SENDETERMIN So, 27.05.18 | 23:05 Uhr | Das Erste

Rassismus – die Erfindung von Menschenrassen

PlayUm einen alten Globus stehen drei Statuen die verschiedene Menschenrassen zeigen sollen.
Rassismus - die Erfindung von Menschenrassen | Video verfügbar bis 27.05.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sein Name ist wie ein Donnerhall: Karamba Diaby, geboren im Senegal, der erste Bundestagsabgeordnete schwarzafrikanischer Herkunft. In Halle, wo er seit Jahrzehnten lebt, kennt den Sozialdemokraten fast jeder. Er pflegt die Nähe zum Bürger. Doch im letzten Wahlkampf sah er sich mit einem Aufkleber auf seinem Wahlplakat zum Affen gemacht. Da entlud sich Hass, nackter Rassismus.

Porträt eines Mannes schwarzafrikanischer Herrkunft
Dr. Karamba Diaby, Bundestagsabgeordneter aus Halle (Saale) | Bild: ARD / ttt

"Ich bin traurig, wenn ich solche Bilder sehe", sagt er. "Im Wahlkampf wurden solche Dinge von einigen politischen Gruppierungen verwendet, um mich einzuschüchtern oder zu beleidigen. Das Ziel ist, zumindest kann ich das bei einigen so interpretieren, die Auseinandersetzung im politischen Raum nicht mit sachlichen Mitteln zu suchen, sondern dass sie versuchen, bestimmte Botschaften zu senden, die mich ausgrenzen."

Dass rassistische Ausgrenzung tödlich sein kann, zeigen nicht nur die unzähligen Brandanschläge auf Asylheime in den letzten Jahren. Der Fall  von Oury Jalloh, der 2005 in einer Dessauer Polizeistation verbrannte – ein politischer Skandal und bis heute unaufgeklärt. Auch die Morde der NSU hatten vor allem nur einen Hintergrund: Rassismus.

Im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden sind nun die Facetten dieser mörderischen Gesinnung zu besichtigen. Wer noch immer, klammheimlich, an die Überlegenheit der weißen Artgenossen glaubt, sieht sich schnell eines Besseren belehrt. Zwergenhirne haben allenfalls Rassisten.

Rassismus-Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum Dresden
Werbung der Commission for Racial Equality zum Thema: Rassenunterschiede (ethnische Unterschiede), nationale Minderheiten | Bild: verschiedene/Deutsches Hygienemuseum Dresden / verschiedene

Rassenklischees und groteske Experimente

In der Ausstellung sehen uns mit jeder Menge von krausen Menschen-Experimenten konfrontiert. Nur, ob sie, wie uns einst Kriminologen glauben machen wollten, wirklich existiert, die typische Visage des Verbrechers schlechthin?

Porträt eines Mannes
Klaus Vogel, Direktor des Deutschen Hygienemuseums in Dresden | Bild: ARD / ttt

"Rassismus ist sowas wie ein ganz wunderbares Ausgrenzungssystem", erklärt Klaus Vogel, Direktor des Deutschen Hygienemuseums. "Sie können an den Merkmalen, die jeder mit sich herumträgt, dass wir eben als Menschen unterschiedlich aussehen, ein System schaffen, dass diese Unterschiedlichkeit mit einem Wertungssystem versieht und schon können sie Menschen ausgrenzen, können sie Grenzen schaffen – bestimmen, wo man dazu gehört oder nicht."

Rassismus tief in der europäischen Geistesgeschichte verwurzelt

Szenen der Erniedrigung aus kolonialen Zeiten: Beklemmend ist, wie tief der Rassismus in der europäischen Geistesgeschichte wurzelt. Die "Rasse der Neger" tauge nur zur "Bildung der Knechte", die sich zwar abrichten ließen, aber unfähig seien, sich selber zu führen, schrieb der große Denker der Aufklärung, Immanuel Kant. Der Schwarze als plakativer Gegenentwurf zum kultivierten, mündigen Weißen.

Rassenlehre ist keine Wissenschaft, der Glaube an die Aussagekraft der Hautfarbe eine dreiste Projektion. Der Parlamentarier Karamba Diaby erfährt das jeden Tag und fordert, den Skandal endlich beim Namen zu nennen: "Fremdenfeindlichkeit, das ist, meiner Meinung nach, eine Verniedlichung.Ich persönlich lebe seit 32 Jahren in diesem Land. Ich bin kein Fremder. Ich bin deutscher Staatsbürger, ich gehöre zu dieser Gesellschaft. Wenn du mich beleidigst oder ausgrenzt, ist das keine Fremdenfeindlichkeit, dann ist das, wenn es etwas mit meinem Aussehen zu tun hat, Rassismus. In Deutschland wird immer wieder versucht, das Wort zu vermeiden, aber an der Stelle, wo etwas rassistisch ist, muss man das auch so nennen."

