art entdeckt. Das ist so der große Traum von Zoologen und Biologen allgemein."

"Ich glaube, das Wichtigste ist Empathie"

Es ist eine der großen Mängel der Wissenschaft, dass sie meist unter sich bleibt. Hofrichter erkannte, dass alles Wissen über das Meer nichts nützt, wenn man es nicht an die Menschen weitergibt. So gründete er vor fünf Jahren die Meeresschutzorganisation "Mare Mundi". Sie hat sich die Forschung, den Meeresschutz und die Ausbildung zum Ziel gesetzt. Schulklassen, meist aus Österreich und Deutschland, kommen auf die kroatische Insel Krk, um vor Ort Einblicke in die Meereskunde zu erhalten.

Hofrichter ist sich sicher: "Ich glaube, aus pädagogischer Sicht, ist das Wichtigste Empathie. Das man den jungen Menschen die Liebe zur Natur vermittelt, weil nur das was man liebt, wird man einmal schützen."

Unterwasserfauna an einem Korallenriff
Unterwasserfauna an einem Korallenriff | Bild: Colourbox

Höhepunkt der Projektwoche ist ein Ausflug zur Insel Plavnik, wo die Schüler die Meereswelt selbst erkunden. Was sie aus Büchern, Filmen und der virtuellen Welt kennen, ist hier echt, greifbar und lebendig. Sie lernen, dass ein Seestern nicht nur ein Glückssymbol und Souvenir ist, sondern genauso ein Lebewesen ist wie jeder einzelne von ihnen auch. Und Hofrichter fügt hinzu: "Wir sind überzeugt, dass es ganz wichtig ist, diese Erziehungsarbeit zu machen. Warum? Weil die jungen Menschen von heute die Konsumenten von morgen sind und damit auch die politischen Entscheidungsträger. Das heißt: Wenn sie etwas gelernt haben und es ihnen wichtig ist, dann werden sie es weitertragen. Sie werden ihr Konsumverhalten anpassen. Vielleicht in zwei, in vier, in sechs Jahren."

In seinem Buch räumt Hofrichter mit Klischees auf

Menschen schwimmen mit Delfinen
Delfine sind nicht immer freundlich.  | Bild: dpa

Hofrichter hat alle Weltmeere bereist. In seinem Buch "Im Bann des Ozeans" spürt man die Faszination über die unendliche Artenvielfalt des Meeres. Es sind Blicke hinter das Spektakuläre. Und er räumt mit manchem Klischee auf – zum Beispiel, dass Haie auch freundlich sind und Delfine nicht nur liebenswert. Der grinsende Kinderfreund hat noch eine unbekannte andere Seite: die des Triebtäters mit einer sehr ausgeprägten skrupellosen Libido. So kommt es vor, dass männliche junge Delfinbanden wochenlang ein Weibchen als Sex-Geisel in Gefangenschaft nehmen oder Taucherinnen bedrängen.

"Delfine haben durch ihre hohe Intelligenz auch einen starken Sexualtrieb. Es ist verblüffen, dass sie sogar Taucher in Neoprenanzügen erkennen. Sie interessieren sich dann sehr stark für die weiblichen Taucherinnen und können richtig aufdringlich werden", erklärt Hofrichter.

Die Wunderwelt des Meeres und ihre hässliche Seite

Doch das Boulevard der Tierwelt ist die Ausnahme in seinem Buch. Meist ist es wissenschaftlich und sehr verständlich geschrieben. Es beantwortet Fragen, die wir uns stellen. Wie entstand die Biodiversität, die Artenvielfalt der Ozeane, wie hängen die Meeresströmungen und das Klima zusammen. Wie schaffen die Aale und Meeresschildkröten ihr 1.000 km lange Reise und wie können Riesenfische, wie der Walhai, sich von Plankton ernähren. Man möchte gerne eintauchen in diese Wunderwelt des Meeres, wenn da nicht auch das Andere wäre. Das Hässliche. Die brutale Verschmutzung des Meeres durch Plastikmüll. Stündlich, so Schätzungen, werden weltweit etwa 675 Tonnen Müll ins Meer geworfen. Plastikinseln so groß wie ganz Europa und Verschmutzung von Stränden weltweit.

Plastikmüll im Meer
Müll im Meer | Bild: IMAGO

Hofrichter erläutert die Gefahr von Plastik: "Dieses Plastik ist auf zweifache Art für die Meerestiere gefährlich. Zum einen in der makroskopischen Form, weil Tiere das fressen können. Und man weiß heute, dass die Wale, Delfine, Meeresschildkröten, Seevögel und viele andere Tiere sterben, weil ihr Magen voll ist mit Plastik. Zum anderen ist es so, dass dieses Plastik nicht verrottet, sondern zu kleinsten Partikeln zerfällt, zum sogenannten Mikroplastik. Das ist sehr heimtückisch, denn es reichert Toxine an und wird so verzehrt von Plankton, von Fischlarven. Die Gifte gelangen so ganz konzentriert in die Nahrungskette."

Der Kampf gegen die Plastikflut – aussichtlos?

Robert Hofrichter
Meeresbiologe Robert Hofrichter gibt den Kampf gegen den Müll nicht auf.  | Bild: ttt

Auch die Strände des Mittelmeers sind zunehmend vermüllt, wir merken es kaum, weil sie vor der Badesaison gereinigt werden. Doch wer etwas abseits geht, sieht die Verschmutzung. Strandsäuberung ist deshalb ein Projekt von "Mare Mundi". So sammelten hier sechs Mitarbeiter auf einer Küstenlänge von 100 Metern innerhalb einer halben Stunde einen ganzen Berg Müll zusammen. Plastikmüll in allen Varianten, der Tier und Mensch gefährlich wird. Hofrichter will trotz Frust weiter machen: "Wenn man positiv denkt, denkt man: Ok, man muss jetzt etwas tun. Und das versucht man. Ansonsten führt es dazu, dass diese wunderbare Lebensvielfalt immer geringer wird und irgendwann zu Grunde geht."

Hofrichter weiß, dass er der sprichwörtliche Rufer in der Wüste ist. Dass sein Engagement allein die Welt nicht retten wird. Er ist Realist und Träumer. Vielleicht, so hofft er, kommen die Menschen zur Vernunft und zerstören nicht, was sie am Leben erhält.

Autor: Matthias Morgenthaler

Buchtipp
Robert Hofrichter: "Im Bann des Ozeans: Expeditionen in die Wunderwelt der Tiefe"
Gütersloher Verlagshaus, 2018

Stand: 20.08.2018 15:29 Uhr

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