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100 Jahre Bauhaus – Was ist von der Idee geblieben?

PlayBauhaus-Gebäude in Dessau 1930.
100 Jahre Bauhaus – Was ist von der Idee geblieben?  | Video verfügbar bis 13.01.2020 | Bild: picture-alliance

100 Jahre Bauhaus. Daran kommt im Jahr 2019 niemand vorbei – auch "ttt" nicht. Doch statt sich durch die vielen Publikationen zum Jubiläum zu wühlen und die zahlreichen Ausstellungen zu besuchen, stellt "ttt" die Frage: Was hat eigentlich überdauert? Was ist aus der Vision des Bauhauses geworden, dem Anspruch auf Universalismus, der Verbindung aller Künste zum Wohle der Menschen? Antworten geben der Architekt Philipp Oswalt – selbst mal Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau – und die Architektin Barbara Brakenhoff, die für die kommende BUGA in Heilbronn den Bauhaus-Gedanken weiter denkt und auch umsetzt.

Bauhaus begeistert noch heute viele

Das stilistische Erfolgs- und Exportprojekt "Bauhaus" aus Deutschland begeistert bis heute: Seine Idee von einer schlichten Gestaltung, die Kunst und Technik vereint. Seine kühne Architektur, die die moderne Gesellschaft und den neuen Menschen formt – so jedenfalls wollte es Gründer Walter Gropius. All das wird jetzt in Filmen wiederbelebt und in gleich drei neuen Museen gefeiert. Doch was ist eigentlich aus dieser bestechenden Einheit aus Form und Funktion geworden?

"Das Bauhaus war als historisches Projekt schon innovativ und spannend, und es ist für mich ein Faszinosum", sagt Philipp Oswalt. "Das Problem ist, dass das, was wir heute feiern, der Bauhausmythos ist, die Marke Bauhaus ist einfach nicht mehr produktiv." Barbara Brakenhoff sieht das anders: "Es ist so, dass das Bauhaus auch heute noch sehr viel Kraft hat, also die Interdisziplinarität, das Offene, der Mut, die Konsequenz."

Architekt Oswalt hält Bauhaus heute für gescheitert

Das Bauhaus ist seiner Zeit verhaftet und eigentlich tot. So bewertet Philipp Oswalt die Bauhaus-Ideen nach kritischer Durchsicht. Die Bauhäusler, sagt er, konnten nicht wirklich die Gesellschaft prägen, sie verloren sich in Krisen und Widersprüchen. Ihr Anspruch, eine universale Designlösung für alle zu bieten sei eher vermessen. Und der radikale Glaube an die Moderne ist spätestens im Zeitalter von Fortschrittsskepsis fragwürdig geworden.  

"Das Spannende am Bauhaus war ja schon, dass es seiner Zeit voraus war, dass es gesucht hat nach neuen Lösungen mit den Möglichkeiten der Zeit und mit den Ideen der Zeit", sagt er. "Das ist aber nicht mehr, worum es heute geht. Wir haben heute eine Gesellschaft, die sehr individualisiert ist, in der Gestaltung hoch im Kurs ist. Gestaltung ist sozusagen fetischisiert und hat eigentlich sein kritisches Potential verloren."

Architektin Brakenhoff Bauhaus gestaltet Bauhaus-Stadtteil

Während Oswalt jegliche Wiederbelebung des Bauhauses für gescheitert erklärt, denkt man in Heilbronn in dessen Geiste weiter. Die Stadt erfindet sich grad neu, lässt am Neckarbogen für 3.500 Menschen bauen. Einen Modell-Stadtteil, der dieses Jahr Teil der Bundesgartenschau ist. Barbara Brakenhoff steuert das Projekt, versteht Architektur – wie die Bauhäusler – als Gesamtkunstwerk. Auch hier: Nutzungsmischung, beste Architektur, modernste Materialien und neueste Technik. "Für unsere städtebauliche Entwicklung, für unsere architektonische Entwicklung und nicht zuletzt für unsere gesellschaftspolitische Debatte zum Thema fehlender oder schlechter Wohnungsbau: Dazu hat das Bauhaus ja viele Dinge gezeigt", ist Brakenhoff überzeugt.

Die Bauhäusler haben in der Weimarer Republik verschiedene Lösungsvorschläge gegen die eklatante Wohnungsnot gemacht: Walter Gropius' futuristische Arbeiter-Siedlung in Dessau-Törten etwa. Sie war leider der Stadt zu teuer und hatte Baumängel. Der lang vergessene und jetzt wiederentdeckte Nachfolger Hannes Meyer konterte mit weniger modernistischen Laubenganghäusern. Volksbedarf statt Luxusbedarf: Das kam eher an.     

"Die Frage mit dem Wohnungsbau im Kontext der Bauhausideen spiegelt eigentlich sehr gut das Problem der Bauhausreflexion und des Bauhaus-Jubiläums", kritisiert Oswalt. "Wir haben gerne den Ruf nach dem Künstler, wenn Gesellschaft nicht mehr weiter weiß, aber das ist nicht die Antwort auf die Probleme. Den Wohnungsbau heute werden wir auch nur lösen, wenn wir die politischen Hausaufgaben machen."

Der Bauhaus-Gedanke: keine Stilkopie, sondern eine Haltung

Und genau das hat Heilbronn zusammen mit dem BuGa-Team gemacht. Man hat Geld und viel Leidenschaft investiert, um in Zeiten von Immobilienspekulation für alle zu bauen. Der Bauhaus-Gedanke: keine Stilkopie, sondern eine Haltung. Hier gibt es Volks- UND Luxusbedarf, gibt es betreutes Wohnen einer evangelischen Stiftung neben einem autarken Energie-Mietshaus und dem Holzschindelhaus mit exklusiven Kaufwohnungen. Formelle und soziale Vielfalt – beides ist von Anfang an gewollt und gezielt gesteuert. Grundstücke wurden nicht einfach an den Höchstbietenden verkauft, sondern an den mit dem besten Konzept.

"Also neue Regeln aufstellen, so Barbara Brakenhoff. "Und da treffen wir auch wieder den Bauhausgedanken, weil wir den Mut hatten, Dinge auszuprobieren. Man kann ja manchmal auch schief liegen zu sagen, es gibt eigentlich so viele Erkenntnisse, aber man muss einige Dinge auch wirklich koordinieren und vorschreiben, wie: Wir wollen keine Penthäuser, wir wollen, dass jeder aufs Dach kann. Das, was wir versucht haben: Alle leben mit allen zusammen, alle machen alles gemeinsam."

Und zwar während, nach und vor der BuGa. Mitten auf der Baustelle leben schon Menschen, wie zum Beispiel in dem Haus eines traditionellen Heilbronner Wohnungsbauunternehmens. Der Mensch, so einer der alten Bauhausmeister, sei das Maß aller Dinge. Dem folgt man hier aufs Vorbildlichste. Das Heilbronner Stadtplanungs-Konzept ist gelebtes Bauhaus. Das beste Geschenk zum Jubiläum. 

(Beitrag: Sylvie Kürsten)

Stand: 12.09.2019 09:29 Uhr

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