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Das vergessene Massaker

Wie Kemal Atatürk Aleviten ermorden ließ

PlayBeitrag: Das vergessene Massaker - Wie Kemal Atatürk Aleviten ermorden ließ

Kemal Atatürk gilt als Schöpfer der modernen Republik Türkei: ein Nationalstaat, eine Sprache, eine Religion. Dass er dafür buchstäblich über Leichen ging, ist zwar bekannt – aber nicht, in welchem Ausmaß. Ein jetzt in der Türkei gefundenes Dokument beweist, wie brutal er gegen die Aleviten in Dersim, dem heutigen Tunceli, vorging. Er ließ Giftgas verwenden. Und das stammte mutmaßlich aus Deutschland. In der Türkei wurde der Archivfund wenig beachtet, doch in Tunceli selbst will man jetzt über das Tabuthema nicht mehr schweigen.

Eine Höhle voller Knochen

Eine verborgene Höhle – voller menschlicher Knochen. Überwiegend Frauen und Kinder. Die Höhle liegt bei Tunceli, wie die Türkei heute das frühere Dersim nennt. Eine Region, in der 1937 und 1938 zahlreiche Massaker stattfanden. "Nach Erzählungen meines Vaters haben sich hier zwischen 500 und 1.000 Menschen versteckt", sagt Hidir Cicek. Dersimer Aleviten, die hier Schutz gesucht hatten und dann auf schreckliche Weise mit Giftgas ermordet wurden. Menschen wurden zum Fluss getrieben und etwas später umgebracht.

Yasar Kaya
Der Sozialpädagoge Yasar Kaya hat das Oral History Projekt "Dersim 1937/38" mitbegründet. | Bild: NDR

Auch Yasar Kayas Großeltern wurden massakriert. "Der größte Teil ist nicht erschossen worden, sondern mit Bajonetten getötet worden, weil denen die Kugeln zu teuer waren", erzählt er. "Und die sind von hier ins Wasser, in die Munzur, alle. Nach Erzählungen hat der Fluss Munzur monatelang Menschenleichen getragen." Mit anderen zusammen hat der Bochumer Sozialpädagoge Yasar Kaya das Oral History Projekt "Dersim 1937/38" gegründet. Sie wollen das Tabu über das Massaker brechen – und dafür eine Stiftung gründen.

Schätzungen gehen von über 50.000 Toten aus

Offiziell wurden damals 13.000 Dersimer vom türkischen Militär umgebracht, Schätzungen gehen von über 50.000 Ermordeten aus. Damit wollte der türkische Staat den Aleviten eine schreckliche Lektion erteilen – sie sollten zur Assimilation gezwungen werden. Staatschef war damals Kemal Atatürk. Er wurde nie mit diesem Völkermord in Verbindung gebracht. Er galt – und gilt – vielen als Lichtgestalt, die nicht beschmutzt werden darf, ein Säulenheiliger. "Dersim ist unsere Blackbox, weil in Dersim die Geschichte der Türkei mit drinsteckt", sagt die aus Dersim stammende Pädagogin Deniz Karakas, die in Hamburg lebt. "Und damit wollen sich die Kemalisten nicht auseinandersetzen."

Giftgas aus Nazi-Deutschland

Im türkischen Staatsarchiv wurde jetzt ein brisantes Papier von 1937 entdeckt: Eine Bestellung über 20 Tonnen Giftgas in Nazideutschland, abgewickelt über die türkische Botschaft in Berlin – kurz nachdem der zuständige General für Dersim Giftgas angefordert hatte. Unterschrieben von Atatürk. "Mustafa Kemal war in der Türkei die einzige Autorität, er war derjenige, der den Staat führt", sagt der Historiker Mahmut Akyürekli. "In der Türkei passierte damals nichts, was er nicht wollte. Es war keine Demokratie. In diesem Fall gab es zwar ein Kabinettbeschluss, aber Atatürk hatte immer das letzte Wort."

