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Neu befeuert: Özil, Deutschland und die Integrationsdebatte

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Özil, Deutschland und die Integrationsdebatte | Video verfügbar bis 30.07.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Rücktritt des DFB-Nationalspielers Mesut Özil hat eine weitere Debatte um Zugehörigkeit und gelungene Integration ausgelöst. Wie Mesut Özil, empfinden viele Zuwanderer und deren Nachkommen, Loyalität sowohl gegenüber Deutschland als auch gegenüber der Türkei. Sogenannte hybride Identitäten sind eher die Regel als die Ausnahme.

Tuba Sarica
Die Bloggerin und Autorin Tuba Sarica | Bild: ttt

Für Tuba Sarica, Bloggerin und Autorin des Buches "Ihr Scheinheiligen", war Mesut Özil nie ein Beispiel für gelungene Integration: "Das hätte man schon meiner Meinung nach daran erkennen können, dass er sich mit Händen und Füßen jedes Mal trotz aller Diskussion, geweigert hat, die Nationalhymne mitzusingen. Was er als jemand, auf den so viele junge deutschtürkische Fußballfans aufschauen, er sendet die Botschaft: Ihr müsst nicht zu Deutschland gehören."

Esra Küçük, Chefin der Allianz Kulturstiftung, findet die ausgelöste Debatte absurd: "Mesut Özil hat ja vor einiger Zeit noch den Integrationsbambi bekommen, wir erinnern uns alle noch an 2006, an das Sommermärchen und auch die Kraft des Fußballs, was Integration betrifft. Wir sprechen von jemandem, der ein Millionär ist, in sehr vielen Sprachen zu Hause ist und der etliche Tore für die Nationalelf geschossen hat, 92 Spiele. Und dennoch schaffen wir es wirklich, darüber zu diskutieren, ob er zu Deutschland gehört oder nicht."

In Deutschland gibt es ein Integrationsparadox

Nein, dieses Mal hat Deutschland kein Sommermärchen, sondern nur den erbitterten Streit um die Frage, wer dafür verantwortlich ist. Integration, die Zauberformel des Zusammenlebens früherer Tage, ist fragwürdig geworden. Insbesondere die türkischstämmige Community, seit nunmehr drei Generationen in Deutschland, wird beargwöhnt, es an Loyalität zur neuen Heimat fehlen zu lassen. Und ausgerechnet jetzt meldet eine Studie, dass die jüngeren türkischstämmigen Deutschen sich wieder verstärkt der Türkei zuwenden. Wissenschaftler sprechen von einem "Integrationsparadox".

Hacı-Halil Uslucan, Leiter der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung
Migrationsforscher Hacı-Halil Uslucan.  | Bild: ttt

Hacı-Halil Uslucan, Leiter der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung, erklärt es: "Das Paradoxe daran ist, dass die zweite, dritte Generation, die Menschen, die hier geboren sind, sich subjektiv nicht so zugehörig, so gut integriert fühlen, objektiv aber integriert sind. Sie sprechen die Sprache, sie haben hier die Schule besucht, sie haben deutsche Freunde, sie haben hier eine Sozialisation durchlaufen."

Verbundenheit der Deutschtürken zur Türkei steigt

An der Uni Duisburg-Essen wurde gerade eine neue repräsentative Studie des Zentrums für Türkeiforschung vorgestellt. Bei 61 Prozent der Deutschtürken ist die Verbundenheit zur Türkei stärker als die zu Deutschland. Seit 2010 steigt diese Zahl bei denen, die hierzulande am besten integriert sind. Was ist da passiert?

Esra Küçük, Chefin der Allianz-Kulturstiftung
Esra Küçük, Chefin der Allianz-Kulturstiftung | Bild: ttt

Küçük, die auch Mitbegründerin der Jungen Islam Konferenz ist, weist auf den positiven Stand der Integration hin: "Das muss man differenziert betrachten. Es ist nicht ohne Grund, dass wir Integration nach Indikatoren betrachten. Wie gut ist jemand in den Arbeitsmarkt integriert? Wie hoch ist der Bildungsabschluss? Wie sind seine sozialen Beziehungen? Das gibt es klare Indikatoren, und nach denen ist der Stand der Integration in Deutschland sehr, sehr gut."

Ein Problem gebe es hingegen bei der Identifikation mit Deutschland, meint Küçük. Grund seien alltägliche Abwertungserfahrungen. Junge Türken fühlten sich oft als "passdeutsche" Bürger zweiter Klasse. Zu Recht?

