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Das Ende der Menschheit?

Ein Buch über Artensterben und Bevölkerungswachstum

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Das Ende der Menschheit? – Ein Buch über Artensterben | Video verfügbar bis 12.01.2021 | Bild: ARD

Umweltverbände schätzen, dass mehr als eine Milliarde Tiere Opfer der Buschbrände in Australien geworden sind. Eine ökologische Tragödie. Eine Ursache: der Klimawandel. Schuld daran: wir Menschen. Schwarzmalerei? Die Ausrottung unserer Tierwelt ist auch ohne Feuer die eigentliche Katastrophe unserer Zeit. Die großen Säugetiere – in nur 30 Jahren sind sie vielleicht nur noch im Zoo zu bewundern oder ausgestopft in Naturkundemuseen.

"Das ist noch nicht wirklich in den Köpfen der Menschen angekommen, dass wir neben dem Klimawandel auch noch mit dem Verschwinden der Artenvielfalt ein erhebliches Problem haben", sagt Matthias Glaubrecht, Direktor vom Centrum für Naturkunde Hamburg. "Der Welt-Biodiversitätsrat warnt davor, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, in kürzester Zeit, bis zu einer Million Arten verlieren könnten."

Das Ausmaß ist kaum zu glauben, aber in seinem 1.000-seitigen Buch "Das Ende der Evolution" zeigt Glaubrecht, wie es dazu gekommen ist. Er erforscht die Artenvielfalt unserer Welt. Und wie der Homo sapiens, die "Krone der Schöpfung", mit seiner Erfolgsgeschichte ein Desaster anrichtet. Wir seien von unseren biologischen Wurzeln her typische Plünderer, so Glaubrecht. "Wir sind sehr erfolgreich dadurch geworden, immer weiterzuziehen, die Ressourcen an einem Ort auszunutzen, und dann einfach die nächsten aufzutun. Das ist unsere Mentalität, das treibt uns immer weiter zu neuen Kontinenten. Jetzt vielleicht sogar aus der Erde heraus. Nur: Da hinten ist nichts mehr."

BUCHTIPP
Das Ende der Evolution – Der Mensch und die Vernichtung der Arten
von Matthias Glaubrecht
Genre: Sachbuch
Verlag: C. Bertelsmann
Bestellnummer: 978-3-570-10241-1
Preis: 38,00 Euro

Tieren bleibt immer weniger Platz

Matthias Glaubrecht
Matthias Glaubrecht ist Professor für die Biodiversität der Tiere. | Bild: NDR

Wir leben, als gäbe es einen zweiten Planeten zum Benutzen, schreibt der Biologe. Und den Tieren lassen wir immer weniger Platz: Elf Milliarden Menschen werden wir Ende des Jahrhunderts sein. Mehr Wachstum, mehr Industrie, mehr Artensterben. "Die Menschen streben ja alle einen Lebensstandard an, wie wir ihn in den westlichen Industrienationen erreicht haben. Und diese Art von Konsum und Ressourcennachfrage bei erhöhter Weltbevölkerung werden wir nicht mehr kompensieren können mit natürlichen Mitteln. Da laufen wir in eine große Katastrophe."

Die indonesische Hauptstadt Jakarta zum Beispiel platzt aus allen Nähten. Durch den Anstieg des Meeresspiegels werden schon jetzt ganze Stadtteile überflutet. Der Plan der Regierung: die mehr als zehn Millionen Menschen auf die Insel Borneo umsiedeln. Zu Lasten des Regenwaldes, dem Lebensraum der letzten Orang-Utans. In den 50ern war dort noch alles grün. Heute ist mehr als die Hälfte gerodet.

"Wenn Sie für eine Stadt und die Urbanisierung einer Wirtschaftszone komplett den Regenwald verlieren, dann sehen Sie, dass fast 90 Prozent aller dort lebenden Organismen verschwinden. Und das können wir dann wieder auf Afrika übertragen, wo es auch noch große Naturräume gibt. Wenn die Bevölkerung dort so aufwächst, wie sich das bisher abzeichnet, und das wird sie in den nächsten Jahrzehnten, dann werden wir dort diese Naturräume, ähnlich wie in Asien, ebenfalls verlieren", prophezeit Glaubrecht.

Glaubrecht fordert neuen Verhaltenskodex

Schon heute kämpfen 24 Prozent aller Säugetiere weltweit ums Überleben. 41 Prozent der Amphibien, 29 Prozent der Reptilien, 23 Prozent der Fische sind bedroht. Und es geht unaufhaltsam weiter. Weltweit haben jahrzehntelanger Einsatz von Giften in der Landwirtschaft und schwindender Lebensraum zu einem beispiellosen Insektensterben geführt. Die Hälfte unserer Wildbienen sind nicht mehr da. Heinrich-Böll-Stiftung und BUND befürchten deshalb aktuell einen Ernterückgang bei manchem Obst und Gemüse von bis zu 90 Prozent.

"Vom morgens dem Kaffee, bis abends zum Wein und Bier hängen wir von der Natur und den Organismen ab. Wir müssen das verstehen, und wir müssen dann deswegen auch besser schützen", sagt Glaubrecht und fordert einen neuen Verhaltenskodex mit drastischen Maßnahmen.

1. Du sollst dich nicht massenhaft und exponentiell vermehren, sondern deine Geburtenrate den Lebensmöglichkeiten aller Organismen der Erde anpassen.
2. Du sollst die Natur achten und den Lebensraum von Tier- und Pflanzenarten nicht ohne Not einschränken oder gar zerstören.
3. Du sollst wenigstens ein Drittel bis zur Hälfte der terrestrischen Erdoberfläche unter Naturschutz stellen, Schutzgebiete und naturnahe Lebensräume wirkungsvoll vernetzen.
4. Du sollst nicht Bäume fällen und Wälder roden; sollst stattdessen Bäume pflanzen und Wälder aufforsten.
5. Du sollst nicht Landschaften und Gärten ausräumen, Böden versiegeln und Gifte ausbringen, sondern das Land nachhaltig nutzen und bewirtschaften.
6. Du sollst biotopreiche Kulturlandschaften erhalten statt Monokulturen zu schaffen; sollst naturnahe Lebensräume erhalten oder renaturieren.
7. Du sollst nicht Städte und Siedlungen ausufern lassen und Verkehrswege sowie Industrieflächen jeglicher Art mit Bedacht auf die Natur planen.
8. Du sollst nicht wildern, sondern jegliche Wilderei und den Schwarzmarkthandel mit Wilderei-Produkten international wirkungsvoll unterbinden; nicht rücksichtslos Fischerei betreiben, sondern gebotene Fangquoten beachten.
9. Du sollst der Natur und ihren Organismen, den Tier- und Pflanzenarten ebenso wie Landschaftselementen einklagbare legale Rechte verleihen und die Umwelt so juristisch schützen.
10. Du sollst die biologische Vielfalt in all ihren Facetten erforschen.

"Die Natur braucht uns nicht, aber wir die Natur" war früher ein Öko-Spruch. Dieses Buch ist ein Appell: Natur und Tiere brauchen  unser Handeln. Jetzt! Sonst erwischt es am Ende auch uns.

(Beitrag: Ralf Dörwang)

Stand: 13.01.2020 10:27 Uhr

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