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Von Hollywood nach Bollywood – Die #MeToo-Debatte in Indien

PlayAbfotografierter Bildschirm, auf dem #metoo steht.
Von Hollywood nach Bollywood – Die #MeToo-Debatte in Indien | Video verfügbar bis 28.10.2019 | Bild: NDR

Es ist gut ein Jahr her, dass die #MeToo-Debatte in Hollywood begann – jetzt hat sie auch Indien erreicht. Die Vorwürfe der Bollywood-Schauspielerin Tanushree Dutta haben eine breite Diskussion ausgelöst: weitere Frauen aus Filmgeschäft und Medien haben sich ihr angeschlossen und Männer wegen sexueller Belästigung angeklagt. Inzwischen ist ein Minister zurückgetreten, erste Regisseure wurden sanktioniert. Dabei hatte Dutta bereits vor zehn Jahren über sexuelle Übergriffe berichtet, aber damals wollte das noch niemand hören. Indien ist ein patriarchales Land, Frauen werden benachteiligt, es gibt viele Vergewaltigungen. Wird die Debatte die Situation insgesamt verbessern – auch jenseits der Metropolen? "ttt" spricht mit Frauen in Indien über #MeToo und die damit verbundenen Hoffnungen.

Jetzt sprechen die Frauen Indiens über sexuelle Belästigung

Viele Frauen haben lange geschwiegen – jetzt sprechen sie. "Du stehst in einem vollem Bus und die Männer drücken ihren Schwanz gegen dich – für ein indisches Mädchen ist das fast ein Initiationsritus", sagt Bloggerin Dolly Singh. "Damals an der Uni wurde ich bei einer Veranstaltung begrabscht. Ich habe den Mann sofort der Polizei gemeldet. Die Leiterin der Veranstaltung machte mir Vorwürfe: Ich hätte das nicht tun sollen, ich hätte Schande über die Uni gebracht", erzählt Regisseurin Shonali Bose.

In Mumbai, im Herzen der Bollywood-Industrie, begann die Debatte. Die Schauspielerin Tanushree Dutta beschuldigte einen Kollegen, sie bei Dreharbeiten sexuell belästigt zu haben. Die Geschichte wurde erst jetzt zum Skandal, obwohl sie schon vor zehn Jahren passierte. "Ich habe damals schon darüber gesprochen", sagt sie. "Aber das System hat den Männern suggeriert: Ihr kommt damit durch."

Bollywood – eine Branche in Aufruhr

Jetzt wird ihr zugehört. Die Branche ist in Aufruhr. Der Name eines Regisseurs wird aus dem Abspann seines neuen Films gestrichen, andere haben Jobs verloren. "Diese Bombe musste irgendwann hoch gehen", so Shonali Bose. Gemeinsam mit anderen Regisseurinnen und Produzentinnen fordert sie: Bollywood muss endlich ein sicherer Arbeitsplatz für Frauen werden. Der typische Bollywood-Film zeigt Frauen immer noch gerne als Lustobjekt, als dekoratives Anhängsel eines starken Mannes.

"Im indischen Mainstream-Film ist der Mann meistens der dominante Vater und Ehemann, der alles bestimmt", erklärt die Filmemacherin. "Wenn wir Männer so zeigen, ist das schlecht. Selbst wenn die Mehrheit der Männer bei uns so ist – es gibt auch fortschrittliche Männer. Wenn du was verändern willst, dann zeig diese Männer auf der Leinwand!"

Shonali Bose zeigt andere Männer – und andere Frauen. In "Margarita with a straw" verlieben sich zwei Frauen, eine von ihnen behindert, und haben Sex. Zeichen einer Veränderung in Indien, zu der auch #MeToo gehört.

#MeToo – Symptom eines indischen Kulturkampfes.

Längst geht es nicht mehr nur um Bollywood. In den Metropolen erobern immer mehr junge, gut ausgebildete Frauen die Büros und Redaktionsräume. Eine Entwicklung der letzten 20 bis 30 Jahre. Sie treffen oft auf mächtige Männer, die an ihrem patriarchalen Rollenbild festhalten. #MeToo ist Symptom eines indischen Kulturkampfes.

Wir treffen zwei Kämpferinnen: Dolly Singh ist Youtuberin und engagiert sich in der Body-Positivity-Bewegung. Vishnupriya Bhandaram ist Journalistin. "Jungen werden bei uns immer noch so erzogen: Akzeptiere nie ein 'Nein!' Sei aggressiv, dann bist du ein richtiger Mann", so Bhandaram. Und Dolly Singh: "Sich weiterzuentwickeln heißt für einen indischen Mann, auf Privilegien zu verzichten, die er für naturgegeben hält. Warum sollte er das tun?"

Frauen überall im Land feierten den Fall eines Ministers

Vergangene Woche musste ein Minister der konservativen BJP-Regierung zurücktreten. 20 Journalistinnen werfen dem ehemaligen Verleger sexuelle Belästigung vor. Frauen überall im Land feierten den Fall des Ministers. In Zentren wie Delhi und Mumbai wird diskutiert, wie es mit #MeToo weitergehen soll. Und auch junge Männer hören zu. Natürlich, sagen uns unsere Interviewpartnerinnen, ist Machotum auch in Indien eine Frage der Generation. Es gebe Familien in der Mittelschicht, die ihre Töchter und Söhne gleichberechtigter aufziehen, als in der Generation zuvor.

"Aber wenn du am Arbeitsplatz etwas anprangerst, ändert sich ja nicht gleich alles", sagt die Journalistin Vishnupriya Bhandaram. "Einer macht einen sexistischen Spruch und ich sage: 'Hey, das ist nicht cool. Lass das bitte!' Aber damit verschwindet der Sexismus ja nicht sofort und alle sagen begeistert: 'Wow, danke, dass du uns das gesagt hast!' Stattdessen wirst du im Kollegenkreis isoliert."

Die Journalistin Kalpana Sharma hat ihre Karriere in den 70ern begonnen und schon früh über sexuelle Belästigung geschrieben: "Wir haben seit 2013 ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Jedes größere Unternehmen muss Ansprechpartner haben für Betroffene. Aber niemand überprüft, ob die Unternehmen das tun. Und wir Journalistinnen sind mit schuld. Wir hätten darauf bestehen müssen, dass wenigstens in unseren Verlagen dieses Gesetz umgesetzt wird."

#MeToo – eine Debatte in der urbanen Mittelschicht

#MeToo ist, wie bei uns auch, eine Debatte in der urbanen Mittelschicht. Die Diskussion ist wichtig, darin sind sich viele einig. Aber manche fragen sich, wo bei die Frauen jenseits der großen, vergleichsweise liberalen Städte bleiben. "Was ist mit Arbeiterinnen? Was ist mit den Frauen im ganzen Land, die täglich sexuelle Angriffe erleben?", fragt Shonali Bose. "Was ist mit Vergewaltigung in der Ehe? Es gibt so viele schreckliche Geschichten in diesem Land."

Indien ist traditionell UND fortschrittlich. Und #MeToo ist nicht das erste Mal, dass Indiens Frauen sich gegen Unterdrückung wehren. Es ist ein langer Kampf, den eine neue Generation jetzt fort führt.

(Beitrag: Lennart Herberhold, Thorsten Mack, Iris Völlnagel)

Stand: 29.10.2018 09:57 Uhr

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