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Was es heißt, Mario Götze zu sein

Der Fußballspieler Mario Götze
Der Fußballspieler Mario Götze | Bild: dpa

Nach Aussage seines Jugendtrainers Peter Hyballa hat er "immer mal Dinge gemacht, die nicht im Lehrbuch standen". Für Jürgen Klopp war Mario Götze für sein Alter und sein Können "das größte Talent, an dem kein Weg vorbeiführt". Mario Götze spielt mit 17 Jahren in der Bundesliga, mit 22 schießt er Deutschland zum Weltmeister.

"Es ist wirklich ein schmaler Grat"

"Der größtmögliche anzunehmende Erfolgfsfall im Fuball" – wie es Regisseur Aljoscha Pause formuliert: "Wenn einem das widerfährt, mit 22 Jahren, ich glaube, dann hat man ein Gesamtszenario, das ist so maximal dramatisch, dass man damit erstmal umgehen muss."

Mario Götze schießt das WM-Tor gegen Argentinien.
Mario Götze schießt das WM-Tor gegen Argentinien. | Bild: dpa

Nur vier Jahre, einige Verletzungen und Krankheiten später, kämpft Mario Götze um den Anschluss, um seine Form und seine Leichtigkeit. Die Lobeshymnen über das "Jahrhunderttalent“, den "Nationalhelden" sind Geschichte.

Was es damals heißt, Mario Götze zu sein, davon erzählt dieser Film: Beschenkt mit einer enormen Begabung um den Preis einer permanenten öffentlichen Beurteilung. So erinnert sich Mario Götze: "Manchmal denkt man noch zurück an die Zeit, wo man in der Jugend war. Da hat man einfach nur gekickt und gezockt und es hat irgendwie nicht so viele Leute interessiert. Aber andererseits ist es auch wieder das Schöne, in einem vollen Stadion zu sein und sich mit den Besten zu messen auf einem hohen Niveau. Es ist wirklich ein schmaler Grat zu sagen: Eigentlich will ich einfach nur spielen, aber eigentlich möchte ich auch auf der großen Bühne stehen und vor einem vollen Stadion spielen. Wenn man es einmal nicht mehr hat, dann weiß man es wieder zu schätzen.“

Ungewollt zum Kinderstar

Mit zwei Brüdern wächst Mario Götze in einem Dorf im Allgäu, später im schwäbischen Memmingen auf. Die Eltern fördern bei ihren Söhnen die Lust an Bewegung und Sport, ohne sie mit krankhaftem Ehrgeiz zu quälen. Alle drei Jungs spielen Fußball. Marios Talent sticht bald heraus. Ungewollt wird er zum Kinderstar, wie sich sein Bruder Fabian Götze erinnert:

"Früher war es vor allem so, dass ich die Kapitänsbinde immer genommen habe. Mario hat sie eigentlich immer verweigert, wenn er gefragt wurde. Er war schon immer mehr so der Typ: 'Ich spiele mein Spiel und ich möchte in meiner Welt sein und mich abschotten von allem, was da so um mich herum passiert.' Und deswegen wird er auch heute, meiner Meinung nach, oft missverstanden, weil er nicht diese Emotionen, die viele mit dem Fußball verbinden, nach außen hin abgibt."

Vom Zwang, die Heldenrolle bedienen zu müssen

Dass Mario Götze noch nie jener nach außen hin überschäumende Junge war, spielt für Medien und Öffentlichkeit keine Rolle. Es gehört zum Bild des modernen Helden. Er bedient es, postet Fotos mit Freundin und schnellem Wagen, dreht schicke Werbespots und erliegt vermutlich dem Missverständnis, dass tatsächlich er und nicht die Figur Mario Götze gemeint ist: "Man hat das Gefühl, die Meinung, die die Leute über einen haben, immer erfüllen zu müssen. Man kämpft so ein bisschen dagegen an, sich so darzustellen, wie man wirklich ist – oder das, was ich bin, auch einfach zu zeigen. Und da auch so viel um einen herum passiert, ist es eher so, dass man gegen seine Träume und Hoffnungen, die Meinung der Medien ankämpfen muss, bevor ich mich selber öffnen kann.“

"Wir gestehen uns und anderen Menschen nicht zu, ambivalent zu sein"

Sehr freimütig und ehrlich erzählt Mario Götze, wie es ist, unter öffentlicher Beobachtung erwachsen zu werden, nicht unter die Räder zu kommen in einer leistungs-und erfolgsorientierten Gesellschaft. Die Stärke des Films ist es, dass er die Widersprüche dabei erzählt und das Ringen, diese auszuhalten. 

Regisseur Aljoscha Pause moniert, dass wir Menschen gerne in Schubladen einordnen: "Wir gestehen uns und anderen Menschen überhaupt nicht zu, ambivalent zu sein. Ich glaube, dass das hier (im Fall von Mario Götze) auch so ist. Ich finde, dass man nicht eindeutig sagen kann, ob das jetzt Segen oder Fluch ist mit diesem Tor zum Beispiel. Man sieht das ja auch im Film, denke ich. Da sitzt Mario zu Hause und kämpft um seine Karriere, kämpft um den Anschluss und hinter ihm prangt groß an der Wand das Bild mit ihm und dem WM-Pokal. Natürlich kann man sagen, das ist unstimmig: Warum hängt er sich das dahin und möchte gleichzeitig nicht damit konfrontiert werden? Nun ja, dann ist das vielleicht diese Ambivalenz, diese Hin- und Hergerissenheit zwischen den Polen. Wer will es ihm verdenken?“

Vom Helden zur Projektionsfläche für Wut und Hass

2013 wird aus echter Liebe echter Hass. Mario Götze wechselt von Dortmund zum reichen Rivalen Bayern München. Der 21-Jährige wird zur  Projektionsfläche – für die Wut über die vermutlich letzte verlorene Schlacht des Fußballs gegen den Kommerz.  Mario Götze: "Da ist man dann zu Hause, die Sicherheitskräfte vor der Tür. Dann gab es eine Situation im Stadion, in der ich mich zu meinem Auto habe begleiten lassen, weil ich nicht wusste, was vielleicht passieren würde. Im Nachhinein kann ich das ein bisschen belächeln, aber in dieser Situation damals definitiv nicht."

Mit 26 eine "lebende Legende" und im Museum

Es gehört zu den ergreifendsten und zugleich befremdlichsten Momenten des Films, wenn Mario Götze zusammen mit seiner Frau das deutsche Fußballmuseum besucht. Während seine Schulfreunde eben erst ihr Lego und Playmobil in den Keller geräumt haben, ist Mario Götze mit 26 Jahren bereits, wie es so schön heißt, eine "lebende Legende".

Als Mario Götze ist er angetreten und als Held im Museum gelandet. Für die Öffentlichkeit gibt es keine Steigerung, seine Biografie scheint bereits verfasst, der Schlusspunkt mit einem einzigen Tor gesetzt – Being Mario Götze.

Autorin: Anett Friedrich

Filmtipp
"Being Mario Götze"
R: Aljoscha Pause
Kinostart: 18. Oktober 2018

Stand: 12.10.2018 16:50 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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