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Kunst aus dem Baumarkt

Der Künstler Ai Weiwei und sein neuestes Projekt

PlayDer Künstler Ai Weiwei steht vor aufgehängten Rettungsjacken.
Ai Weiwei: Kunst im Baumarkt | Video verfügbar bis 16.02.2021 | Bild: Christoph Soeder/dpa

Ein Künstler und ein Baumarkt. Der chinesische Künstler Ai Weiwei und die Baumarkt-Kette Hornbach. Einer, der gerade kürzlich gegen Berlin und die Deutschen wetterte, und eine deutsche Heimwerker-Kette. Zwei, die nun zusammenarbeiten. Wie passt das? Trifft da Kunst auf Kommerz? Auf jeden Fall gibt es jetzt bei Hornbach einen echten Ai Weiwei zum Selberbauen. Selbstkostenpreis: 150 €. Dafür erhält man Wandhaken und knallorangene Sicherheitswesten. Das soll dann Kunst sein? Ja, wenn man die Reißverschlüsse der Westen so miteinander verbindet, wie sich der Künstler das ausgedacht hat. Ein so genanntes Readymade, also Kunst aus Alltagsobjekten. Aber in Zusammenarbeit mit einer Baumarkt-Kette?

Ai Weiwei neuestes Projekt: Kunst oder Werbung?

"Art belongs to everybody", sagt Ai Weiwei. Kunst gehört uns allen. Und die kann so einfach sein: Stahlrohre aus dem Baumarkt, Kabelbinder, Sicherheitsjacken, mehr braucht's nicht. Nennt sich dann aber: "Safety Jackets Zipped the Other Way" – "Sicherheitsjacken mal anders zugezippt". Ähm, und sonst?

"Je einfacher es aussieht, desto komplizierter und schwieriger ist es zu erklären", so Ai Weiwei. Na ja, eigentlich ist es ganz einfach zu erklären: Ai Weiwei hat für einen großen deutschen Baumarkt Werbung gemacht! "Wir führen ja jetzt in dem Sinne, finde ich, nichts im Schilde, wo man ihn plump kommerzialisiert, indem man sein Kunstwerk für billige Werbezwecke benutzt", erklärt Karsten Kühn, Marketingvorstand Hornbach. "Sondern die Idee war ja, ein Kunstwerk vom ihm unseren Kunden zur Verfügung zu stellen und es nachzubauen." Wir fragen nach: "Aber, es ist ja Werbung für Ihren Baumark?!" Kühn: "Ja."

Und wir fragen den Künstler selbst: "Firmenwerbung oder Kunst?" Ai Weiwei: "Also, wenn sie die Farben meines Werks ansehen, ist doch klar, worum es geht. Und daran ist ja nichts auszusetzen: Das erinnert an Rettungswesten für Flüchtlinge. An die alltäglichen Tragödien und Gefahren unseres Lebens. Es gibt für mich keine Beschränkung, für oder mit wem ich arbeite. Ich arbeite mit Ideen, und die haben keine Grenzen."

Von großen Würfen zu Beleidigungen 

Und die waren oft ein großer Wurf: Ai Weiwei hängte uns die Bootsflüchtlinge als das bestimmende Thema unserer Zeit über die Köpfe. Er wickelte dem vornehmen Berliner Konzerthaus gebrauchte Rettungswesten um die heiligen Säulen. Man sollte ihn ernst nehmen, aber auf seine Spielernatur vorbereitet sein. Ein Blick auf sein altes Gangnam-Style-Video verrät, wie Ai Weiwei tickt: subversiv, provokativ, plakativ. Einer, der sich nix und niemandem unterordnet. Eigentlich.

In China wurde er wegen Regimekritik verfolgt und inhaftiert. 2015 ließ man ihn nach Berlin ausreisen. Die Universität der Künste hieß ihn dort mit einer Gastprofessur willkommen. Aber was ist dann passiert? Ai WeiWei polterte über die Deutschen: Wir hätten nichts aus unserer Vergangenheit gelernt, es gäbe hier keine wirkliche Meinungsfreiheit.

"Deutschland ist intolerant, bigott und autoritär", haute er raus. Und erst diese Woche: "Berlin ist die hässlichste und langweiligste Stadt, die es gibt." Au Weiwei, Alter!

Ai Weiwei: "Ich bin halt 'ne Nervensäge"

Auf einer Pressekonferenz sagt Ai Weiwei: "Was ich über Deutschland gesagt habe, hat viele Reaktionen ausgelöst. Oft höre ich jetzt: Dann hau' doch ab aus Berlin und geh' nach China zurück. Das beginnt, mir langsam zu gefallen, da habe ich offenbar einen Nerv getroffen. Ich habe so viele Probleme in meinem Leben verursacht. Ich bin halt 'ne Nervensäge, einfach kein guter Mensch. Dafür lande ich bestimmt mal in der Hölle."

Aber warum, um Himmels Willen, um wieder aufs eigentliche Thema zurückzukommen, soll man sich denn dann für seine deutsche Baumarkt-Kunst interessieren? Wir haben bei Hornbach in Berlin-Weißensee Kunden gesucht, die den Ai Weiwei mit uns aufbauen: nichts. Wir haben es in der Lüneburger Filiale versucht: Auch da wollte niemand. "Keine Zeit!", hieß es. Na ja, Baumarkt halt, die Leute haben zu tun!

"Jede Kunst ist ein Versuch. Die Leute mögen es oder sie halten es für totalen Mist", sagt Ai Weiwei. "Die Deutung ist jedem selbst überlassen."

(Beitrag: Ralf Dörwang)

Stand: 16.02.2020 18:54 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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