SENDETERMIN Mo, 30.07.18 | 00:00 Uhr | Das Erste

Düsteres Zukunftsszenario: Roman "Troll" von Michal Hvorecký

PlayDer Schriftsteller Michal Hvorecký
Hvorecky: "Die Realität hat mich überholt" | Video verfügbar bis 30.07.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die slowakische Hauptstadt Bratislava könnte kaum internationaler sein. Wien liegt nur wenige Kilometer flussaufwärts, Ungarn um die Ecke, auch Deutsche und Juden haben die Stadt geprägt. Bratislava ist eine kleine Weltstadt, ein europäischer Schmelztiegel. Der Schriftsteller Michal Hvorecký ist hier genauso aufgewachsen: ein Opa war Deutscher, einer Slowake, eine Oma Ungarin. In seinen Romanen und Zeitungsartikeln beschäftigt er sich mit seiner Heimat – und ihren Schwierigkeiten.

Diese beschreibt er folgendermaßen: "Es ist eine unglaublich spannende Stadt – meine Liebe zu Bratislava ist groß, aber kritisch. Es hat auch große Schwierigkeiten, es ist ziemlich schlecht verwaltet, auch ziemlich korrupt. Die Slowakei hat ein riesiges Problem mit Korruption und kämpft damit schon seit Jahren – und mit wenigen Erfolgen leider."

Kritische Journalisten wie Ján Kuciak im Fadenkreuz organisierter Kriminalität

Dass höchste Regierungsbeamte sogar mit der italienischen Mafia zusammenarbeiten, versuchte der Journalist Ján Kuciak nachzuweisen. Dann, im Februar, wurden er und seine Freundin erschossen in ihrem Haus aufgefunden – hingerichtet mit Genick– und Kopfschuss. Täter unbekannt. Doch kritische Journalisten standen schon lange im Fadenkreuz von mächtigen Männern – und das mitten in der EU.

Menschen bei einem Protest für den Journalisten Kuciak
Menschen bei einem Protest für den Journalisten Kuciak | Bild: dpa

Dreckige, antislowakische Prostituierte, nannte Robert Fico, der damalige Premierminister, schon mal unbequeme Journalisten. Doch nach dem Mord gingen Zehntausende auf die Straße und drehten den Spieß um: Fico und sein Innenminister seien selbst Prostituierte – nämlich die der Mafia. Fico musste schließlich zurücktreten. Die alten Strukturen blieben allerdings unangetastet.

Auch Hvorecký wurde schon angegriffen: "Wir werden hier als kritische Intellektuelle, als Journalisten, als Autoren und Autorinnen regelmäßig heftig angegriffen. Auch von der Seite der Politik. Ich selbst wurde von dem Ex-Premierminister Robert Fico, Krawallmacher und Unruhestifter genannt, nur weil ich einen kritischen Text geschrieben habe über Demonstrationen in Bulgarien, als Inspiration für die Slowakei."

Hvoreckýs Roman zeichnet ein düsteres Zukunftsszenario der Slowakei

In seinem jüngsten Roman beschreibt Hvorecký nun eine zutiefst düstere Zukunft in einem abgeschotteten osteuropäischen Land. Nach einem Hybridkrieg steuern von Oligarchen hochbezahlte Internettrolle präzise die öffentliche Meinung. Die Trolle verbreiten wüste Lügen und Verleumdungen und bestimmen so über die Biografien der Landsleute –  mehr, als eine Polizei das je zuvor konnte.

"Dystopie ist das Genre der Stunde", sagt Hvorecký. Als er anfing das Buch zu schreiben, habe er gedacht, er schreibe an einem Science-Fiction-Roman, einer nahen Zukunft. Doch jetzt stellt er fest: "Die Realität hat mich überholt."