"Es ist nicht nur ein Gefühl, dass viele Menschen haben, dass sie hier nicht anerkannt und angenommen werden.", beteuert Küçük, "Wenn wir uns anschauen, wie sieht es aus mit dem Ausschluss im Wohnungsmarkt, wie sieht es aus bei der Frage von gleichen Bewerbungen, aber unterschiedlichen Namen? Da sehen wir in anonymisierten Verfahren, dass es de facto eine Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt gibt. Und das fällt natürlich besonders den Menschen auf, die – und das ist das paradoxe– besonders gut integriert sind. Die haben eine Sensibilität dafür, was es bedeutet, auch die gleichen und gerechten Chancen zu bekommen."

Die Parallelwelt der Deutschtürken und Deutschen

Buch von Tuba Sarica: "Ihr Scheinheiligen!"
Buch von Tuba Sarica: "Ihr Scheinheiligen!" | Bild: ttt

Zweifellos gibt es auch konservative deutschtürkische Milieus, die es sich in der Opferrolle bequem machen und gern über "die Deutschen" herziehen. Gegen sie polemisiert die Bloggerin Tuba Sarica, Enkelin eines türkischen Gastarbeiters, in ihrem Buch "Ihr Scheinheiligen!:– Die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen". Auf der einen Seite Türken, die westliche Werte verachten und Erdoğan als ihren Präsidenten verehren. Auf der anderen die Deutschen, die durch Pseudotoleranz diese Entwicklungen fördern.

Sarica selbst hat keine Problme mit ihrer Herkunft: "Ich glaube, dass man in Deutschland gar nicht dazu gezwungen wird, sich nur zu Deutschland zu bekennen oder seine eigene Herkunft leugnen zu müssen. Das habe ich selber gar nicht so empfunden, und ich empfinde das als Autorin nicht so. Ich betone im Gegenteil immer meine türkische Herkunft und sage sogar, dass das für mich eine Bereicherung ist."

Versteckte Assimilationsforderungen hinter Ruf nach Integration

Vielleicht ist der Prozess der Integration komplexer, als es in Sonntagsreden anklingt. Man kann die deutsche Staatsbürgerschaft haben, sich an Gesetze halten, seine Steuern zahlen und westliche Werte wie Frauenrechte, Meinungs- und Religionsfreiheit respektieren – und dennoch werden da immer auch Differenzen bleiben.

Werte kann man eben nicht einfach lernen, meint Uslucan: "Meistens geht es in der Öffentlichkeit, wenn über Integration gesprochen wird, unausgesprochen um Assimilations-Erwartungen, um eine Art von Gleichheit, und zwar viel weniger auf der strukturellen Ebene, sondern um Gleichheit in dem Sinne: Der soll unsere Werte annehmen, der soll unsere Sprache sprechen. Nur Werte sind ja nichts, was sich Menschen einfach kognitiv aneignen, dass man sagt: Ich lerne jetzt mal, was die deutschen Werte sind, und wenn ich es gelernt habe, dann setze ich es um. Das ist eine völlig illusionäre Haltung."

Kulturelle Pluralität ist längst Teil deutscher Alltagsrealität

Und wo bleibt das Positive? Die Studie ergab auch, dass der größte Teil der Befragten zwar die Türkei, aber auch Deutschland als Heimat betrachtet. Mehrfachloyalitäten sind offenbar längst ein Teil unserer Alltagsrealität. Und womöglich ist Deutschland da sehr viel weiter, als es selbst wahrhaben will.

Für Küçük sollte es längst normal sein, dass man verschiedene Zugehörigkeiten in sich vereinen kann: "Ich habe den Eindruck, gerade in einer Zeitmaschine zu sein. Ich lebe im Jahr 2018 in einem modernen Einwanderungsland. Die Debatten um uns herum sind aber aus den 90er Jahren. Entweder Du bist das eine oder das andere. Es ist ganz normal, dass Menschen verschiedene Identitäten, verschiedene Zugehörigkeiten in sich vereinen. Wir sind in einem Land, wo jeder Dritte unter 16 Jahren einen sogenannten Migrationshintergrund hat. Das heißt, die Generation, die heranwächst, für die ist es normal, dass sie unterschiedliche Sprachbezüge haben, unterschiedliche kulturelle Bezüge. Das sollte nicht das Problem sein, dass wir dennoch hier in Deutschland ein gutes Miteinander leben können."

Autor: Rayk Wieland

Buchtipp
Tuba Sarica: "Ihr Scheinheiligen!: Doppelmoral und falsche Toleranz – Die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“,
Heyne Verlag 2018

Stand: 31.07.2018 15:07 Uhr

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