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Berlinale 2020

Goldener Bär für "Es gibt nichts Böses"

Eine junge Frau hälten den Goldenen Bären in den Händen.
Baran Rasoulof nimmt für ihren Vater, den Regisseur Mohammad Rasoulof, den Goldenen Bären für den besten Film entgegen. | Bild: Jörg Carstensen/Pool/dpa

Glanzvolles Finale der 70. Berlinale – doch einer fehlte. Anstelle des Gewinners geht seine Tochter über den Roten Teppich. "Ein Film, der Fragen stellt über Entscheidungen, die wir irgendwann alle im Leben einmal treffen müssen. Der Goldene Bär für den besten Film geht an Mohammad Rasoulof und 'Es gibt nichts Böses'!", verkündete der Vorsitzende der diesjährigen Berlinale-Jury, Jeremy Irons am 29. Februar.

Der iranische Regisseur hat Ausreiseverbot – weil seine Filme zu kritisch sind. "Es gibt nichts Böses" hat er heimlich gedreht – ohne Selbstzensur. Den Preis nahm Rasoulofs Tochter, Baran Rasoulof, entgegen: "Das einzige was ich sagen kann, dass ich gleichzeitig sehr glücklich und sehr traurig bin, dass er nicht da sein kann. Ich wünschte einfach, dass er derjenige sein könnte, der diesen Bären jetzt in der Hand hält."

"Aber er sieht uns über das Internet, den Livestream der Berlinale. So oder so: Er ist immer mit uns", so Kaveh Farnam, einer der Produzenten des Films. 

Persönliche Moral in einem unmoralischen Regime

Ein Ehepaar, Alltag in Teheran. Es gibt nichts Böses, verspricht der Titel, aber dann zeigt der Film: Dem Bösen kann im Iran der Gegenwart niemand entgehen. Ein Land mit Todesstrafe. Der liebevolle Familienvater wird im Morgengrauen zum Henker. Militärdienstleistende müssen bei Hinrichtungen helfen – wer sich widersetzt, ist selbst massiv bedroht. Was also tun?

Der verstörende Film fragt nach persönlicher Moral in einem unmoralischen Regime. "Dies ist kein Film nur über Iran – das ist uns sehr wichtig", sagt Farzad Pak, Produzent. "Es geht um Situationen, in den denen man existenzielle Entscheidungen treffen muss. Und das kann überall in der Welt passieren."

Über die Macht, nein zu sagen

Im Film heißt es: "Deine Macht liegt darin, nein zu sagen." Und: "Wenn wir nein sagen, werden sie unsere Leben zerstören." "Ich habe mich oft gefragt: Wie kann jemand in einem autoritären System 'Nein' sagen? Obwohl das Leben für diese Person dann viel schwieriger würde – liegt nicht eine Schönheit darin, nein zu sagen?", sagt Mohammad Rasoulof im Interview übers Internet. 

In vier Episoden umkreist der Film das moralische Dilemma, die Schuld, die alles vergiftet – Liebesbeziehungen, Familie, Gesellschaft. Vier Variationen über die Todesstrafe. Vier Möglichkeiten, sich zu einem unmoralischen System zu verhalten: als Befehlsempfänger, Mitläufer – oder als Individuum, das sich dagegenstellt. 

"Es gibt Zensur und ideologische Beschränkungen. Deshalb ist Freiheit für mich die Möglichkeit zur Selbstbestimmung", so der Regisseur. Der Preis, den Rasoulof selbst dafür zahlt, ist hoch. Er hat seine Tochter Baran in das sichere Hamburg geschickt. Sie spielt selbst im Film mit, eine junge Frau, die ihren Vater für diesen radikalen Weg anklagt: politisch zu sein im Iran und dafür das Glück der Familie zu riskieren. 

(Beitrag: Andreas Lueg / Edith Beßling)

Stand: 02.03.2020 12:12 Uhr

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