Hvoreckýs Figuren steigen dort hinab, wo die Demokratie  seines Landes stark bedroht ist

Im Roman begeben sich nun zwei junge Antihelden, ein fettleibiger Funktionärssohn und eine dürre Junkie-Braut, in solch eine Trollfabrik. Sie wollen das System bekämpfen. Doch um es zu verstehen, werden sie zunächst selbst zu Trollen. Hvorecký läßt sie dahin schlüpfen, wo er die Demokratie in seinem Land aktuell stark bedroht sieht. Denn Fake-News-Seiten, wie "Hlavné Správy",  was so viel heißt wie "Hauptnachrichten", sind in der Slowakei wahnsinnig populär.

Hvorecký erklärt: "Wir haben keine starken öffentlich-rechtlichen Medien, wir haben schwache Zeitungen mit niedrigen Auflagen, wir haben kaum größere kritische Zeitschriften – die Fake News sind hier Mainstream geworden. Die sind die stärksten Medien. Die sind keine Alternative mehr, sie sind die Hauptnachrichten, sie erreichen die Masse. Das sind alles nur Lügen, Lügen, Lügen, Tag und Nacht ohne Ende. Es ist nicht kontrolliert, es entstehen Monopole, es gibt keine Vielfalt, es wird monopolisiert und die verdienen damit wunderbares Geld. Und gewinnen damit auch politische Kraft, politische Macht und wir unterschätzen, wie gefährlich das ist."

Im Buch wie in der Realität – Wahrheit und Lüge verschwimmen

Buchcover "Troll" von Michal Hvorecký
Buchcover "Troll" von Michal Hvorecký | Bild: Klett-Cotta-Verlag

Im Roman werden die Trolle zu Auftragskillern. Unliebsame Personen vernichten sie innerhalb von Minuten, indem Fotos manipuliert, Zitate hinzugefügt, und Dokumente gefälscht werden. Wahrheit und Lüge verschwimmen. Hvorecký kennt das zu gut: "Ich war vielmals Opfer von Trolling – auf die ätzendste Art und Weise. Die nutzen meistens mein allerschlechtestes Bild, was sie finden oder sie selbst gemacht haben – und kreieren damit so Bilder, Memes, Gifs, was nur geht, und lassen das über hunderte Profile teilen, um mich zu blamieren. Mein Bild, mein Video, mit erfundenen Zitaten, mit erfundenen Sätzen, manipulierte Inhalte – und auf diese Art und Weise werden hier dutzende kreative Menschen angegriffen."

"Es wäre eigentlich lächerlich, aber viele nehmen das ernst"

Er wünsche sich "islamistische Angriffe" auf die Slowakei, wird ihm hier ein Zitat zugewiesen, auf anderen, die noch immer durch das Netz schwirren, wünsche er sich Millionen Flüchtlinge, oder dass alle homosexuell werden. "Es wäre eigentlich lächerlich", sagt Hvorecký, "aber leider nehmen das unglaublich viele Menschen wahr, viele nehmen das ernst."

Freiheit – ein Gut, für das man kämpfen muss

Wer immer Ján Kuciak ermordet hat – die Hetze gegen Journalisten hat auf jeden Fall den Boden dafür bereitet. Freiheit, so heißt es auf einer alten Gedenktafel in Bratislava, Freiheit kann nur der schätzen, der wirklich dafür gekämpft hat. Und man muss auch heute dafür noch kämpfen. Auch in der EU.

Hvorecký will sich weiterhin in seinem Land engagieren: "Ich fühle mich wohl in der Slowakei, ich bin hier daheim, ich will hier auch bleiben. Aber es ist schon so, dass hier die freie Presse angegriffen ist. Ich war auch dankbar dafür, dass es europaweit eine große Welle der Solidarität gab nach Kuciaks Mord. Und das ist sehr wichtig, dass wir sehen, wir sind tatsächlich ein europäisches Land, wir sind klein, aber wir sind dabei."

Autor: Dennis Wagner

Buchtipp:
Michal Hvorecký: "Troll“
Klett–Cotta–Verlag 2018

Stand: 30.07.2018 13:26 Uhr

9 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mo, 30.07.18 | 00:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste