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Die Deutschen und ihre Beziehung zum Wald

Playtitel thesen temperamente
Die Deutschen und ihr Wald | Video verfügbar bis 01.09.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist so weit. Wir sind mitten im Waldsterben 2.0. Und eine Bundeswirtschaftsministerin verspricht sofortiges Handeln: "Unser Deutscher Wald ist in Gefahr. Das ist keine Panikmache, sondern das ist eine Bestandsaufnahme", so Julia Klöckner im August 2019.

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Rüdiger Safranski, Philosoph und Literaturwissenschaftler. | Bild: MDR/ttt

Eine halbe Milliarde Soforthilfe wird angekündigt. Denn hier geht es um mehr als um Holz-Ernteausfall oder Schadensbegrenzung. Es geht um einen Mythos. Dies erläutert auch Rüdiger Safranski, Philosoph und Literaturwissenschaftler: "In der deutschen Kultur spielt der Wald doch einfach eine ganz große Rolle. Der Tacitus, als er über Germania schrieb, schrieb er von dem schaurigen Eindruck, den die Wälder auf ihn machten. Und der Mann hatte ja Recht. Im Teutoburger Wald wurden die Römer ja auch geschlagen. Also der Wald steht irgendwie für eine deutsche Tradition. Im Guten wie im Bösen."

Kaum natürlicher Wald mehr vorhanden

Der heutige Wald hat mit dem von damals allerdings nichts zu tun, sagt Peter Wohlleben, Förster und Bestsellerautor. Natürliche Wälder gebe es nur noch im Promille-Bereich – wie den, den er in der Eifel betreut: indem er ihn in Ruhe lässt. Gleich nebenan steht ein Wald, wie ihn die meisten kennen: eine Fichtenplantage. Ihr Untergang sei allerdings keine Frage des Klimawandels. Wohlleben weist auf die toten Fichten im Wald hin, in die schon der Borkenkäfer reingegangen sei: "Das ist ein Schwächeparasit. Der befällt nur lebende Bäume. Der zeigt einem eigentlich nur: Fichte gehört hier nicht hin. Der ist es zu heiß, der ist es zu warm, das war immer schon so. Und schon vor den heißen Sommern sind fast 60 Prozent aller Fichten so ausgefallen. Durch Sturm oder Borkenkäfer. Also es ist eine Katastrophenbaumart. Immer schon", so Wohlleben.

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Eine tote Fichte.  | Bild: MDR/ttt

Die Fichten tragen sogar eher zur Erwärmung des Klimas bei, berichteten jüngst Forscher vom Max-Planck-Institut. Ganz anders die Buche. Dazu Wohlleben: "So ein Baum, der kann am Tag bis zu 500 Liter Wasser verdunsten und das macht Wald kühl. Und je mehr Bäume das zusammen machen, desto niedriger ist die Temperatur. Und aktuell ist eben erforscht worden, dass in Berlin zum Beispiel die Temperatur 15 Grad höher ist als in einem alten Buchenwald nebendran. Also die können sich um bis zu 15 Grad stärker unterkühlen als unsere Städte, und das ist genau das, was Bäume lieben. Kühl und feucht. Und wir ehrlich gesagt auch, wenn wir die heißen Sommer sehen."

Der Wald im kulturellen Gedächtnis

"Das geheime Band zwischen Mensch und Natur" heißt das neue Buch von Peter Wohlleben. Er trifft damit einen tief in der Romantik verwurzelten Nerv. Der Wald ist nicht nur Sauerstoffspender und Holzlieferant. Er ist auch Nährstofflieferant unserer Fantasie – Schauplatz der Hausmärchen der Deutschen, Heimat von Wolf und Hexe, unheimlich, düster. Es ist der Wald in unserem Kopf, sagt der Romantik-Spezialist Safranski: "Wir überblenden die wirklich wahrgenommene Wirklichkeit mit unseren Imaginationen. Und diese Imaginationen, die kommen aus dem kulturellen Gedächtnis. Aus einer Etage tiefer gewisser Massen. Und so vermischt sich das. Und das ist auch im Grunde ganz in Ordnung."

"Waldeinsamkeit, Du grünes Revier, wie liegt so weit die Welt von hier!", so sang der Dichter Joseph von Eichendorff vor zwei Jahrhunderten – und wirkt bis in unsere Zeit. Als Ende der 70er die Wälder im Industriequalm ersticken, führt dies gerade in Deutschland zu einem gewaltigen romantischen Aufbruch.

Romantischer Aufbruch in den 70ern

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Peter Wohlleben, Förster und Bestsellerautor, neben einer Buche.  | Bild: MDR/ttt

Wohlleben erinnert sich an die Zeit: "Und ich habe auch gedacht, als ich angefangen habe, zu studieren: 'Wenn ich fertig mit dem Studium bin, dann ist der Wald weg'. Aber zum Glück wurde daraufhin Politik gemacht, wurde Rauchgas entschwefelt, kamen die Katalysatoren für die Autos – das ist eine echte Erfolgsgeschichte." Ein Erfolg, der vielleicht nur möglich war, weil sogar der Wald aufgefordert war, an der Seite seiner Retter mitzukämpfen bei Baumpflanzungen auf der Autobahn oder der Schadholzberieselung auf den Bundeskanzler.

Der Wald ist für die Deutschen mehr als die Summe seines Wirtschaftsertrages. Er ist zugleich der antikapitalistische Gegenentwurf: ein Mix aus Weltflucht und Weltrettung. "Eine Bewegung, die sich schützend vor die Natur stellt, ist eine hochsymbolische Inszenierung. Aber dass diese ganze Bewegung aus einer romantischen Wurzel kommt, ist ganz offensichtlich", so Safranski.

"Wenn man nichts macht, macht man es im Wald gut"

Entsprechend erschüttert und apokalyptisch reagieren Umweltverbände und Medien auf das Schwächeln des deutschen Kulturgutes. Im panischen Reflex sieht Safranski eine Gefahr: "Gleich aus einer Bedrohung eine Apokalypse zu machen, das ist schon ein besonderer Zug in der deutschen politischen Kultur, den ich nicht so ganz erfreulich finde, weil sich mit der Drohung einer Apokalypse zu verbinden, heißt: man hat immer recht. Und man ist auch moralisch auf der eindeutig guten Seite."

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Den Wald so lassen, wie er ist, fordert Peter Wohlleben.  | Bild: MDR/ttt

Das Gegenteil von Panik wäre: Ruhe bewahren. Genau dazu rät Peter Wohlleben. Die heimischen Baumarten kämen mit dem Klimawandel klar. Man müsse sie nur machen lassen. "Wenn man nichts macht, macht man es im Wald gut. Aber wem wollen sie dafür auf die Schulter klopfen? Es geht ja immer um Programme. Das einzige Programm heißt: Hände in die Hosentasche. Aber das ist kein Programm für die Bundesregierung, denn da geht es ja immer darum, der Öffentlichkeit zu zeigen: das ist uns was wert, und das drückt man am besten in Geld aus", so Wohlleben.

Wohlleben dreht die Untergangsromantik der 80er einfach um. Es gibt Hoffnung! Sein Lebewohl an den Wald ist nicht Abschied, sondern Aufforderung: Leben und leben lassen.

Autor des TV-Beitrags: Dennis Wagner

Stand: 02.09.2019 11:00 Uhr

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