SENDETERMIN So, 23.06.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

Schriftsteller Boualem Sansal über seine algerische Heimat

PlaySchriftsteller Boualem Sansal auf der Frankfurter Buchmesse 2016
Schriftsteller Boualem Sansal über seine algerische Heimat | Video verfügbar bis 23.06.2020 | Bild: picture-alliance / Ulrich Baumgarten

Nach einem jahrzehntelangen Koma wacht das algerische Volk wieder auf. Ob Berber oder Araber, Strenggläubige oder Progressive: Alle stehen auf gegen die autoritäre Führung und demonstrieren - entschlossen wie nur selten in der Geschichte des Landes. Seit Wochen trotzen Hundertausende Zensur und Versammlungsverbot. Friedlich und vereint - wie zuletzt gegen die französischen Besatzer. Ein Aufstand, der so plötzlich wie unvermeidbar ist, so der algerische Autor Boualem Sansal. "Das algerische Volk wurde jahrelang entmündigt und seiner Würde beraubt. Vom Regime gedemütigt, beleidigt, verachtet, bestohlen. Denn ein totalitäres System sichert sich seine Macht immer durch Gewalt. Und in den letzten 20 Jahren hat Bouteflika mithilfe der Armee genau das getan. Dissidenten ins Gefängnis gesteckt. Leute für den eigenen Vorteil korrumpiert, Freiräume immer weiter begrenzt und überwacht."

Lange ging das gut. Dank sprudelnder Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft konnte das Regime den sozialen Frieden erkaufen. Subventionen und Hilfsgelder glichen hohe Arbeitslosigkeit und Inflation aus. Doch dann sinkt der Rohstoffpreis, die Reserven erschöpfen sich. Die Armut wächst.

Ein wirklicher Machtwechsel?

Menschen demonstrieren in Algerien
Seit Monaten gehen die Menschen in Algerien auf die Straße. | Bild: NDR

Gerade die Jungen, die mehr als die Hälfte des Volkes ausmachen, fühlen sich ihrer Zukunft beraubt. Als der greise Bouteflika wieder kandidiert, läuft das Fass über. Das Regime warnt vor einem neuen Bürgerkrieg. Doch das hält niemanden auf. Denn den Terror der Islamisten in den 90er-Jahren haben viele der Jungen selbst nicht erlebt. Anfang April wird der Druck zu groß. Bouteflika tritt zurück. Ein Sieg? Autor Autor Boualem Sansal meint: "Euphorie taugt nicht als Dauerzustand. Denn die Zeit vergeht, und je mehr Zeit vergeht, desto gefährlicher wird es wirtschaftlich und sozial. Das Volk muss jetzt neue Vertreter wählen, am besten aus seiner eigenen Mitte. Aber Vorsicht! Wir stehen vor einem Schattentheater. Hinter vielen Anwärtern steckt in Wahrheit immer noch das Regime. Da soll sich niemand täuschen!" Dieses Vakuum ist derzeit die größte Gefahr. Während die Armee auf zügige Neuwahlen drängt, um ihre Macht zu sichern, fordern die Demonstranten Gerechtigkeit. Und pochen auf einen echten Wandel.

Bauernopfer oder Aufarbeitung?

Tatsächlich ermittelt die Justiz nun gegen ein Dutzend alter Eliten. Für Kritiker sind das nur Bauernopfer. Sansal findet, es wäre ein Sieg gewesen, "wenn Bouteflika verhaftet worden wäre. Aber sein Apparat, seine Generäle, die sind immer noch da. Dennoch: Mit dem Militär wird man verhandeln müssen. Unausweichlich. Je länger das Chaos dauert, desto aggressiver wird es zugehen."

Dass die meisten die Armee ablehnen, erschwert den Übergang. Für Sansal ist das aber längst nicht die größte Hürde: "Wir sind auch Gefangene dessen, was das Regime immer 'nationale Konstanten' genannt hat. Zum Beispiel, dass wir alle Araber sind. Oder Muslime. Die Regierung hatte eine Identität für das algerische Volk definiert und die Grenzen klar abgesteckt. Wir müssen uns davon befreien. Denn wir sind viel mehr als das und sollten es zeigen dürfen." Der Weg dahin sieht derzeit noch steinig aus. Und doch gibt die Einheit der Demonstranten Hoffnung, dass in Algerien jetzt eine neue, selbstbewusste Nation entsteht.

(Beitrag: Sandra Aïd)

Das neue Buch von Boualem Sansal, "Der Zug nach Erlingen", erscheint Ende August 2019 im MERLIN Verlag.

Stand: 24.06.2019 09:37 Uhr

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 23.06.19 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
DasErste