Atatürk nannte Dersim ein "eitriges Geschwür"

Historische Aufnahme aus Dersim.
Offiziell wurden 13.000 Dersimer vom türkischen Militär umgebracht, Schätzungen gehen von über 50.000 Ermordeten aus. | Bild: NDR

Kemal Atatürk wird bis heute kultisch verehrt. Er wollte die Türkei zu einem modernen Nationalstaat formen – und arbeitete dafür auch mit dem Hitler-Regime zusammen. Die Deutschen hatten Giftgas, und das brauchte er. Er wollte einen Staat, einen Führer, eine Sprache und eine Religion: den sunnitischen Islam. Die Dersimer sprachen nicht türkisch und waren nicht sunnitisch. Sie passten nicht. Atatürk befürchtete Widerstand gegen den jungen Staat und ließ die Armee gegen sie rücksichtslos vorgehen. Atatürk nannte Dersim ein "eitriges Geschwür".

Verfolgung bis hin zum Genozid

"Man bringt Zivilisation – aber begeht dabei ein Massaker", sagt Historiker Mahmut Akyürekli. "Zivilisation soll man eigentlich nicht durch ein Massaker irgendwohin bringen, sondern indem man Menschen überzeugt. Atatürks moderne Seite, sein Einfallsreichtum – und dass er eine moderne Republik geschaffen hat – kann man nicht leugnen. Dabei sollte man aber nicht verharmlosen, dass die Kurden und Aleviten verfolgt wurden, mit Massakern bis hin zu einem Genozid."

Gegen das Vergessen

Die Türkei kümmert das bisher wenig, und das Wissen darum droht zu verschwinden. Deshalb geht Yasar Kaya zu den letzten Zeitzeugen, sogar ehemalige türkische Soldaten sagen in seinem Oral History Projekt aus. Täter wie Angehörige der Opfer berichten vom Schmerz einer totgeschwiegenen Zeit. Video-Dokumente sollen über die Stiftung, die sie gründen wollen, veröffentlicht werden.

"Die Zeitzeugen haben ja erzählt, was da passiert ist", sagt er. "Und wir wollen zugänglich machen, was hier passiert ist und dass dieses Schweigen endlich mal bricht."

Damit endlich über Atatürks Rolle beim Völkermord gesprochen wird – und über das Giftgas, dass Atatürk in Deutschland bestellte. Was auch Fragen an die Bundesrepublik Deutschland stellt. Sie ist Hitler-Deutschlands Rechtsnachfolger.

(Beitrag: Thorsten Mack, Karaman Yavuz)

Anmerkungen der Redaktion vom 3. Dezember 2019

Aufgrund der zahlreichen Reaktionen auf unseren Beitrag möchten wir an dieser Stelle Folgendes anmerken.

  • Wir haben Kemal Atatürk nicht mit Adolf Hitler verglichen oder gleichgesetzt.

Fakt ist, im Türkischen Staatsarchiv liegt ein Dokument, dass vom 7. August 1937 datiert ist. Es trägt die Unterschrift von Atatürk und ist ein Auftrag für eine Bestellung von Giftgas und einer automatischen Befüllungsanlage im damaligen Deutschland. Die deutsche Übersetzung des Dokumentes hat ein vereidigtes Übersetzungsbüro erstellt.

  • Dass dieses Giftgas auch zum Einsatz gekommen ist, wurde bereits 1937 von Zeitzeugen beschrieben. Ein weiteres Indiz dafür ist eine Tonaufnahme des ehemaligen Außenministers Ihsan Sabri Caglayangil, in der er den Einsatz bestätigt.

Die deutsche Übersetzung lautet: "Sie hatten in Höhlen Zuflucht gefunden. Die Armee hat Giftgas benutzt – durch Eingänge der Höhlen. Sie wurden vergiftet wie die Ratten. Sieben- bis siebzigjährige Dersimer-Kurden wurden geschlachtet. Es war eine blutige Operation."

Dies ist unter anderem zu hören bei Youtube (Minute 4:29 – 4:46).

  • Die Berichterstattung in dem Beitrag bezieht sich – wie aus den Bildern ersichtlich – allein auf das Gebiet in Dersim. Die Bewohner von Dersim waren Aleviten.
  • Die Redaktion verwahrt sich gegen den Vorwurf der einseitigen Berichterstattung. Kemal Atatürk wird als Begründer der modernen Republik Türkei dargestellt, ebenso wie seine Verbindung zu den Geschehnissen in Dersim.

Stand: 04.12.2019 00:43 Uhr

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