Blick in einen Ausstellungsraum
Rassismus-Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum Dresden | Bild: Deutsches Hygienemuseum / Oliver Killig

Was darf man zeigen, ohne Diskriminierte zu verhöhnen?

Rassisten leben im Wahn, man könne den menschlichen Charakter kartographisch vermessen. Das Weltbild ist klar: Der schwarze Mann gleicht einer Bestie. "Gorilla, ein Mädchen raubend" heißt eine Plastik von 1892. Nur, was darf man zeigen, ohne die Opfer ein weiteres Mal zu verhöhnen? Soll man die Schaulust auf eine mit rassistischen Klischees überhäufte Südsee-Nackte bedienen? In Dresden ist sie, anders als ursprünglich gedacht, nun nur hinter einem halbdurchsichtigen Schleier zu sehen. Denn die ausschließlich weißen Ausstellungsmacher wachten im letzten Moment auf und haben ein Interventionsteam rund um die Künstlerin und Soziologin Natasha Kelly mit ins Boot geholt:

Porträt einer dunkelhäutgen junge Frau
Natasha A. Kelly, Künstlerin und Soziologin | Bild: ARD / ttt

"Rassismus ist kein Problem von schwarzen Menschen, es wurde zu einem Problem von schwarzen Menschen gemacht. Und zwar durch Weiße", sagt die Künstlerin und Soziologin. "Wir sind ja nicht daher gegangen und haben gesagt: Versklave mich, töte mich, ich bin schwarz! So ist die Geschichte ja nicht gewesen. Sondern Weiße sind gekommen, haben uns gestohlen, geraubt, missbraucht und misshandelt. Wir wurden nicht einmal als Mensch kategorisiert, sondern als Versklavte. Die Geschichte der Menschwerdung fing ja nicht beim Mensch sein an, sondern beim Nicht-Menschsein."

Hygiene-Museum: In NS-Zeit Zentralanstalt der Propaganda

Das Hygiene-Museum zeigt noch einmal diesen gewaltigen Globus, umringt von vermeintlich reinrassigen Archetypen, ein Exponat der Kolonialausstellung, 1939 in Dresden. Ein Mann mit Hakenkreuzbinde zeigt auf die verlorenen Gebiete in Afrika, die es heimzuholen gelte.

In einer Zeit, die sogar Kunstwerke als entartet denunzierte, wurde das Hygiene Museum zur Zentralanstalt der Propaganda. Ausstellungen über die Volksgesundheit priesen die Reinheit der arischen Rasse. "Diese Ausstellung ist entstanden, weil unser Haus, das Deutsche Hygiene-Museum, eine dunkle Seite hat, einen dunklen Teil der Geschichte in der NS-Zeit, als das Haus die rassenhygienische Propaganda-Anstalt im Deutschen Reich war", so der Museumsdirektor.

Rassismus-Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum Dresden
Tafel aus der Wanderausstellung "Ewiges Volk", 1937-1939 | Bild: verschiedene/Deutsches Hygienemuseum Dresden / verschiedene

Die alten Denkmuster existieren bis heute

Die selbsttherapeutische Anstrengung in Dresden hat sich gelohnt. Da wird Rassenlehre entlarvt als das, was sie ist: als wissenschaftlich unhaltbare, aber wirkmächtige Erfindung. Gewiss: das Unwort "Neger" haben wir weitgehend aus unserem Vokabular gestrichen. Rassismusforscher Tino Plümecke aber weiß: die alten Denkmuster existieren bis heute:

"Rassismus steckt in den Grundstrukturen der europäischen Moderne. Er lässt sich nicht einfach ausschließen indem wir sagen: Wir sind gegen Rassismus. Das wird ein Prozess sein, der immer weiter laufen wird. Es ist kein Ende in Sicht, dass Rassismus jemals aufhören wird." Als Rassist wird sich heute kaum einer mehr offen bekennen. Die Techniken der Verachtung sind subtiler geworden. Aber die Sehnsucht, sich selber aufzuwerten und darum den vermeintlich anderen zu degradieren, existiert in vielen Köpfen unterschwellig weiter.

Angaben zur Ausstellung: "Rassismus – Die Erfindung der Menschenrassen", Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 19. Mai 2018 – 06. Januar 2019

Autor: Tilman Jens

Stand: 28.05.2018 00:00 Uhr

8 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 27.05.18 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste