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Alles neu - oder einfach weiter so? – Die Zukunft der Berlinale

Dieter Kosslick vor einem Plakat der Berlinale 2018.
Seine Amtszeit nähert sich dem Ende. Dieter Kosslick hat am 15. Februar zum letzten Mal die Berlinale 2018 eröffnet. | Bild: dpa bildfunk - Britta Pedersen

Alle Jahre wieder – und das seit mittlerweile sechzehn Jahren: Der Direktor der Berlinale, Dieter Kosslick, empfängt auf dem Roten Teppich zu den Internationalen Filmfestspielen. Doch seine Amtszeit nähert sich dem Ende, und im Zuge der Regelung seiner Nachfolge ist eine Diskussion um das Festival entstanden.

Wie soll das Profil der Berlinale künftig aussehen: so breit gefächert wie bisher oder inhaltlich stärker fokussiert? Soll das Festival von einem Direktor beziehungsweise einer Direktorin oder aber von einer Doppelspitze geleitet werden? Und welche Rolle soll der deutsche Film auf der Berlinale spielen? "ttt" fragt nach bei Dieter Kosslick, der Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, und bei Filmschaffenden.

Dieter Kosslick: "Eigentlich bin ich schon weg"

Dieter Kosslick, Berlinale Direktor.
Noch leitet Dieter Kosslick die Berlinale. Doch wer wird sein Nachfolger? | Bild: NDR

Dieter Kosslicks Job ist es, gute Laune zu verbreiten. Und dafür zu sorgen, dass der Rote Teppich prominent besetzt ist. Auch davon hängt der Erfolg des Festivals ab. Es ist die Kür eines jeden Direktors: Schaulaufen auf dem Roten Teppich. Dieter Kosslick kann das – auf seine ganz eigene Art. Doch 2019 zum letzten Mal. "Eigentlich bin ich schon weg", sagt er. "Ich hab' so mehr das Gefühl, ich bin mein eigener Nachfolger jetzt schon in diesem Jahr."

Ist der Berlinale-Wettbewerb zu schwach?

Längst wird nicht nur über die Nachfolge spekuliert. Plötzlich stand Kosslick selbst in der Kritik und das Festival als solches. Namhafte deutsche Filmemacher vermissen ein klares Profil, die Berlinale zerfasere, der Wettbewerb sei schon lange zu schwach. Weiter so? Bitte nicht!

"Es gibt immer so ein paar Filme jedes Jahr, auf die sich wirklich alle einigen können, von denen dann die ganze Welt spricht", sagt Sven Brüggemann. "Das ist dann 'Das weiße Band' oder 'Toni Erdmann' oder 'Square'. Und diese Filme kommen alle aus Cannes. Es wäre halt mal ganz schön, wenn Berlin da auch wieder aufschließen würde."

Monika Grütters: "Die Berlinale ist das größte Publikumsfestival der Welt"

Monika Grütters, Staatsministerin Kultur und Medien.
Monika Grütters: Die Politik werde die Berlinale auf jeden Fall verteidigen. Sie habe ein Alleinstellungsmerkmal. | Bild: NDR

Zwar ist es an der Spree immer kalt und das Mittelmeer fehlt auch – aber die Politik, als Träger, gibt die Berlinale nicht verloren. Dies ist und bleibt ein A­-Festival! "Der European Film Market ist neben Cannes der größte Rechte- und Filmemarkt der Welt", so Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien. "Außerdem hat das Filmfestival Berlinale ein Alleinstellungsmerkmal, das wir um jeden Preis verteidigen: Es ist das größte Publikumsfestival der Welt."

Tom Tywker: "Und wenn man sich klar macht, dass eine halbe Millionen Leute sich die verrücktesten Filme angucken, auf die sie im Traum nicht kämen, im Rest des Jahres. Dafür sich ein Ticket besorgen, dafür Schlange stehen – dann ist das für mich eine Leistung, die kein anderes Festival auf der Welt in dieser Dimension zu bieten hat."

Da fehlt ein roter Faden, heißt es

In der Tat ist das Festival enorm vielfältig, ja überbordend: Trickfilme, Kinderfilme, Kurzfilme, Kulinarisches Kino, Dokumentarfilme, Serien, Experimente, nicht zu vergessen die Retrospektive. An die vierhundert Filme – eigentlich eine Totalüberforderung. Und in der Masse irgendwie auch beliebig. Da fehlt ein roter Faden, heißt es. "Was ich selbst kritisieren würde – und was ich auch hier jetzt sage – ist eine gewisse fehlende kuratorische Strenge in manchen Sektionen", so Christian Petzold.

Dieter Kosslick: "Die Filme sind, wie ich finde, wirklich sehr schön und gut, um es schlicht zu sagen. Und das ist vielleicht das Gegenteil von einem roten Faden, sie sind sehr unterschiedlich, sie sind sehr komplex."

Christian Petzold: "Wenn ich von Strenge spreche, meine ich jetzt nicht Entschlackung oder so. Sondern ich meine damit, dass man immer wieder, jedes Jahr seine kuratorische Kraft auf das Programm anwenden sollte."

Der oder die Neue soll es richten

Der oder die Neue soll es nun richten. Doch Konzentration in der Programmgestaltung oder Vielfalt – das ist erst der zweite Schritt. Vorher braucht es vor allem – eigentlich alles. "Natürlich muss man Dompteur sein, natürlich muss man Grüßotto, Frühstücksdirektor sein, natürlich muss man extrem gute Verbindungen haben zur Filmwelt weltweit, weil der Rest findet ja im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln statt, nämlich im Kino, auf vielen Reisen, bei vielen Gesprächen, mit vielen Leuten", so Kosslick.

Tendenz zur Doppelspitze

Sven Brüggemann, Filmemacher.
Filmemacher Sven Brüggemann sieht die Berlinale deutlich schwächer als Cannes. | Bild: NDR

Soweit die Empfehlung vom scheidenden Direktor. Sehr viel mehr ist derzeit nicht klar: Ob künftig nur eine Person das Festival leiten soll? Mann oder Frau? Deutsch oder international? Wer die Staatsministerin berät? Die Beteiligten hüllen sich in Schweigen. "Deswegen nenne ich jetzt hier keine Namen", so Sven Brüggemann. "Aber es gibt die generelle Tendenz, eine Doppelspitze einzusetzen, was, glaube ich, alle ganz gut finden, nur muss man die erst mal finden. Zwei gute Leute, die zueinander passen zu finden, ist ungefähr vier Mal so schwierig."

Monika Grütters: "Interessant ist, dass fast alle großen Filmfestivals mit mindestens zwei Personen an der Spitze arbeiten und Dieter Kosslick sehr viel – einerseits das Geld einwerben, andererseits die künstlerische Ausgestaltung, die Filmauswahl und drittens das kommunikative Element hin in die Politik, zu den Sponsoren, im Umgang mit den Künstlern alles alleine erledigt hat. Und ich kann mir schon vorstellen, dass wir das auf mehrere Schultern verteilen. Aber es hängt ein bisschen davon ab, wen wir finden."

Wirklicher Aufbruch? Sieht anders aus! Im Sommer soll ein Vorschlag auf dem Tisch liegen. Höchste Zeit! Und hey: Hier geht es um einen der schönsten Jobs, der in Deutschland zu bekommen ist. Und sei es auch im kalten Berlin.  

(Beitrag: Sylvie Kürsten)

Stand: 18.02.2018 19:25 Uhr

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